Grünes Manifest Abschied vom Macho-Mann

Sie wollen nicht länger Machos sein - sondern endlich Menschen: Eine Gruppe männlicher Grüner fordert mehr feministisches Engagement ihrer Geschlechtsgenossen. Das Manifest sorgt für ordentlich Häme in der Männerwelt. Aber auch nicht alle grünen Frauen sind überzeugt.
Grüne NRW-Spitzenfrauen mit Parteichefin Roth in der Mitte: Wo bleiben die Männer?

Grüne NRW-Spitzenfrauen mit Parteichefin Roth in der Mitte: Wo bleiben die Männer?

Foto: Bernd Thissen/ picture alliance / dpa

Grünen

Berlin - Sie waren immer Vorreiter beim Thema Frauenrechte: Als erste Partei führten die eine Quotierung für Listenplätze ein - stets beginnend mit einer Frau auf Position eins. Auch die gelosten Redebeiträge bei Grünen-Parteitagen werden seit jeher streng quotiert, es sprechen immer Frauen und Männer abwechselnd. Keine andere deutsche Partei nimmt das Thema Gleichberechtigung ernst - am Wochenende findet in Bonn wieder einmal eine zweitägige Bundesfrauenkonferenz statt.

Manches männliche Parteimitglied findet, man übertreibe es mitunter ein bisschen bei diesem Thema. Aber öffentlich sagt das natürlich keiner - stattdessen äußert sich nun eine Gruppe junger Grüner, denen das noch viel zu wenig ist: "Nicht länger Machos sein müssen!" ist das grüne Männer-Manifest für "Gleichberechtigung und männlichen Feminismus"  überschrieben. Zu den Unterzeichnern gehören zahlreiche Europa-, Bundestags- und Landtagsabgeordnete.

"Wir wollen nicht länger Machos sein müssen, wir wollen Menschen sein!", heißt es in dem Aufruf. "Man wird nicht als Mann geboren, man wird dazu gemacht."

Das Manifest stellt zweierlei fest: Einmal müssten Männer endlich von ihren tradierten Rollenmustern wegkommen. "Wir brauchen ein neues Bewusstsein für eine neue Männlichkeit", schreiben die Autoren Sven Lehmann und Jan Philipp Albrecht. Zum anderen sollten ihre Mit-Männer endlich einsehen, dass wirkliche Gleichberechtigung nicht ohne sie zu erreichen sei.

Das sei keineswegs zum Nachteil ihrer Geschlechtsgenossen, glauben Lehmann - Mitglied des grünen Landesvorstands in Nordrhein-Westfalen - und der Europa-Parlamentarier Albrecht. "Wir wollen anders leben!", lautet ihr Appell: Entschleunigung, weniger Profitdenken, mehr Gesundheitsbewusstsein. Sie wollen "Boy's Days und ein geschlechtersensibles Bildungs- und Berufsberatungsangebot".

Denn, behaupten die Autoren: "Das Interesse am Maschinenbau ist nicht angeboren."

Natürlich gibt es für das Manifest, seit kurzem im Internet zu lesen, ordentlich Dresche aus der Männer-Welt. Mit Kommentaren à la "Scheiß Schwuppen" hätten sie natürlich gerechnet, sagt Mit-Verfasser Albrecht. Interessant seien allerdings auch solche mit dem Hinweis: "Was kümmert ihr euch überhaupt um das Thema?" Denn genau darum ginge es doch, glaubt er: "Die Frauen haben vorgelegt - nun müssen wir Männer nachziehen." Co-Autor Lehmann drückt das so aus: "Wo bleiben eigentlich die Männer in der Debatte über die gleichen Rechte?"

Parteichef Özdemir begrüßt das Manifest

Cem Özdemir

feministischen

Unterzeichnet ist das Manifest von Realos wie Parteilinken, hetero- wie homosexuellen Grünen-Politikern. Und so wundert es nicht, dass selbst Parteichef die Initiative begrüßt. "Geschlechtergerechtigkeit ist für uns Grüne schon seit Gründungstagen ein zentrales Anliegen", sagt er. "Folgerichtig ist das auch ein Thema für Männer." Die Problematik beschreibt der geschmeidige Özdemir - ganz im Ton der Debatte - folgendermaßen: "Eine gesellschaftliche Diskussion von Männern über Männer liegt in der Luft, auch wenn mancher von ihnen sich bei der Dekonstruktion seiner Männerrolle erst mal etwas unbehaglich fühlt."

Auch der Grünen-Chef hat zuletzt Erfahrungen in der Männer-Experimentierwerkstatt gesammelt: Weil er nach der Geburt seines zweiten Kindes eine mehrwöchige Auszeit vom Parteivorsitz nahm, war Özdemir der Wickel-Politiker der Stunde. Aber auch das ist den Anti-Macho-Manifestlern aus seiner Partei zu wenig: Würden Männer damit wirklich zu "neuen Vätern?", fragen sie. "Oder handelt es sich nicht in Wirklichkeit um eine 'Vater morgana', die Vätern lediglich eine verlängerte Auszeit vom Job ermöglicht ...?"

Das könne man schon als kleine Spitze gegen die Wickel-Inszenierung des eigenen Vorsitzenden verstehen, sagt ein Unterzeichner. Andererseits sei den meisten durchaus klar, dass ein Parteichef eben nicht gleich für ein halbes Jahr in Väterzeit gehen könne.

Grüne Frauen wollen mehr

Und was sagen die grünen Frauen? Astrid Rothe-Beinlich, frauenpolitische Sprecherin der Partei, freut sich über das Männer-Manifest. "Die Grünen waren ja schon immer eine progressive Partei", sagt sie. Es sei tatsächlich an der Zeit, "dass sich auch Männer für das Thema Gleichberechtigung zuständig fühlen". Allerdings dürften sich ihre Parteifreunde nicht mit dem Manifest zufriedengeben, fordert das Bundesvorstandsmitglied. Die Frage sei nun: "Wie kann man das umsetzen?"

Auch Franza Drechsel, frauen- und genderpolitische Sprecherin der Grünen Jugend, lobt das Papier grundsätzlich. "Es ist gut, dass sich Männer überhaupt an der Debatte beteiligen", sagt sie. Aber: "Das geht alles nicht weit genug." Im Grunde genommen "verharrten die Autoren immer noch in der Zweigeschlechtlichkeit", bemängelt das Vorstandsmitglied der Grünen Jugend. Vor allem sei plötzlich nur noch von den Männern die Rede: "Langfristig geht das nur gemeinsam", sagt Drechsel. Nur: Die Grünen Frauen agieren auch nicht eben kooperativ. Am Wochenende ist man fast komplett unter sich, die Referenten beim Bundesfrauenkongress in Bonn sind ausschließlich weiblich.

Die Frage ist: Wann blasen die grünen Anti-Machos zum ersten Bundesmännerkongress?

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