Gysi und Lafontaine in Hamburg Machtmänner im Siegesrausch

Sie könnten das Zünglein an der Waage in Hessen sein - und träumen davon, es auch in Hamburg zu werden. Oskar Lafontaine und Gregor Gysi berauschen sich im Wahlkampf-Schlussspurt an ihrer neuen Stärke: Sie fühlen sich ihrem Ziel nah wie nie, zur fünften Kraft im Parteiensystem zu werden.

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Hamburg - Eine hartnäckige Wahlhelferin der Grünen steht an diesem lauen Mittwochabend vor der "Fabrik" in Hamburg. Stundenlang. Ihre Mission ist reichlich undankbar. "Zum Vergleich: Die Kurzinfos der Grünen", sagt sie allen Leuten, die an ihr vorbei in das legendäre Kulturzentrum im Alternativstadtteil Ottensen gehen. Die wenigsten Passanten interessieren sich für die Frau.

Der Vergleich ist eben ein schwerer an diesem Tag. Die Grünen haben ein dröges Faltblatt im Angebot - die Linke in der "Fabrik" Oskar Lafontaine und Gregor Gysi.

Gysi, Lafontaine in Hamburg: "Kotzlangweilig, wenn wir nicht einzögen"
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Gysi, Lafontaine in Hamburg: "Kotzlangweilig, wenn wir nicht einzögen"

Es ist die Abschlusskundgebung der Hamburger Linken, und schon einer der beiden Spitzenpolitiker hätte vermutlich gereicht, damit es eng wird für das Publikum in dem verwinkelten Raum. Jetzt aber endet die Show für Dutzende Interessenten an der Eingangstür: zu voll, kein Zutritt mehr.

Wer es nach drinnen geschafft hat, erlebt Gysi und Lafontaine in Kampfes- und Siegeslaune. Lafontaine dirigiert irgendwann die Linke-Kandidaten aus Hamburg auf die Bühne, winkt mit rotem Kopf onkelhaft in den Saal, und Gysi steht grinsend dazwischen - es sieht ein bisschen aus wie bei einem Theaterensemble nach der Vorstellung. Die beiden Hauptdarsteller teilen den Applaus mit den Nebenrollen. Nur dass die Nebendarsteller am kommenden Sonntag erst noch eine Wahl zu bestehen haben.

Wie wichtig Gysi und Lafontaine für die Linken auch hier in Hamburg sind, zeigt die Redezeit für die lokalen Genossen. Wolfgang Joithe fordert: "Hartz IV in den Mülleimer", Spitzenkandidatin Dora Heyenn sieht alles "auf dem richtigen Weg" - schon gehört die Bühne den beiden Stars.

Bremen, Hessen, Niedersachsen - und jetzt Hamburg

Sie lassen keinen Zweifel daran, dass sie sich am kommenden Sonntag von Hamburg einen Erfolg erwarten. Er freue sich an Wahlabenden immer am meisten über die Gesichter im Fernsehen, sagt Lafontaine. Er meint die Spitzenpolitiker von Union und SPD, denen dann wieder die Sorgenfalten in der Stirn stehen werden, wenn der Prozentbalken der Linken nach oben schnellt. Und es schwierig wird mit der Koalitionsarithmetik.

2007 ist Die Linke in Bremen ins Parlament eingezogen, in diesem Januar hat sie das Gleiche in Hessen und Niedersachsen geschafft - das war der Durchbruch, zwei Flächenländer auf einmal.

Und jetzt in Hamburg spricht viel für einen weiteren Erfolg. Bei neun Prozent steht die Partei in der letzten Umfrage vor der Wahl. Es wäre das vierte Bundesland im Westen, in dem die Linke ankommt. Sie wäre bis auf weiteres eine fünfte Kraft im deutschen Parteiensystem - die in Hessen jetzt vielleicht sogar der SPD-Frau Ypsilanti zur Macht verhelfen darf, wie an diesem Abend gemunkelt wird.

Die Linke wäre am Ende kaum noch zu ignorieren. Darum geht es Lafontaine und Gysi hier in Hamburg.

Da macht es auch gar nichts, dass Gysi in der "Fabrik" schon nach wenigen Sätzen über den Irak, über Erdöl und Terrorismus spricht statt über Stadtpolitik. Hinter ihm hängt ein Plakat, auf dem "Hamburg für alle" steht - dabei geht es eher um linkes Allerlei für die Hamburger: Rente, Managergehälter, Hartz IV, Bundeswehr, Afghanistan, Bildung, Zumwinkel.

Ätzen gegen die Etablierten

Zu Hamburg sagt Gysi, was er auch in Hessen schon gesagt hat: "Es würde kotzlangweilig, wenn wir nicht einzögen" ins Parlament. Und ätzt, ob denn jemand glaube, dass mit diesen "zwei älteren edlen Herren" Veränderung in der Hansestadt möglich sei. Gemeint sind Bürgermeister Ole von Beust (CDU) und Herausforderer Michael Naumann (SPD). Lafontaine wirft diesen beiden dann "inhaltsleere Sprüche" vor und lästert über Naumann, den er noch aus Anfangszeiten der rot-grünen Bundesregierung kennt - damals war er Finanzminister, Naumann Kulturstaatsminister. Wenn Naumann sich jetzt darüber beklage, dass es in der Hansestadt wieder Suppenküchen gebe, habe er als alter Schröder-Freund doch "das Rezept mitzuverantworten, nach dem die Suppe gekocht wird", sagt Lafontaine.

Die Linke als Rebellin gegen die Etablierten: So sehen die beiden ihre Partei am liebsten, so verkaufen sie sich den Wählern. Protestwählern zumeist. Kleingeredet wird, was nicht ins Bild passt oder problematisch ist - wie die niedersächsische Kommunistin Christel Wegner, die die Stasi wieder einführen will und erst nach Tagen aus der Linken-Fraktion ausgeschlossen wurde. Über sie sagt Lafontaine an diesem Abend, man müsse das alles von einer "humorvollen Seite" sehen. Die CDU habe ja sogar eine "ehemalige Aktivistin der FDJ zur Bundeskanzlerin" gemacht.

War da was? Dass die Linken in Niedersachsen und Berlin seit Tagen hinter verschlossenen Türen über Wegner und die Rolle der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) streiten, deren Mitglieder es auf Kandidatenlisten der Linken geschafft haben - mit einem Witz wischt Lafontaine alles weg. Und verkauft die Querelen der vergangenen Tage noch als Erfolg: Ein wichtiges Auswahlkriterium für die Kandidaten der Linken sei doch, "dass sie nicht auf einer Gehaltsliste der Großkonzerne stehen".

Lafontaine schweigt dazu, welche Kriterien es sonst noch geben sollte. Und verliert kein Wort darüber, dass auch in Hamburg ein DKP-Mitglied für die Linke ins Parlament einziehen will, Olaf Harms. Lafontaine nimmt lieber Gysis Worte auf: "In Hamburg wird es nicht kotzlangweilig."

Er muss sich seiner Sache ziemlich sicher sein.



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