Grüner Spitzen-Politiker Kretschmann Mit den Schwarzen grün werden

Er ist wertkonservativ, gläubig und öko-bewusst: Winfried Kretschmann, Spitzenkandidat der baden-württembergischen Grünen für die Landtagswahl im März. Mit ihm ist eine schwarz-grüne Koalition möglich. Auch, weil seine Partei kaum eine andere Wahl hat.

Von Sebastian Christ, Stuttgart


Stuttgart - Winfried Kretschmann ist ein Grüner, den auch CDU-Wähler toll finden könnten. Siebenundfünfzig Jahre alt, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Werte sind ihm wichtig. Und wenn er richtig in Fahrt ist, spricht er der schwarz-gelben Landesregierung in Stuttgart schon mal das Deutungsmonopol für konservative Politik ab. "Ich mache eine werteorientierte Politik. Das unterscheidet sich stark von Orientierungslosigkeit und Pragmatismus als Selbstzweck, wie ihn Herr Oettinger verfolgt."

Kretschmann: Die Grünen könnten eine entscheidende Rolle spielen
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Kretschmann: Die Grünen könnten eine entscheidende Rolle spielen

Bei den kommenden Landtagswahlen in Baden-Württemberg könnten den Grünen eine entscheidende Rolle spielen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik scheint eine schwarz-grüne Koalition auf Landesebene möglich. Wenn sie nicht jetzt kommt, dann vielleicht in vier Jahren. Kretschmann ist Spitzenkandidat seiner Partei. Mit ihm ist alles möglich.

Der Sigmaringer ist Gründungsmitglied der baden-württembergischen Grünen. Zwanzig Jahre lang war er deren umweltpolitischer Sprecher. Er hat die ganze Partei-Evolution mitgemacht. Jetzt ist er Spitzenkandidat einer enorm beweglichen Partei geworden. Eine, die links und rechts im Politspektrum so viel Platz gewonnen hat, dass sie nach jeder Wahl wie auf einer Wippe hin- und herrutschen und dem jeweils wohlgesonneneren Lager zum entscheidende Mehrgewicht verhelfen könnte. Auch wenn es manchem Altlinken nicht passt, und den Attac-Sympathisanten noch weniger: Die Reise geht in die politische Mitte. Und der Zug dahin ist schon längst abgefahren.

Möglichst viel Spielraum

Natürlich lehnt es Kretschmann ab, eine Koalitionsaussage zu machen. Es geht ihm vor allem darum, möglichst viel Spielraum für seine Partei rauszuholen. Was aber jeden linken Tübinger Politologiestudenten sofort stutzig machen würde, das ist die Art und Weise, mit der Kretschmann seine politischen Rechenspiele betreibt. Da ist nichts mehr zu spüren von der ekelerfüllten Überbetonung, mit der grüne Politiker noch in den 90-er Jahren die Abkürzung Ceh-Deh-Uh aussprachen. Kretschmann ist ein knallharter Realo. Mit der SPD geben es wenig Chancen, sagt er. "Da müsste es ja eine riesige Wählerbewegung geben." Er sortiert die Optionen seiner Partei wie Spielkarten und kommt zu dem Schluss, dass eine Koalition mit den Bürgerlichen grundsätzlich möglich ist. Unter bestimmten Bedingungen. Kommt drauf an, wie weit ihm die Christdemokraten entgegenkommen.

Kretschmann findet die Debatte über Schwarz-Grün spannend. Zeige sie doch, dass die Menschen mehr Einfluss für seine Partei wollten. Doch mittlerweile wird von Mannheim bis Konstanz so laut über ein neues Politbündnis geredet, dass Kretschmann die Notbremse ziehen muss. Er stänkert gegen Ministerpräsident Oettinger: "Ihm fehlt oft die klare Linie, deshalb ist vieles auch so unausgegoren." Er bedient die altgrüne Parteiseele. "Wenn es hier zu einer entsprechenden Mehrheit kommen sollte dann wird es auch Rot-Grün geben. Aber auch hier gilt: Inhalte vor Macht. Es wäre ja höchst merkwürdig, wenn der Wähler nach 50 Jahren die CDU ablösen will und wir dem dann nicht nachkommen würden." Darüber hinaus sei Oettinger den Grünen bisher nur in einer einzigen Sachfrage entgegen gekommen: der Bildungspolitik.

Kretschmann redet seine Partei flexibel. Der deutsche Südwesten als Land der unbegrenzten Möglichkeiten. "Die baden-württembergischen Grünen sind die Erfinder der Realos. Ich denke, dass wir heute eine außerordentlich pragmatisch handelnde Partei sind." Er geht sogar noch weiter: "Unser Programm ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen." Man könnte das als eine Aufforderung zum politischen Partnertausch verstehen. Man könnte.

Alteingesessene Hippie-Hasser

In wie weit die Konservativen da mitspielen, steht freilich auf einem anderen Blatt Papier. Den Christdemokraten galten Kretschmanns Parteikollegen noch vor gar nicht allzu langer Zeit als stricknadelschwingende Krötenbeschützer. Und manch ein alteingesessener Hippie-Hasser in der CDU tut sich bis heute schwer, den Wandel der Grünen von Radikaldemokratie zur Realpolitik nachzuvollziehen. Doch auf dem Parteitag der Christdemokraten Mitte dieses Monats war die Kritik an den Grünen auffällig lau, und die Lästerlaute gegenüber dem eigenen Koalitionspartner unüberhörbar. CDU-Generalsekretär Thomas Strobl nannte die FDP "weiße Ware": Sie sei "farblos" und "ohne Köpfe". Harmonie klingt anders.

Zusätzliche Dynamik könnte die Diskussion dann gewinnen, wenn die Liberalen bei der Landtagswahl am 26. März schlecht abschneiden oder wenn eine fünfte Partei in den Stuttgarter Landtag einzieht. Die WASG steht in den Umfragen bei drei bis vier Prozent. Spätestens dann wäre auch der letzte Stratege in der CDU-Zentrale gezwungen, über neue Koalitionsmöglichkeiten nachzudenken.

Im kommenden Wahlkampf sollten Christdemokraten und Grüne jedenfalls nicht großartig aneinander geraten. Sogar um das Thema Studiengebühren will Kretschmann einen Bogen machen. Parteikollegen aus anderen Bundesländern hätten den Beschluss zur Einführung der Uni-Maut als Steilvorlage angenommen. Kretschmann kickt den Ball gelangweilt ins Aus: "Wir lehnen das Konzept der Landesregierung ab, aber das ist ja jetzt beschlossene Sache." Schwerpunkte der grünen Wählerrhetorik sollen Integration, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sowie die ökologische Modernisierung sein. Somit dürfte einzig die Forderung Oettingers nach Verlängerung der Kraftwerks-Laufzeiten wirkliches Konfliktpotenzial in sich bergen. Als Kretschmann auch den letzten wohlüberlegten Satz zum Wahlprogramm gezimmert hat, schiebt er noch einen hinterher. Es ist einer von diesen brutalst möglichen Realo-Sätzen, mit denen die ganze Diskussion um Schwarz-Grün erst angefangen hat. "Das alles muss unterfüttert werden mit einer soliden Haushaltspolitik, die unseren Haushalt saniert und kräftig spart." Wenn dass kein Zeichen ist.



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