Jan Fleischhauer

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Alle gegen Jauch

Jauch-Bashing gehört in den gehobenen Kreisen zum guten Ton. Keine Sendung ohne Häme und Spott im Netz. Jauchs Vergehen? Die freundliche Normalität, mit der er Merkel-Deutschland verkörpert.
Moderator Jauch: Merkmal für ein Milieu

Moderator Jauch: Merkmal für ein Milieu

Foto: Paul Zinken/ dpa

Ein Freund hat mich gefragt, ob ich schon mal bemerkt hätte, was nach einer Jauch-Sendung auf Twitter los sei. Ich habe daraufhin nachgeschaut: Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Menschen eine Jauch-Sendung reizt, sich in abfälligen Kommentaren Luft zu verschaffen.

Manche Leute scheinen so auf Günther Jauch fixiert zu sein, dass sie jeden Sonntag einschalten, um sich anschließend darüber zu beschweren, wie absolut unansehbar seine Sendung wieder war. Es gibt sogar Twitternutzer, die schon vor der Ausstrahlung in ihren Tweets darauf hinfiebern, wie schlimm es wohl diesmal werden wird. Mir erscheint das ein bisschen zwanghaft. Keine Ahnung, wie man so einen Fetisch nennt - vielleicht Sonntagabend-Masochismus?

Jauch kann machen, was er will: Auch bei SPIEGEL ONLINE bekommt er meist einen eingeschenkt. Entweder stellt er die falschen Fragen, oder er hat das falsche Thema. Wenn das Thema ausnahmsweise mal das Richtige ist, dann hat er außer den falschen Fragen auch die falschen Gäste.

Weil er neulich den "Weltwoche"-Chefredakteur und Überzeugungsschweizer Roger Köppel in seiner Sendung hatte, gibt es bei change.org  eine Petition, ihn endlich als Moderator abzusetzen. "Immer und immer wieder bekommen menschenverachtende Positionen bei Günther Jauch unwidersprochen eine Plattform", heißt es zur Begründung. Von der Linkspartei hingegen darf bei Jauch jeder Platz nehmen, ohne dass sich Protest regt. Die sicherste Form, die Kritiker zum Schweigen zu bringen, wäre vermutlich, Gregor Gysi und Katja Kipping gegeneinander antreten zu lassen.

Die Jauch-Kritik hat sich mittlerweile so verselbstständigt, dass man in bestimmten Kreisen nur seinen Namen nennen muss, damit alle indigniert den Kopf schütteln. Wenn jemand sagen will, dass etwas völlig ausgeschlossen sei, schreibt er, das sei ungefähr so, als würde sich "die Queen als passionierte Kifferin zeigen oder Günther Jauch an politischen Fragen interessiert" sein. Man kann auch sagen: Die Kritik an Jauch ist der größte gemeinsame Nenner von Leuten, die sich viel auf ihre Originalität zugutehalten. Nirgendwo ist sie so verbreitet wie im Feuilleton, wo Distinktion alles ist.

Da die Jauch-Verächter nicht nur zu Jauch, sondern auch zu anderen Fragen der Zeit twittern, hat man einen guten Überblick, was sie noch bewegt. Wer Jauch als Zumutung empfindet, wiegt auch bedenkenvoll den Kopf, wenn er liest, dass die Armut in Deutschland zugenommen habe. Natürlich geht ihm das Schicksal der Flüchtlinge wahnsinnig nah, solange sie ihm nicht selber zu nahe kommen. Er findet die Quote unheimlich wichtig und dass wir unbedingt mehr gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz tun müssen. Kurz: Der typische Jauch-Feind teilt so ziemlich jeden Gemeinplatz, mit dem man bei einer x-beliebigen Party in einem deutschen Innenstadtviertel über die Runden kommt.

Verachtung der Normalität

Die Zuschauer haben nichts gegen Jauch, im Gegenteil. Seine Sendung erzielt von allen Talksendungen die beste Einschaltquote. 4,5 Millionen Deutsche schauen im Schnitt zu, wenn er den falschen Gästen die falschen Fragen stellt. Bei Umfragen wird er regelmäßig als einer der besten TV-Moderatoren gewählt, was seine Verächter selbstredend nicht etwa besänftigt, sondern im Gegenteil noch weiter anstachelt.

Das eigentliche Ärgernis an Jauch ist seine freundliche Normalität. Nie wird man bei ihm die lauernde Aggressivität eines Plasberg oder die inzwischen etwas matronenhafte Patzigkeit einer Maischberger erleben. Wenn es jemanden gibt, der im Fernsehen das unaufgeregte, wohltemperierte Merkel-Deutschland verkörpert, dann er.

Jauch ist seit 27 Jahren mit derselben Frau zusammen, ohne dass man von größeren Eskapaden gehört hätte. Seine Anzüge sehen trotz der Millionen, die er verdient, so aus, als ob er sie bei Peek & Cloppenburg kaufen würde. Den Urlaub verbringt er gern in Südtirol. Vermutlich wählt er auch CDU, so wie die meisten Deutschen.

Die Verachtung der Normalität ist ein interessantes Merkmal für ein Milieu, das für sich in Anspruch nimmt, die Interessen der Mehrheit zu vertreten. Was das Volk angeht, ist man links der Mitte tief gespalten: Einerseits neigt man dazu, die Masse der Werktätigen zu idealisieren. Anderseits ist man jedes Mal bitter enttäuscht, wenn die Leute dann für die falschen Dinge eintreten, die falschen Parteien wählen oder die falschen Leute gut finden.

Schon das Wort "normal" ist im Feuilleton-Deutschland nicht unproblematisch. So einen wie Jauch muss man doof finden, das geht gar nicht anders.

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