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19. März 2016, 17:55 Uhr

Merkel und Westerwelle

"Es redet Ihr Wunschpartner"

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Im Cabrio nahmen sie Kurs auf die gemeinsame Regierung. Dann erlebte Guido Westerwelle, wie sich Angela Merkel vom schwarz-gelben Traum verabschiedete. Dennoch verband die beiden eine professionelle Freundschaft.

Als der Anruf kam, der sein Leben hätte retten können, saß Guido Westerwelle mit Angela Merkel beim Mittagessen bei seinem Lieblingsitaliener "Claudio" in Köln-Junkersdorf. Er entschuldigte sich für die Störung, "aber da ruft gerade einer der wenigen Menschen an, die ein Mittagessen mit dir stören dürfen". Es war Westerwelles Arzt: Ein neuer Stammzellenspender war gefunden, nachdem der erste abgesprungen war.

Im Spätsommer 2014 war das, und Westerwelle schöpfte neue Hoffnung, den Krebs zu besiegen. Die Kanzlerin freute sich mit ihrem früheren Vizekanzler, das sei doch eine gute Sache, habe sie gesagt, erinnerte sich Westerwelle vor einigen Monaten im SPIEGEL-Gespräch. Am Freitag hat der frühere Außenminister den Kampf gegen die akute Leukämie mit 54 Jahren verloren.

Merkel und Westerwelle verband eine langjährige - ja, was eigentlich? Freundschaft? In der Politik ist das ein großes Wort. Kameradschaftlich hat die CDU-Vorsitzende das Verhältnis selbst einmal genannt. Professionelle Freundschaft ist auch so eine Beschreibung, die gerne für die Beziehung verwendet wurde. Sie trifft es wohl ganz gut.

Diese beiden grundverschiedenen Typen, hier der rheinische, selbstbewusste Berufspolitiker, dort die ruhige Quereinsteigerin aus dem Osten, sie haben sich geschätzt, sie haben sich verbündet, politisch wieder entfremdet, und doch nie aus den Augen verloren.

"Ich fahre, aber Frau Merkel sagt, wo's langgeht"

In den Neunzigerjahren, zu Helmut Kohls Zeiten, waren sich Merkel und Westerwelle erstmals begegnet, sie Umweltministerin, er FDP-Generalsekretär. Damals schaute Merkel, so hat sie es bei dessen 50. Geburtstag mal erzählt, in einer Mischung aus Bewunderung und Ängstlichkeit auf Westerwelle. Kohl soll Westerwelle seinerzeit aus dem Koalitionsausschuss geworfen haben, weil der gegenüber Journalisten "eiskalt alles durchgestochen" habe. "Super, der Typ kann das", habe sie da gedacht, schließlich sei sie selbst schon in der Schule immer beim Abschreiben erwischt worden.

Bis sich die beiden wirklich näherkamen, dauerte es. Zum Beispiel bis zu einem dieser Momente fürs ewige schwarz-gelbe Fotoalbum. An einem Frühlingstag 2001 lud Westerwelle, damals seit ein paar Tagen Parteichef der Liberalen, seine Amtskollegin von der CDU zu einer Spritztour im Käfer-Cabrio ein. Sie kurvten um die Berliner Siegessäule, Westerwelle witzelte: "Ich fahre, aber Frau Merkel sagt, wo's langgeht." Die putzige Inszenierung sollte zeigen: Wir wollen an die Macht.

In den folgenden Jahren wurden aus dem Duo echte Verbündete. Die Spötteleien aus der CSU ("Leichtmatrosen") schweißten beide zusammen, man traf sich regelmäßig, ging Ende 2003 zum Du über, unterstützte sich gegenseitig, wenn es beim anderen in der Partei mal ungemütlich wurde. Die Begründung der "Schicksalsgemeinschaft", von der Westerwelle einmal sprechen sollte, ging auf den gemeinsamen Coup zurück, Horst Köhler zum Bundespräsidenten zu machen - nicht nur gegen die Kandidatin der regierenden SPD, Gesine Schwan, sondern auch gegen andere Pläne in den eigenen Reihen.

Nur wenige Wochen nach der Kür Köhlers in der Bundesversammlung feierte Merkel in der Berliner CDU-Zentrale ihren 50. Geburtstag. Westerwelle brachte zu diesem Anlass seinen Lebensgefährten mit, den Sportmanager Michael Mronz. Es war ihr erster gemeinsamer, öffentlicher Auftritt, das offizielle Outing des FDP-Chefs. "Das war schön", erinnerte sich Merkel später - und es zeigte auch, wie viel Vertrauen zwischen den beiden gewachsen war.

"Es redet Ihr Wunschpartner"

Die Ernüchterung folgte nach der vorgezogenen Bundestagswahl im September 2005. Es reichte nicht für Schwarz-Gelb, Merkel musste in die Große Koalition mit der SPD. Und dort verabschiedete sie sich schnell von all den harten Reformideen, die sie in der gemeinsamen Opposition zu Rot-Grün noch mit Westerwelle verband. Merkel kam in der Regierungsrealität an, der FDP-Chef konnte weiter Maximalforderungen stellen. "Es redet Ihr Wunschpartner", mit diesen Worten bat in diesen Zeiten ein enttäuschter Westerwelle im Bundestag schon mal um die Aufmerksamkeit der Kanzlerin, wenn die während seiner Reden abgelenkt war.

Wie sehr man sich entfremdet hatte, merkte das vermeintliche Traumpaar aber erst, als Union und FDP 2009 wirklich zusammen die Regierung bilden konnten. Aufgepumpt durch ein grandioses Wahlergebnis rief Westerwelle die "geistig-politische Wende" aus, Merkel wollte einfach nur weiter Kanzlerin sein. Und zwar "Kanzlerin aller Deutschen", was man als Absage an jegliche Art von Klientelpolitik à la FDP verstehen durfte.

Es rumpelte von Beginn an in der schwarz-gelben Koalition, die Liberalen fühlten sich verraten, weil Merkel die FDP mit ihrer zentralen Forderung nach Steuersenkungen auflaufen ließ. Die Kanzlerin wunderte sich, dass Westerwelle selbst als Außenminister nicht den Oppositionshabitus ablegen konnte. Als der in der Hartz-IV-Debatte vor "spätrömischer Dekadenz" im Land warnte, kommentierte Merkel kühl: "Das ist nicht mein Duktus." Der SPIEGEL überschrieb eine Geschichte über die beiden mit: "Herr Schrill gegen Frau Still".

Der Rest der Geschichte ist bekannt: Westerwelle musste sich vom Parteivorsitz zurückziehen, Vizekanzler wurde sein Nachfolger Philipp Rösler - am Ende schaffte es die FDP nicht einmal mehr in den Bundestag.

Angela Merkel und Guido Westerwelle haben den Kontakt zueinander nach der glücklosen Regierungszeit dennoch nie abreißen lassen. Nur wenige Wochen nach der Leukämie-Diagnose besuchte die Kanzlerin Westerwelle in Köln. Nach eigenen Worten sprach sie "erst vor wenigen Tagen" mit dessen Lebenspartner Michael Mronz.

Die traurige Nachricht erreichte Merkel am Freitag auf dem EU-Gipfel in Brüssel. Sie würdigte Westerwelle als "verlässlichen und treuen Menschen", sein Tod sei "richtig schwer zu akzeptieren".

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