Sophie Garbe

Robert Habecks Rückzug Ein Held, weil er Normales tut?

Sophie Garbe
Ein Kommentar von Sophie Garbe
Ein Kommentar von Sophie Garbe
Bei Politikerinnen und Politikern wird immer noch mit zweierlei Maß gemessen. Das zeigt sich einmal mehr an der Art, wie gerade über Robert Habeck und Annalena Baerbock gesprochen und geschrieben wird.
Verzicht macht ihn zum Helden: Grünenchef Robert Habeck

Verzicht macht ihn zum Helden: Grünenchef Robert Habeck

Foto: CLEMENS BILAN / EPA

Lange wurde gerätselt, wer an der Spitze der Grünen ins Rennen zieht. Sie oder er? Am Montag kündigte Robert Habeck schließlich an, dass Annalena Baerbock die erste grüne Kanzlerkandidatin wird. Er selbst trat einen Schritt zurück, um ihr den Schritt nach vorn zu ermöglichen.

Während Annalena Baerbocks Kanzlerkandidatur von den Tagesthemen anschließend mit dem Tweet »Es ist ein Mädchen« verkündet wurde und sie sich bisher als Einzige in der Riege der Kanzlerkandidaten Fragen zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf stellen musste, wurde Habeck als Held gefeiert.

Ekstatische Reaktionen

Dass ein Mann sich zugunsten einer Frau zurücknimmt, scheint in der Politik noch immer so großes Kino zu sein, dass Habecks Schritt eine regelrechte Ekstase in den sozialen Medien auslöste. Um nur einige der Lobeshymnen zu zitieren:

»So geht Mann-Sein!«

»Die Art und Weise, wie du, lieber Robert, heute Annalena Baerbock die Bühne bereitet hast, war außergewöhnlich.«

»Solche Männer braucht der Feminismus.«

Natürlich kann man Robert Habeck zu diesem Schritt gratulieren. Die Grünen haben ihre Kandidatenfrage deutlich eleganter gelöst als die Union. Statt sich in einem offenen Machtkampf selbst zu zerlegen, präsentierte sich die Partei einmal mehr als harmonisch und einig. All das funktioniert nur, wenn es auch einen Habeck gibt, der freiwillig jemand anderem den Vortritt überlässt.

Selbstlos statt selbstverständlich

Was Robert Habeck getan hat, ist also lobenswert. Aber es ist mindestens auch ein Teil des politischen Alltagsgeschäfts. Wer Habeck nun zum Helden verklärt, weil er zugunsten einer Frau auf eine Spitzenposition verzichtet, stilisiert damit sein Handeln zum selbstlosen Opfer – obwohl es eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte.

Robert Habeck ist nur der nächste in einer langen Reihe von Politikerinnen und Politikern, die freiwillig auf eine Kandidatur verzichtet haben. Der damalige SPD-Chef Oskar Lafontaine machte den Weg frei für Kanzlerkandidat Gerhard Schröder. Fast zwanzig Jahre später tat es ihm Sigmar Gabriel gleich, als er nicht sich, sondern Martin Schulz zum geeigneten Spitzenkandidaten erklärte.

Und auch Angela Merkel musste vor ihrer Kanzlerschaft erst einmal verzichten: Statt in eine offene Konfrontation zu gehen, traf Merkel sich 2002 mit ihrem Rivalen Edmund Stoiber zum berühmten »Frühstück von Wolfratshausen« und ließ zu seinen Gunsten von einer Kanzlerkandidatur ab.

Kandidatin von Habecks Gnaden

Mit einem solchen Enthusiasmus wie bei Habeck wurde aber keine dieser Verzichtserklärungen gefeiert. Das zeigt: Sobald sich eine Frau an der Spitze durchsetzt, wird das offenbar immer noch eher auf nette Gesten als auf kluge Strategie zurückgeführt. Obwohl aus Sicht der Grünen Einiges für eine Kanzlerkandidatin Baerbock spricht: Sie hebt sich als junge Frau nicht nur von den anderen Kandidaten ab, sondern gilt zumindest in ihrer Partei auch als bestens vernetzt, als zielstrebig und inhaltlich versiert. Zudem ist sie beliebt: Eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler sähe lieber Baerbock im Kanzleramt als ihre Konkurrenten Olaf Scholz oder Armin Laschet.

Indem Habeck heroisiert wird, rücken alle diese Argumente jedoch in den Hintergrund. Plötzlich wird sein Rückzug von einer Aura des Gönnerhaften umgeben, sein in einem »Zeit«-Interview noch einmal als schmerzhaft erklärter Verzicht steht im Vordergrund. Baerbocks Kanzlerkandidatur erscheint damit nicht mehr als eine Konsequenz ihrer Fähigkeiten, sondern als eine Folge seiner Großzügigkeit.

Aber Robert Habeck ist kein politischer Märtyrer. Er ist ein Mensch, der gemeinsam mit einer Kollegin eine Entscheidung zum Wohl seiner Partei getroffen hat und dabei eine persönliche Niederlage einstecken musste. Das kann man loben, sollte es aber nicht überhöhen. Annalena Baerbock zu einer Kanzlerkandidatin von Habecks Gnaden zu stilisieren, wird ihr als Politikerin nicht gerecht – und ihm als selbsterklärtem Feministen auch nicht.