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04. März 2011, 06:17 Uhr

Guttenbergs Zukunft

CSU glaubt an die KT-Auferstehung

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Karl-Theodor zu Guttenberg ist weg, die Polit-Party vorbei. War's das? Noch lange nicht! Das hofft zumindest die CSU-Spitze um Parteichef Seehofer und baut ihrem gestürzten Star schon Brücken für die Rückkehr. Der sendet prompt ein erstes Signal.

Berlin - Die CSU will sich das, was sie für ihre Zukunft hält, nicht nehmen lassen. Auf keinen Fall. Karl-Theodor zu Guttenberg ist gerade mal vor gut 48 Stunden als Verteidigungsminister zurückgetreten, da bastelt die Parteispitze schon an seinem Comeback. "Er gehört zu den genialsten Köpfen, die wir hatten und haben", sagt CSU-Chef Horst Seehofer über den gefallenen Star.

Hatten und noch haben - nichts soll vorbei sein. Noch lange nicht. Nicht wegen dieser Plagiatsaffäre.

Der Karl-Theodor solle sich jetzt erstmal "etwas erholen", erklärt Seehofer, wie ein treu sorgender Familienvater. "Und dann werden wir in aller Ruhe miteinander reden." Er habe als CSU-Chef schließlich großes Interesse, dass Guttenberg der bayerischen und deutschen Politik "erhalten bleibt".

Was mag das heißen? Die Wiederauferstehung Guttenbergs, als Minister, CSU-Vorsitzender, als Ministerpräsident gar?

"Ich kann mir alles vorstellen", bemerkt Seehofer. Und grinst genüsslich.

Es ist ein ungewöhnliches Schauspiel. Wer bisher abtrat von der Polit-Bühne der Bundesrepublik, der war erstmal weg. Richtig weg. Horst Köhler floh voriges Jahr aus dem Schloss Bellevue. Haben Sie seitdem mal wieder was von ihm gehört? Und was macht eigentlich Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung? Wie geht es Günther Beckstein? Können Sie sich ein Comeback von Ole von Beust vorstellen?Bei Karl-Theodor zu Guttenberg aber scheinen andere Gesetzmäßigkeiten zu gelten.

Guttenbergs Option auf Rückkehr

Und der Ex-Minister selbst heizt die Comeback-Hoffnungen seiner Christsozialen noch an, indem er sich die Rückkehroption ganz gezielt offenhält. "Oberfranken werde ich nicht im Stich lassen. Ebenso wenig meine politische Heimat, die CSU", schrieb er in einer persönlichen Erklärung. Obwohl er sich aus dem Bundestag und vom CSU-Bezirksvorsitz zurückziehe, bleibe er "fraglos ein politischer Mensch". Er wolle seiner Verantwortung für die oberfränkische Heimat "weiter mit den mir gegebenen Kräften nachkommen".

Das heißt nichts anderes als: Mit Guttenberg ist noch zu rechnen. Wann auch immer.

Nun sind seine Werte einerseits abgestürzt: In einer aktuellen Forsa-Umfrage für den "Stern" finden nur noch 35 Prozent der Befragten Guttenberg glaubwürdig; Ende Januar waren es noch 59 Prozent. 47 Prozent halten ihn für gradlinig (minus 20 Punkte); 26 Prozent für vorbildlich (minus 25 Punkte).

Andererseits aber bricht sich seit zwei Tagen im Internet eine Pro-Guttenberg-Welle Bahn, bis Donnerstag hat die Facebook-Seite "Wir wollen Guttenberg zurück" mehr als eine halbe Million Unterstützer gefunden. Teils im Sekundentakt wird an die Pinnwand gepostet. Hier der Erlöser Guttenberg, dort das graue Einerlei der deutschen Republik. Das ist die Stimmung der KT-Jünger. Am Samstag wollen sie in zig deutschen Städten demonstrieren gehen.

Den Christsozialen ist all das nicht entgangen. Zogen sie sich in der Spätphase der Ära Stoiber noch den bitterbösen Spott der Internetgemeinde zu - von der Transrapid-Rede des Ex-Vorsitzenden bis zum Problembär Bruno - so scheinen sie mit Popstar Guttenberg an die Seite des Volks gerückt. Und davon wollen sie nicht lassen. Keinen Millimeter also rücken sie von jenem Mann ab, der munter und so ganz unbürgerlich bei seiner Dissertation kopiert und eingefügt hat.

CSU-Attacke auf die CDU

Mehr noch: Nach Abgabe seines Bundestagsmandats und Aufgabe der damit verbundenen Immunität wird die Staatsanwaltschaft Hof nun ein offizielles Ermittlungsverfahren gegen Guttenberg eröffnen. "Das wird eingeleitet, da gibt es kein Wenn und kein Aber", so Oberstaatsanwalt Reiner Laib. Unterdessen berichtet der "Stern", dass jene Kommission der Universität Bayreuth, die Guttenbergs Arbeit prüft, bereits zum Schluss gekommen sei, es liege eine Täuschung vor: "Was Guttenberg gemacht hat, ist Täuschung im Sinne dessen, was die Verwaltungsgerichte bislang geurteilt haben", wird ein Mitglied der Kommission zitiert.

Das allerdings ficht die CSU-Granden in ihrer Treue zu KTG nicht an.

"Dass ich mit Karl-Theodor persönlich befreundet bin, das ist eine Tatsache", sagt der neue Innenminister Hans-Peter Friedrich. "Und an der wird sich auch nichts ändern." Zugleich geben Parteichef Seehofer und Generalsekretär Alexander Dobrindt jenen, die Guttenberg kurz vor seinem Rücktritt kritisiert hatten, kein Pardon: Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bildungsministerin Annette Schavan seien dem 39-Jährigen in den Rücken gefallen, beharrt Seehofer. Es gehe "um die Stilfrage". Wenn ein Minister in Bedrängnis gerate, dann erwarte er Solidarität nach außen. Und Dobrindt kündigt an, dass mit der CDU noch darüber zu reden sei, "was kameradschaftlicher Zusammenhalt in der Unionsfamilie eigentlich bedeuten sollte".

Sie scharen sich um den Zurückgetretenen und seine anhaltende Beliebtheit. Die größte Sorge Seehofers ist es, man könnte ihm nachsagen, er hätte nicht immer zu Guttenberg gestanden. So ist die KT-Lücke gegenwärtig das einzige, was sie in der CSU noch haben von ihrem einstigen Hoffnungsträger.

Es bleibt der Glaube an seine Wiederauferstehung. Wie schwer den Parteigranden aber die Rückkehr in die alte CSU-Welt ohne Superstar fällt, das haben schon die Wirren um die Benennung des neuen Innenministers gezeigt.

Vier Stunden, bis Mitternacht, saßen Seehofer, Dobrindt, Friedrich und Vizeministerpräsident Joachim Herrmann am Dienstagabend zusammen in der Zirbelstube ganz oben in der bayerischen Staatskanzlei. Die Vereinbarung zu Beginn: Egal, auf wen die Wahl für den Job in Berlin fällt, er muss es machen. Keine Ausreden. Es kam dann ein bisschen anders.

Als die Kanzlerin gegen 22 Uhr telefonisch signalisierte, dass die CSU das Verteidigungs- gegen das Innenressort tauschen könnte, lief alles auf Bayerns Innenminister Herrmann hinaus. Der sagte zu. Kurz nach Mitternacht klingelte Seehofer bei der Kanzlerin durch. Doch am Mittwochmorgen war plötzlich alles anders: Herrmann wollte nicht mehr. So nahm Seehofer Friedrich in die Pflicht.

Als der frischernannte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich am Donnerstag die Bundespressekonferenz in Berlin zwecks Vorstellung bei den Journalisten betritt, da wartet Seehofer schon auf ihn: "Gratuliere dir, bist ja seit zwei Stunden Minister. Das hast auch nicht geglaubt am Montag, oder?" Beide lachen. "Passt schon", sagt Friedrich. Seehofer versucht es nochmal: "Und, wie sind die Gefühle!?"

"Gute Gefühle", sagt Friedrich.

Na also. Seehofer freut sich: "gute Gefühle".

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