Guantanamo-Gefangene Neue Heimat München

Deutschland soll Gefangene aus Guantanamo aufnehmen - das werden die USA von Deutschland fordern. Für 17 Uiguren wäre München der perfekte Ort: Die Stadt ist bereit, sie unterzubringen. Doch Innenminister und Kanzlerin sträuben sich.

Von Merlind Theile, München


München - Häftling 281 könnte in München heimisch werden, genau wie die übrigen 16 Uiguren aus Guantanamo. Sie könnten Deutsch lernen im uigurischen Verein, sie könnten mit anderen Uiguren beten, könnten arbeiten im Imbiss "Taklamakan", benannt nach der heimischen Wüste, oder im Supermarkt "Umut", was Hoffnung heißt. Sie könnten sich vielleicht sogar verlieben in uigurische Mädchen, Kandidatinnen gäbe es, die Gemeinde ist jung.

Rund 500 Uiguren (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) leben in München, es ist die größte uigurische Gemeinschaft Europas. Ihre Mitglieder sind im Schnitt 35, die meisten gebildet, wenige arbeitslos, es gibt elf uigurische Kleinunternehmen. München wäre der perfekte Ort für die Landsleute aus dem US-Gefängnis in Guantanamo. Die Stadt hat sich bereit erklärt, sie aufzunehmen, doch Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) und Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sperren sich ebenso wie die Kanzlerin. Sie fürchten den Protest Chinas – in ihrem Herkunftsland gelten die Uiguren als potentielle Staatsfeinde.

Die Familie von Asgar Can, 49, verließ China aus Angst vor Unterdrückung und Folter. 1979 war Can einer der ersten Uiguren in Deutschland. Er lernte schnell die deutsche Sprache, studierte BWL. Danach beschloss er, von München aus für die Sache seines Volkes zu kämpfen.

Sein Verband, der "Weltkongress der Uiguren", versteckt sich in der Bahnhofsgegend in einem grauen Nachkriegsbau. Im dritten Stock wartet Can, ein freundlicher Mann mit Halbglatze und feinen Händen, die sachte die Luft zerteilen, wenn er von seinem Volk erzählt. Nach Deutschland kamen die meisten seiner Leute Anfang der Neunziger, als Mao lange tot und der Eiserne Vorhang gefallen war und man leichter herausgelangte aus China, wo Millionen Uiguren seit 1949 schikaniert und verfolgt werden, länger schon als die Tibeter.

In den Münchner Räumen, wo es Nachhilfe gibt und Tanzkurse, zeigt Can alte Porträts uigurischer Führer und die perlenbestickte Tracht. Sie seien ein stolzes Volk, sagt er, eines, das gern singt und tanzt, das älteste aller Turkvölker. Die Sprachen Vorderasiens wurzelten im Uigurischen, die Köche Chinas kopierten uigurische Gerichte; die Pasta, die Marco Polo aus Asien nach Europa brachte, hätten die Uiguren erdacht.

"Es wird immer schlimmer"

Die Erfinder der Nudeln können kein schlechtes Volk sein, sie wirken nicht weniger nett als die Tibeter, aber die Welt liebt sie nicht so sehr. Die Uiguren haben keinen Popstar namens Dalai Lama, keine Lobby in Hollywood und auch nicht den richtigen Glauben. Sie sind Muslime, sehr liberale zwar, gut verträglich mit der westlichen Lebensart, doch das zählte nicht nach dem 11. September 2001. Die 17 Uiguren waren auf der Flucht in den Westen, als pakistanische Kopfgeldjäger sie ans US-Militär verkauften. Nun sitzen sie in Guantanamo ein, seit sieben Jahren schon, obwohl inzwischen selbst die US-Behörden von ihrer Unschuld überzeugt sind.

Asgar Can konnte nie mit ihnen sprechen, er kennt nur ihre Namen und ihr Alter und einen Brief von Häftling 281. "Es ist nicht gut, wenn einem der Kontakt mit Sonnenlicht verboten wird, wenn man nur umgeben ist von Metallkäfigen", schrieb 2007 Abdul Ghappar Turkistani, 34. "Früher war ich sehr gesund, doch ich habe Rheuma bekommen. Meine Gelenke tun mir weh, und es wird immer schlimmer."

Can kann nicht ruhen seitdem. Er arbeitet beim Sozialreferat, doch seine freie Zeit gehört den unterdrückten Landsleuten, sie kosteten ihn 30 Urlaubstage allein im vergangenen Jahr. Can reiste zum Menschenrechtsbeauftragten der Bundesregierung, er sprach vor dem Menschenrechtsausschuss des Bundestags und vor dem EU-Parlament. Niemand konnte ihm zusagen, die 17 Uiguren aufzunehmen.

Asgar Can versteht die Politiker nicht. "Man redet immer von westlichen Werten, aber wenn es ernst wird, zieht man sich zurück. Das ist ein Drama!", ruft er noch. "Man muss das doch als Mensch sehen." Kräftig unterstützt wird Can von anderen Minderheiten, zum Beispiel von den bayerischen Grünen. Ein paar Kilometer von Cans Verein entfernt sitzt die Fraktionschefin Margarete Bause hinter ihrem Schreibtisch. Sie hat rote Locken und bringt "Lebenslust in die Politik", so steht es auf dem Wahlplakat an der Tür. Vor zwei Jahren luden die Münchner Uiguren sie zu einem Kongress, und plötzlich brach die Weltpolitik in Bauses enges Landtagsbüro.

"Bayern könnte ein Zeichen setzen"

Im Raum stand der chinesische Generalkonsul. Die Uiguren seien Terroristen, sagte er zu Bause, sie solle da nicht hingehen, sonst würden die deutsch-chinesischen Beziehungen belastet. Er klang drohend, Bause sagt, so was habe sie noch nie erlebt.

Das chinesische Generalkonsulat überwacht die Exil-Uiguren, und im vergangenen Spätsommer erklärte auch das Bayerische Landesamt für Verfassungsschutz die Gemeinde zum Prüffall. Zu klären ist, welche Rolle der Uigurische Weltkongress bei Anschlägen gegen chinesische Einrichtungen spielt. Bislang liegen den deutschen Behörden keine Erkenntnisse vor, welche die wilden Anschuldigungen der Chinesen belegen würden.

Für Margarete Bause spricht nichts dagegen, die Häftlinge aus Guantanamo nach München zu holen. "Bayern könnte damit international ein Zeichen setzen." Die Uiguren hier seien hervorragend integriert. Bause weiß das, ihr Sohn besucht dasselbe Gymnasium wie ein Sohn von Asgar Can.

Can ist stolz auf die Schulerfolge der uigurischen Kinder, er hat ausgerechnet, dass in München 27 Prozent aufs Gymnasium gehen, mehr als im deutschen Durchschnitt. Seine eigenen vier Kinder sollen alle studieren und später auch der uigurischen Sache dienen. Wie ihr Vater.

Auf die Häftlinge aus Guantanamo ist Asgar Can vorbereitet. Eine Organisation für traumatisierte Folteropfer hat er schon gefunden.



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