Guttenberg-Abgang Die drei Fehler des "KT"

Warum ist Karl-Theodor zu Guttenberg gescheitert? Weil der Minister in seinem Amt schlicht die Bodenhaftung verloren hat. Trotzdem wird der Jungstar zurückkommen, glaubt der Bonner Politologe Gerd Langguth.

Guttenberg: Mit jugendlicher Leichtigkeit die Gefahren verdrängt
dapd

Guttenberg: Mit jugendlicher Leichtigkeit die Gefahren verdrängt


Karl-Theodor zu Guttenberg war 489 Tage im Amt - länger als mancher seiner Vorgänger. Der Job des Verteidigungsministers war immer schon ein Schleudersitz. Karl-Theodor zu Guttenberg schien das aber nichts anzuhaben.

Seine Liebe galt der internationalen Politik. Da bei der Regierungsbildung die FDP das Außenministerium zugesprochen bekam, war für zu Guttenberg die Übernahme des Verteidigungsministeriums die logische Konsequenz. Außerdem schmückte sich die CSU schon in der Vergangenheit gerne mit einem Ressort, das auf internationale Kompetenz verweist.

Mit jugendlicher Leichtigkeit hat er die Gefahren, die in einer solchen Position liegen, verdrängt. Er war zweifelsohne ein Ausnahmepolitiker. Ihm flogen die Herzen der Menschen fast automatisch zu. Das hat es bei einem einzelnen Politiker in dieser Form in der Geschichte der Bundesrepublik so noch nicht gegeben. Wie ein Popstar wurde er von vielen in der Bevölkerung verehrt. Ihm wurde Glaubwürdigkeit und Unabhängigkeit unterstellt - mehr als den herkömmlichen Politikern. Insofern war er ein Politiker eines neuen Typus, doch er machte Fehler, reichlich, die ihm letztlich zum Verhängnis wurden.

"KT" flog alles von alleine zu. Er hat unterschätzt, welche Mühen eine Doktorarbeit haben kann. Dass er über eine Promotion strauchelte, obwohl er doch von Geburt her so viele Titel mit sich herumträgt und niemand wusste, dass er den Doktortitel inne hatte, zeigt doch auch, dass er auf bürgerliche Anerkennung und Diplome Wert legte, obwohl er sie gar nicht nötig hatte.

In der Rückschau muss man einfach sehen: "KT" hat doch so viele Fehler gemacht, dass er auf Dauer nicht zu halten war.

Fehler Nummer 1: Realitätsverlust

Zweifelsohne bestand die besondere Wirkung des Freiherrn darin, dass er sich unmittelbar über den Boulevard an das Volk wandte, das ihn sofort in sein Herz einschloss. Wie in einem Märchenfilm schwebte er, scheinbar fehlerlos, in die Politik ein. Durch seine enorme Popularität war er absolut unabhängig von Merkel und von Seehofer. Durch seine Art des Auftretens hat er manchmal auch bei Merkel ein Luftschnappen bewirkt. Im Gegensatz zu anderen Politikertypen brauchte er Merkel und Seehofer nicht. Er konnte auf seine eigene Popularität und Autorität bauen. Das verführte.

Guttenberg war ein großer Stimmenfänger für die Union. Insbesondere die Mitglieder in der CSU waren stolz auf ihn. Sie hatten einen Spitzenpolitiker, mit dem sie sich erstmals richtig identifizieren konnten. Er war Bayer, wirkte jedoch nicht als Bayer, war in Norddeutschland genauso gut zu vermitteln wie im Schwäbischen oder im Mikrokosmos der Bayern-CSU. Diese wunderbare Märchenwelt wurde für "KT" offenbar immer mehr zur Realität, er hob ab, machte sich Feinde. Er wurde blind für die Gefahren, die überall lauerten.

Fehler Nummer 2: Teile der Hauptstadtpresse fühlten sich vernachlässigt

Alles Tun von Karl-Theodor zu Guttenberg war letztlich auf die öffentliche Wirkung ausgerichtet. Dabei ging er ein Bündnis unter anderem mit der "Bild"-Zeitung ein. Das ist ihm nicht per se ihm vorzuwerfen. Schwierig ist jedoch, dass sich damit offenkundig viele andere Mitglieder der Hauptstadtpresse verprellt fühlten. Symbolisch war die Sonderbehandlung von Journalisten, die im Berliner "Bendlerblock" Spezialerklärungen erhielten, währenddessen parallel die Bundespressekonferenz tagte, die sich von diesem Ereignis ausgeschlossen fühlte. Auch wenn Guttenberg sich dafür entschuldigte, erkannte so mancher doch darin ein weiteres Beleg für die Arroganz und Abgehobenheit des Jungstars.

Fehler Nummer 3: Keine konzise Verteidigungsstrategie

In der Verteidigung der Plagiatsaffäre zeigte sich der Minister eher getrieben, er hatte keine klare, konzise Verteidigungsstrategie. Bezeichnete er am Anfang die Vorwürfe überheblich noch als "absurd", musste er ziemlich bald ziemlich kleine Brötchen backen. Seine Erklärungen im Deutschen Bundestag sollten so etwas wie einen Bußgang darstellen. Er hatte jedoch die Affäre nicht vom Ende her gedacht.

Es waren weniger die Kanonaden der Opposition, die zu Guttenberg gefährlich wurden. Bei vielen wertkonservativen Anhängern der Union entwickelte sich ein Widerstand insbesondere gegen die Deutung Angela Merkels, die ja meinte, sie habe keinen wissenschaftlichen Mitarbeiter eingestellt, sondern einen Verteidigungsminister. Viele aus dem Bildungsbürgertum hielten eine solche Erklärung für einer christlich-demokratischen Partei für unwürdig, als wäre das ordnungsgemäße Zustandekommen einer Promotion von einer so wichtigen Aufgabe wie der der Mitgliedschaft im Bundeskabinett zu trennen. Merkel wird an diesem Argument noch lange zu knabbern haben.

Wer Karl-Theodor zu Guttenbergs Großvater vor Augen hat - dieser war von 1967 bis 1969 Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeskanzleramt und ein Deutschlandpolitiker von Format, der in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingegangen ist - könnte sich vorstellen, dass er heute seinem Enkel zuraunen würde: "Karl-Theodor, du musst noch viel lernen." Ähnliches soll ja ihm sein eigener Vater Enoch gesagt haben, denkbar wäre es jedenfalls.

Karl-Theodor zu Guttenberg war zu sehr von der Leichtigkeit des Seins, von seinem eigenen Erfolg überrumpelt.

Doch alles in allem war seine Rücktrittserklärung honorig - allerdings kam diese eine Minute vor zwölf. Sie hält ihm aber ein Comeback offen. Zu begründen ist dieser Rücktritt auch durch die psychische wie physische Erschöpfung der letzten sieben bis zehn Tage. Dieser Rücktritt dürfte ihn in der Bevölkerung neue Sympathien eröffnen. Der bayrische CSU-Chef Seehofer sollte sich nicht zu früh freuen. Guttenberg wird sich erst einmal eine Auszeit nehmen - und gleichzeitig darüber nachdenken, wie ein Comeback stattfinden könnte. Dazu braucht er ein eigenes, ihm eigene Autorität verleihendes politisches Amt. Das könnte entweder der CSU-Landesvorsitz sein oder das Amt des Ministerpräsidenten. Unter dem Motto: Vom Bußgang zum Hochamt, nämlich die Übernahme neuer Aufgaben nach seiner Auszeit.

Vielleicht wird ihm ja mal berichtet, wie der Rücktritt des seinerzeitigen Bundesinnenministers Rudolf Seiters auf dessen Popularitätskonto wirkte. Rudolf Seiters war lange Zeit der beliebteste Politiker, obwohl er aus der Regierung austrat und nichts mehr zu sagen hatte. Er trat wegen der Vorgänge um Bad Kleinen zurück. Menschen mögen Politiker, die freiwillig zurücktreten. Das wird Karl-Theodor zu Guttenberg auch für sich zu instrumentalisieren suchen.

Dass Karl-Theodor zu Guttenberg nicht völlig vergessen wird, dafür sorgen schon in den nächsten Jahren die Medien. Wenn jemandem nach einer Auszeit auch darüber hinaus eine glanzvolle Karriere möglich ist, dann ist das Karl-Theodor zu Guttenberg, der jetzt Gefallen an der "großen Politik" gefunden haben dürfte, trotz der persönlichen Schmach eines Rücktritts.



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