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Jürgen Trittin: Wahlkampf bis zum Schluss

Foto: David Ebener/ dpa

Umfrageabsturz der Grünen Trittins falsche Steuererklärung

Jürgen Trittin ist die zentrale Figur der Grünen - und wenn sich seine Partei in den Umfragen nicht erholt, wird er nach dem 22. September für die Schlappe geradestehen müssen. Vor allem der Steuererhöher-Nimbus bereitet Probleme. Die Hoffnungen ruhen nun auf dem Endspurt im Wahlkampf.

Berlin - Es ist seine Wahl. Und er wird am Ende mit dem Ergebnis nach Hause gehen. Das wusste Jürgen Trittin, 59, schon seit Monaten. Spätestens, seitdem er nicht mehr nur als die Grünen-Führungsfigur galt, sondern auch von der Basis zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl gewählt wurde - mit großem Abstand vor Katrin Göring-Eckardt, 47. Trittin war der künftige Vizekanzler, entweder Finanz- oder Außenminister, jedenfalls der nächste grüne Staatsmann nach Joschka Fischer.

Nun könnte Trittin nach dem 22. September als der große grüne Wahlverlierer dastehen.

Anderthalb Wochen vor dem Wahltag sind Trittins Grüne weiter im Umfragen-Sinkflug. In der aktuellen Forsa-Befragung rutschten sie zum ersten Mal seit vier Jahren unter die 10-Prozent-Marke. Zur Erinnerung: Vor anderthalb Jahre notierte Forsa die Grünen noch bei 23 Prozent, andere Institute sahen die Partei damals nahe 30 Prozent.

Trittin ist immer skeptisch gewesen angesichts dieser Zahlen. Er hat wieder und wieder betont, dass man sich darauf nicht ausruhen dürfe und er die Grünen auf einem niedrigeren Niveau sehe. Aber die Ansprüche haben sich geändert, man denke nur an den grünen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.

10,7 Prozent holten die Grünen bei der Bundestagswahl 2009. Was damals als Rekordergebnis gefeiert wurde, käme vier Jahre später einer Enttäuschung gleich.

Es bleiben noch zehn Tage

Aber noch bleiben Trittin und seiner Partei zehn Tage. So lange haben sie Zeit, den Niedergang zu stoppen und wieder Richtung 15 Prozent zu marschieren. Dann könnte es, da die Werte der SPD und ihres Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück steigen, während die Union Nerven zeigt und die FDP schwächelt, am Ende sogar doch noch für Rot-Grün reichen.

Der Grünen-Vormann gibt sich optimistisch: "Es gibt immer noch viele unentschlossene Wähler, einige Parteien sind überschätzt, andere unterschätzt." Gerade haben Trittin und Co-Spitzenkandidatin Göring-Eckardt einen Brief an die Mitglieder versandt, Überschrift "Auf geht's in den Endspurt!", in dem sie die Basis zum Kämpfen auffordern.

Trittin kämpft. Gibt ein Interview nach dem anderen, geht in Talkshows, auf die Marktplätze. Wenn er wie am Mittwochnachmittag in Mannheim auftritt oder am Abend in der Karlsburg in Durlach, erleben die Zuschauer einen Mann, der von den schlechten Zahlen ungerührt scheint. Trittin gibt seit seinem Herzinfarkt vor dreieinhalb Jahre noch mehr acht auf seine Gesundheit, das merkt man ihm an.

Aber kann er, können die Grünen den Negativtrend noch einmal umkehren? Am Mittwochfrüh, in der allmorgendlichen Telefon-Schalte der Spitzenkandidaten Trittin und Göring-Eckardt mit dem Bundesvorstand, war man sich einig, so ist zu hören: Ruhe bewahren, bloß keine Panik.

Was ist schiefgelaufen?

Es macht die Sache nicht einfacher, wenn man wie Jürgen Trittin glaubt, so gut wie alles richtig gemacht zu haben: Steuererhöhungen für mehr Investitionen in Bildung und Infrastruktur - das haben die Grünen auf Bundes- und Landesebene über anderthalb Jahre diskutiert, bevor es Parteitagsbeschluss wurde. Nicht geplant war dagegen, dass die Grünen in diesem Wahlkampf als Steuererhöhungspartei wahrgenommen werden.

Gleiches gilt für die Debatte um den "Veggie Day" - Stichwort grüne Verbotspartei. Das sei ein Label, das die Parteienkonkurrenz und die Medien den Grünen aufgedrückt hätten, heißt es - dabei seien die Argumente glasklar grün: Tierschutz, Umweltschutz, Verbraucherschutz.

Und der Vorwurf, die Grünen hätten zu wenig auf ihre Kernthemen gesetzt, vor allem die Energiewende? Ex-Umweltminister Trittin dürfte sich zugute halten, das Thema immer wieder beackert zu haben, mit Papieren, Konferenzen, Gesetzesvorschlägen - aber es habe eben zu wenig Aufmerksamkeit dafür gegeben.

Am Ende würde es ihm nicht helfen: Falls es nicht für eine Koalition mit der SPD reicht, wird ab 18 Uhr am 22. September abgerechnet bei den Grünen - und mit Jürgen Trittin.

Sollte es noch zu einem respektablen Ergebnis über dem Wert von 2009 reichen, könnte er einigermaßen aus der Sache herauskommen. Zumal für den Fall, dass Angela Merkel die Grünen als Koalitionspartner braucht, wohl nur Trittin als ebenbürtiger Verhandlungspartner in Frage käme. Dann wäre er über Umwege doch noch der große Sieger - und ebenfalls Vizekanzler.

Aber bei einem Ergebnis um die zehn Prozent dürfte es für Trittin eng werden. Zumal wohl die Rufe nach einem Generationswechsel dann wieder sehr laut würden. Auf Trittins Flügel, der Parteilinken, gibt es offenbar schon den einen oder anderen, der sich Chancen auf den Fraktionsvorsitz ausrechnet, die deutliche jüngere Göring-Eckardt wäre wohl als neue Anführerin der Realos auch für die Position der Fraktionschefin gesetzt.

Gut möglich allerdings, dass Jürgen Trittin diese Debatten gar nicht erst abwartet. Sein ewiger Antipode Joschka Fischer hat ja 2005 vorgemacht, wie souverän ein Abgang aus eigenen Stücken wirken kann.