Grüner Trittin zu Merkels Griechen-Krise "Weniger Stammtisch, mehr Helmut Kohl"

Hat sich die Bundesregierung in der Griechen-Krise verzockt? Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin rechnet in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE mit Angela Merkel ab, verlangt Hilfskredite unter Beteiligung der Finanzindustrie - und fordert, sich auf Ideen des CDU-Altkanzlers zu besinnen.

Regierungschefs Papandreou, Merkel: "Zögern und Zaudern" gegenüber den Griechen?
dpa

Regierungschefs Papandreou, Merkel: "Zögern und Zaudern" gegenüber den Griechen?


Seit Wochen weiß man, dass eine Rettung Griechenlands im Interesse Europas und im Interesse Deutschlands ist. Doch statt ihre Aufgabe als Chefin der Bundesregierung wahrzunehmen und das den Menschen zu erklären, lässt sich die Kanzlerin von der Boulevardpresse als Mischung aus Bismarck und Eiserner Lady feiern.

Mit Blick auf die Wahl in Nordrhein-Westfalen zögert und zaudert sie und lässt die Populisten und Nationalisten in den Koalitionsparteien ungehindert pöbeln. Vermutlich hat sie gehofft, ihre übliche Taktik würde aufgehen: Sie wartet ab, und was sich dann sowieso vollzieht, erklärt sie zu ihrer Entscheidung.

So gleicht sie dem König im Kleinen Prinzen, der den täglichen Sonnenaufgang zu seiner Tat erklärt.

In Sachen Griechenland geht dieses Politikverständnis nun gründlich in die Hose. Denn Zögern und Zaudern, öffentliches Austesten, ob ihr die Rolle der Madame Non oder der Mademoiselle Vielleicht besser steht, hat sich in der Griechenland-Krise als ein Turbo zur Krisenverschärfung erwiesen. Und noch nie war ihr Zögern so teuer, haben doch die Spekulanten als Reaktion darauf die Schulden der Griechen noch einmal kräftig nach oben getrieben.

Deutsche Arbeitsplätze durch griechischen Pump

Dabei hat Deutschland ein erstes Interesse an einer Rettung Griechenlands. Wer hat denn jahrelang von einer verantwortungslosen Überschuldungspolitik Griechenlands bestens gelebt? Nicht nur deutsche Rüstungsfirmen haben ihre Güter auf Pump nach Griechenland verkauft. Die auf Pump auch bei deutschen Banken finanzierte Nachfrage in Griechenland hat in Deutschland bei vielen Unternehmen Arbeitsplätze geschaffen und gesichert.

Doch nicht doppelte Moral und Heuchelei des Stammtisches stehen hier zur Debatte. Eine andere Frage muss im Mittelpunkt stehen: Was wäre das Ergebnis, wenn Griechenland die Währungsunion verlassen würde?

Die Menschen dort würden ihre Euro-Ersparnisse so schnell wie möglich von ihren Bankkonten abheben, um sie vor der erwarteten Abwertung zu schützen. Die Folge: ein Run auf die Banken, den - mindestens - das griechische Finanzsystem kaum überleben dürfte.

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Fotostrecke: Die wichtigsten Fakten zur Euro-Krise
Der Staatsbankrott wäre unausweichlich. Die griechische Wirtschaft, die in Euro verschuldet ist, würde in den Ruin getrieben. Die Gläubiger müssten einen Großteil ihrer Forderungen abschreiben.

In vergleichbaren Fällen wie Argentinien 2001 und Russland 1998 mussten sie im Durchschnitt auf 73 Prozent beziehungsweise 82 Prozent ihrer Forderungen verzichten. Allein deutsche Banken halten 43 Milliarden Euro Forderungen an den 240 Milliarden Euro Auslandsschulden Griechenlands.

Die Folgen dieses erneuten Schocks für das fragile Bankensystem und den Bankenrettungsfonds sind leicht vorstellbar. Und weil damit sofort die nächste Spekulationswelle gegen Portugal oder Spanien befördert würde, wäre die Stabilität der Währungsunion in der gegenwärtigen Form ernsthaft gefährdet.

Von Madame Non zu Erbtante Oui

Anders gesagt: Was uns der rechte Rand als Lösung vorschlägt - ein Verlassen der Währungsunion -, ist die gefährlichste Alternative. Es hieße aus Angst vor dem Tod Selbstmord zu begehen. Die Kosten wären gerade für Deutschland, das besonders von der Einführung des Euro profitiert hat, immens. Erst die gemeinsame Währung legte den Grundstein für einen Exportboom in die Länder der Euro-Zone. Die Vorschläge aus dem nationalistischen Lager sind nicht im Interesse der Exportnation Deutschland.

Mehr Helmut Kohl und weniger Stammtisch wären das Gebot der Stunde gewesen. Aus innenpolitischen Motiven zu warten, zu verzögern und zu blockieren, hat die Krise verschärft und die Spekulation gegen Griechenland angeheizt. Das Problem wurde größer, nicht kleiner.

Der wirtschaftliche und europapolitische Flurschaden ist umso ärgerlicher, als Merkels Position nicht nur falsch, sondern - absehbar - unhaltbar war. Vom Ende her gedacht war klar, dass aus Madame Non innerhalb weniger Tage Mademoiselle Vielleicht und am Ende die Erbtante Oui werden würde, die dann aber mehr zahlen muss und dies zu schlechteren Konditionen.

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Seite 1
SBasker 01.05.2010
1. Nebelkerze
Zitat von sysopHat sich die Bundesregierung in der Griechen-Krise verzockt? Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin rechnet in einem Gastbeitrag für SPIEGEL ONLINE mit Angela Merkel ab, verlangt Hilfskredite unter Beteiligung der Finanzindustrie - und fordert, sich auf Ideen des CDU-Altkanzlers zu besinnen. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,692458,00.html
Die Forderung nach Hilfskrediten unter Beteiligung der Finanzindustrie ist nur eine Nebelkerze. Sie erinnert an die Strapazierung des Wortes "Gier" im Zusammenhang mit der Bankenkrise. Die Frage ist doch: Was wird mit dem Euro passieren? Ist also der Euro selbst in Gefahr? Paul Krugmans Antwort: "Mit einem Wort, ja." Paul Krugman: Griechenland, Portugal und Spanien sitzen in der Euro-Falle (http://www.kumran.de/paul-krugman-griechenland-portugal-und-spanien-sitzen-in-der-euro-falle/)
Nothing is irreversible 01.05.2010
2. Sehr schön
daß Jürgen hier Antoine de St.-Exupery bemüht. Um mit diesem zu sprechen: 'Deckt sich das Interesse des Kapitals nicht mehr mit den Interessen der Nation, das heißt der Menschen, so möge es einer anderen Struktur Platz machen…'
cosmo72 01.05.2010
3. Enteignung und Zerstörung der Nationen durch konstruierte Krise
Enteignung und Zerstörung der Nationen durch konstruierte Krise Diese "Krise" ist schon lange so geplant gewesen und der Euro war ausgelegt, genau diese Misstände zu erlauben - *das Ziel ist die EU zum Staat zu machen und den Menschen & Bürgern ihre Herkunftländer zu nehmen!* Sie hören den Ruf doch allethalben : *mehr Einfluss für die EU hier und da, jenes wäre angeblich nicht passiert wäre die EU stärker gewesen und das würde ohnehin schon besser laufen, gäbe es keine nationalen Parlamente mehr!* Wann hat mehr Bürokratie mehr Demokratie und sinkende Steuern oder Verbesserung der staatlichen Leistungen erbracht ?! (http://alles-schallundrauch.blogspot.com/2010/04/statt-wahrungsunion-eine.html)
heuwender 01.05.2010
4. neue Zockerin
Genau,Tantchen Angela die von sich glaubt ein Superhirn zu sein,hat sich in der Griechenkriese verzockt,auch ist das Mädchen aus der Uckermark gleich vorgeprescht ohne zu überlegen,was sie eigentlich immer macht. Der dumme Wähler wählt dann wieder schwarz und geht der leimrutenlegenden Partei mit dem grossen "C" wieder einmal auf den LEIM und geht für andere Länder arbeiten um genug Steuern aufzubringen.
running_on_empty 01.05.2010
5. Grüne Weltverbesserer stehen nun einmal auf Kohl!
Hätte nie gedacht, daß ein grüner Oberapostel Schulden mit noch mehr Schulden bekämpfen will. Aber wer sich schon als Umweltverbesserer nach Helmut Kohl zurücksehnt, hat wahrlich seinen Leithammel gefunden. Überraschend auch die unverhohlene Gleichung: Griechenland-Bankrott = Schock für Bankensystem und den Bankenrettungsfonds = Gefährdung von Stabilität der Währungsunion in der gegenwärtigen Form Ist das noch eine Drohung oder schon unverhohlene Panikmache? Dümmer geht es nimmer. Offensichtlich hat der Wirtschaftssozialismus der Kanzlerin auch die grüne Klientel angesteckt. Oder fühlten die sich beim Gedanken an den Sozialismus nicht sowieso schon immer besonders wohl? Wer den Ausschluß Griechenlands aus der Währungsunion fordert und die Wiedereinführung der Drachme fordert, gehört automatisch zum rechten Rand? Stattdessen soll ein dreijähriges Kreditprogramm "den Griechen die dringend erforderliche Zeit (verschaffen), die sie für die Bewältigung ihrer Krise brauchen." Herr Trittin, für wie bescheuert halten Sie eigentlich die Wähler (die eigene Klientel eingeschlossen), um auf so einen Unsinn reinzufallen? Selbst der IWF macht deutlich, daß unter 10 Jahren gar nichts läuft. Bye bye Credit. Der angemahnte Bankenschock, den es zu vermeiden gilt, kommt nämlich ganz von allein - nur eben verzögert. Und mit der zukünftigen Instabilität der Währung findet ganz wie von selbst auch ein deutscher Staatsbankrott statt.
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