Fotostrecke

Karl-Theodor zu Guttenberg: Vom Party- zum Kriegsminister

Foto: POOL/ REUTERS

Guttenberg und die Jung-Affäre Die Polit-Party ist zu Ende

Karl-Theodor zu Guttenberg wurde als Wunderminister gefeiert - jetzt ist erst mal Schluss mit dem Starrummel: Das Desaster um den Luftschlag in Afghanistan und die Informationspolitik seines Vorgängers Jung werden zur ersten Bewährungsprobe für den CSU-Mann.

Karl-Theodor zu Guttenberg

Berlin - Bei Ikonen weiß man ja nie, deshalb zur Klarstellung: Entgegen allen Gerüchten sei tatsächlich in einem Münchner Krankenhaus zur Welt gekommen - und nicht in einem Stall mit Krippe.

Wolfram Weimer

Dies sei der einzige Witz, den er über den Verteidigungsminister kenne, so "Cicero"-Chefredakteur , der sich aber in seiner folgenden Laudatio auf den fränkischen Freiherrn bemüht, die Sache mit der Krippe doch noch irgendwie zu belegen. Es ist Mittwochabend, Medienmacher, Politiker und ein paar Auchdabeis treffen sich auf Einladung der Zeitschrift "politik & kommunikation" in einem zirkusartigen Rundbau gleich neben dem Kanzleramt, um den Politiker des Jahres 2009 zu krönen.

Weimer macht in dieser Manege den Zeremonienmeister, kündet von einem "Politmärchen". Der 37-jährige Ex-Wirtschaftsminister sei der "Gralshüter" der sozialen Marktwirtschaft, der "Erststimmenkönig" bei der Bundestagswahl, der "bestangezogene Mann", der jüngste Verteidigungsminister und - vielleicht - der bessere Außenminister, messianisch wie Obama: "Vom Polit-Zero zum Polit-Hero." Selbst notorisch kritische Medien lägen ihm "kreischend zu Füßen". Der Zirkus als Sakralraum. Guttenberg lacht vergnügt in Reihe eins.

Am Tag danach ist Schluss mit lustig.

Franz Josef Jung

macht Schwierigkeiten. Guttenbergs Vorgänger im Amt muss sich massiver Vorwürfe erwehren, nach dem umstrittenen September-Bombardement zweier Tanklastzüge in Afghanistan wissentlich oder unwissentlich nicht die Wahrheit gesagt zu haben. Es geht um zivile Opfer, es geht um das Ansehen von Land und Armee . Guttenberg reagiert entschlossen, will die Altlast rasch abräumen: Er schasst Staatssekretär und Generalinspekteur. Nun hat auch der gescholtene Arbeitsminister Jung seinen Hut genommen. Aber die Neubewertung der Luftschläge steht noch aus.

Es ist die erste Bewährungsprobe für den CSU-Helden. Der Baron aus dem Politmärchen muss nun zeigen, dass er auch Krise kann. Rückhaltlos muss er die Affäre aufklären, schnell und sauber. So, dass kein Makel an ihm kleben bleibt. Kann er das? Zweifel sind zumindest erlaubt. Guttenberg ist bislang noch nicht wirklich gefordert worden, hat sich aber meisterhaft inszeniert und vor allem inszenieren lassen.

Man fragt sich: Wie schafft er das? Was kann er besser als andere? Warum hebt er sich derart vom übrigen Politpersonal ab?

Im Zelt bei der Preisverleihung versucht es Chefredakteur Weimer mit einer philosophischen Typologisierung. Da gebe es die Nietzsche-Typen à la Seehofer, Fischer, Lafontaine, changierend zwischen Pathos und Propaganda; dann die Abteilung Aristoteles mit der Kanzlerin, die dialektisch nach Ausgleich suche; die rationalen Kantianer um Schäuble und Steinmeier; die dunklen Schopenhauer-Freunde wie Trittin und Schily, Skeptiker, Zyniker, Negierer allesamt.

Und schließlich die Kategorie Guttenberg: Descartes. Genau, "Cogito ergo sum" und der Dreh mit dem Bewusstsein vom Selbst. "Eine Zwischenwelt aus Haltung und Aufbruch", wie Weimer sagt. Zuweilen herrsche eine "Häresie der Formlosigkeit" in der deutschen Politik. Und dagegen wirke Guttenberg "wie eine Mischung aus Armani und Konrad Adenauer". Die Achtundsechziger-Brutalos um Schröder und Fischer schimmern hier nur noch als Negativ-Folie durch.

Guttenberg und das Maschinengewehr

Der Baron als Ikone, als Projektionsfläche neu-deutschen Selbstbewusstseins. Wie Guttenberg im cartesischen Sinne ein Bewusstsein vorlebt, so strebt auch die Republik nach politischer Identität, nach intellektueller und auch ästhetischer Führung. Bei Weimer gipfelt das in dem so ganz unrepublikanischem Satz: "Endlich haben wir wieder einen Adeligen, auf den wir stolz sind." Guttenberg sei "cartesischer Kompetenzadel".

Der Boulevard mag es knackiger: "So elegant, so souverän", betitelte die "Bunte" ein Foto von Guttenberg und seiner "schönen Frau Stephanie" in Abendgarderobe. "Glamour und Optimismus" habe der faszinierende Freiherr in die Politik gebracht. Als 20-jähriger Gebirgsjäger habe er "die schwerste Waffe" seiner Gruppe getragen, das Maschinengewehr. "Bild am Sonntag" weiß unter der Zeile "Der Minister und der Held" zu berichten, wie Guttenberg im Lazarett von Kunduz einen schwer verletzten Soldaten besuchte.

Dazu Guttenbergs Bildersprache. Agenturfotos, die wie gemalt wirken. Angefangen bei jenem Klassiker vom Times Square in New York, wo Guttenberg als gerade neu installierter Wirtschaftsminister vor schillerndem Hintergrund siegesgewiss die Arme ausbreitete. Bis zu jener Aufnahme aus einem Truppentransporter der Bundeswehr über Afghanistan, wo Guttenberg in Licht und Zentrum steht, umgeben von sitzenden Soldaten. Der CSU-Politiker weiß um die Macht der Bilder. Er achtet zudem darauf, welche Fotografen ihn begleiten.

Der "Tagesspiegel" schreibt: "Die in den Hosenbund eingehakten Finger, lässig, weltmännisch, fast feldherrenhaft." In der "Süddeutschen Zeitung" schrieb der elegisch-ironische Kurt Kister über den Minister-Schick: "Er trug eine sehr schöne dunkle Jacke von Loro Piana, natürlich 100 Prozent Kaschmir, mit elfenbeinfarbenem Innenfutter. Sein grauer Turtleneck, mutmaßlich ebenfalls Kaschmir, harmonierte farblich und sogar stilistisch mit der schwarzen Splitterschutzweste." Dirk Kurbjuweit konstatierte im SPIEGEL, Guttenberg repräsentiere die "erste effeminierte Politikergeneration" Deutschlands, deren Frauen nicht mehr die passenden Krawatten rauslegen müssen.

Regieren als ästhetische Kategorie

Michael Spreng

Der Journalist und Politikberater sagt, die Bewunderung der Deutschen sei auch ein Reflex auf das "sonstige uncharismatische Personal in der Politik, da bekommt ein Guttenberg eine völlig überhöhte Bedeutung". Er habe "Starappeal". Doch wegen der entsprechenden Fallhöhe sei es gefährlich, "in solche Höhen fotografiert und geschrieben" zu werden.

AC/DC, Taliban-Beschuss und ein Muskelmann

Bisher gilt: Guttenberg ist unantastbar. Begonnen hat das in jener Nacht im Frühjahr, als er sich gegen die Kanzlerin stellte und Nein sagte zur Opel-Rettung. Damit bewies er Unabhängigkeit. Ohne wirklich etwas bewegt zu haben, hat Guttenberg nach einem halben Jahr im Wirtschaftsministerium das Maximum für sich herausgeholt.

Ralf Moeller

Dem Mann gelingt alles. Mit dem Besuch eines AC/DC-Konzerts in Fan-Kluft begründete er einen Kult. In nahezu jedem bayerischen Dorf, das der CSU-Mann seitdem besucht, überreicht ihm der jeweilige Ortsvorsitzende nun eine Hardrock-CD. Guttenberg hatte zeitweise einen passablen Vorrat im Dienstwagen. Auch im Zirkuszelt am Kanzleramt spielt die Showband natürlich "Highway to Hell". Und im Berliner Bendlerblock empfing Guttenberg jüngst Hollywood-Muskelmann : In Amerika, berichtete der, sähen Guttenberg "viele irgendwann mal als Kanzler", denn längst habe man dort gehört vom "Wunderminister".

Als Guttenberg die deutschen Truppen in Afghanistan besuchte, wurde sein Hubschrauber beschossen. So jedenfalls ist es danach von Medien in die Heimat gemeldet worden. Tatsächlich aber waren es die Bundeswehrschützen an Bord, die nur auf Verdacht feuerten, weil sie meinten, Mündungsfeuer am Boden entdeckt zu haben. Ein alltäglicher Vorgang. Macht auch nichts, die Aktion ist auf dem Boulevard längst in den Guttenberg-Mythos eingegangen: Der Minister wurde von Taliban beschossen und blieb cool. Auch wenn er gar nicht beschossen wurde.

Guttenberg, der den Beschuss schnell dementiert hatte, ist längst nicht mehr Herr der Inszenierung seiner Person. Noch aber macht er alles mit. "Er profitiert ja davon - und er genießt", sagt Experte Spreng: "Er weiß durchaus, was da passiert." Am Abend der Bundestagswahl, nach dem Absturzes seiner Partei auf der einen und seinem Erststimmentriumph auf der anderen Seite, zeigte er sich mit Gattin Stephanie, die ein weißes T-Shirt mit dem ikonisierten Konterfei ihres Mannes trug. Obama lässt grüßen.

Berater Spreng empfiehlt etwas mehr Zurückhaltung, insbesondere bei Fotos aus dem Privatleben. Und als Verteidigungsminister gehe Guttenberg ohnehin ein hohes Risiko ein: "Wenn es Anschläge gibt, wenn Särge mit toten Soldaten zurückkommen, kann das auch auf ihn umschlagen." Guttenberg stehe "noch vor vielen Bewährungsproben". Bei der Jung-Debatte im Bundestag wird nebenbei auch die Ikone Guttenberg kritisiert: Es gehe "nicht nur um schöne Bilder", mäkelt SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold.

An jenem Abend im Zelt dagegen ist es für Guttenberg noch ein Stück aufwärts gegangen. Die nächste "Eskalationsstufe", sagt am Schluss der fidele Moderator auf der Bühne, "ist dann die Heiligsprechung".

Doch davor steht jetzt erst mal die Bewältigung der Afghanistan-Affäre.

Die Wiedergabe wurde unterbrochen.