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20. März 2010, 12:01 Uhr

Grundgesetzänderung

Nachtsitzung bringt Durchbruch für Jobcenter-Reform

Kompromiss zur Zukunft der Jobcenter: In einer langen Nachtsitzung einigte sich die Regierung mit der SPD auf eine Grundgesetzänderung zur Betreuung von Hartz-IV-Empfängern. Die umstrittenen Optionskommunen soll es auch künftig geben - doch die Zahl wird gedeckelt.

Berlin - 13 Stunden verhandelte die Arbeitsgruppe, am Ende dann der Durchbruch: Im Ringen um die Neuorganisation der Jobcenter zur Betreuung der 6,8 Millionen Hartz-IV-Empfänger haben Union, FDP und SPD einen Kompromiss erzielt.

Die Bund-Länder-Arbeitsgruppe habe sich "in zentralen politischen Fragen verständigt", teilte das Arbeitsministerium von Ursula von der Leyen (CDU) am Samstagmorgen mit. Das letzte Wort werde eine Spitzenrunde in der kommenden Woche haben. Mit der Einigung werde die Vermittlung und Betreuung von Langzeitarbeitslosen aus einer Hand gewährleistet.

Damit rückt das Ende des monatelangen Streits näher. Der Konflikt hatte sich an einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts entzündet. Karlsruhe hatte eine Neuorganisation der Jobcenter bis Ende 2010 verlangt, weil in ihnen die Aufgaben von Kommunen und Arbeitsagenturen unzulässig vermischt würden.

Details der Verständigung teilte das Ministerium nicht mit. Aus Verhandlungskreisen erfuhr SPIEGEL ONLINE, der Kompromiss sehe eine Grundgesetzänderung vor, um den 346 gemeinsam von Kommunen und Bundesagentur für Arbeit getragenen Jobcentern einen Fortbestand über das Jahresende 2010 hinaus zu ermöglichen.

Auch diesen Jobcentern soll aber auf Wunsch der Union die Option eingeräumt werden, dass die Kommunen die Betreuung der Langzeitarbeitslosen in Alleinregie übernehmen. Allerdings soll die Zahl solcher Optionskommunen begrenzt werden - eine Bedingung der SPD. Derzeit gibt es 69 von ihnen. Künftig sollten es nicht mehr als 110 sein, hieß es aus Verhandlungskreisen. Zusätzliche Optionskommunen soll demnach nur geben, wenn sich diese "harten Zulassungskriterien" und einem "einheitlichen Kontrollregime" unterwerfen. Union und Arbeitsministerium hatten ursprünglich gefordert, die Ausweitung der Zahl der Optionskommunen nicht zu deckeln.

Die SPD als größte Oppositionsfraktion sitzt mit am Verhandlungstisch, weil die Koalition für eine Grundgesetzänderung in Bundestag und Bundesrat auf die Stimmen der SPD angewiesen ist.

Auch an anderer Stelle drängt von der Leyen auf Veränderungen. Schnellstmöglich, so die Arbeitsministerin, müssten Arbeitgeber und Gewerkschaften den Missbrauch bei der Leiharbeit unterbinden. Andernfalls werde sie gesetzgeberisch handeln. "Wenn die Branche nicht schnell die Kraft aufbringt, das eigenständig und schnell zu regeln, werden wir einen Riegel vorschieben", sagte von der Leyen dem SPIEGEL.

Insbesondere soll künftig unterbunden werden, dass Firmen wie im Fall der Drogeriekette Schlecker die Möglichkeit haben, ihre Stammbelegschaften zu entlassen, um sie dann als Leiharbeiter wieder in den eigenen Firmen einzusetzen. Zudem könne es nicht sein, "dass Leiharbeiter dauerhaft schlechter entlohnt werden als festangestellte Arbeitnehmer, die im selben Betrieb dieselbe Arbeit machen", sagt von der Leyen. In beiden Fällen müssten die Tarifparteien bald eine befriedigende Lösung finden, sonst werde der Gesetzgeber aktiv. "Ich rechne da nicht in Monaten, sondern eher in Wochen", so die Arbeitsministerin.

vme/dpa/rtr

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