Opfer des Hackerangriffs "Man fühlt sich wehrlos und schutzlos"

Helge Lindh wurde Opfer des Hackerangriffs. Der SPD-Bundestagsabgeordnete erlebte schon vor Monaten eine ähnliche Attacke - mit gravierenden Folgen.
Regierungsviertel in Berlin

Regierungsviertel in Berlin

Foto: Kay Nietfeld/ picture alliance / dpa

SPIEGEL ONLINE: Herr Lindh, Sie sind von dem Hackerangriff betroffen. Wann haben Sie davon erfahren?

Lindh: Über den aktuellen Fall wurde ich am Donnerstagabend informiert, zuerst von einer Kollegin, dann rief mich unser Parlamentarischer Geschäftsführer Carsten Schneider an. Noch habe ich keinen Überblick, wie schlimm es diesmal ist.

SPIEGEL ONLINE: Wieso diesmal?

Lindh: Ich wurde bereits im März 2018 von Hackern angegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie das bemerkt?

Lindh: Der Angreifer hat über mein Facebook- und Twitterprofil rassistische Nachrichten verbreitet. Die Passwörter wurden ausgetauscht, auch mein privates E-Mail-Konto und mein Amazon-Profil waren betroffen. Das wiederum haben die Angreifer benutzt, um Korane, Hundekotattrappen und weitere Überraschungen an meine Adresse zu schicken - bezahlt mit meiner Kreditkarte.

Foto: Christoph Busse

Helge Lindh, Jahrgang 1976, gehört seit 2017 dem Deutschen Bundestag an. Der Wuppertaler ist seit 1999 Mitglied der SPD und Sprecher für Kultur und Medien seiner Fraktion.

SPIEGEL ONLINE: Was hat das mit Ihnen gemacht?

Lindh: Das ist ein extrem mieses Gefühl. Die haben meine Identität geklaut, man fühlt sich wehrlos und schutzlos. Mir ging immer wieder ein Gedanke durch den Kopf: Wer weiß, was die noch alles unternehmen? Ich hatte Angst um meine Familie und um meine Mitarbeiter.

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SPIEGEL ONLINE: Gab es konkrete Bedrohungen?

Lindh: Ja. Im Laufe des Jahres habe ich zahlreiche Hassmails bekommen und Briefe, in denen es hieß, ich gehöre an der nächsten Laterne aufgehängt oder von einer Guillotine geköpft. Irgendwann habe ich mir selbst eine gewisse Naivität verordnet, um mich zu schützen, um nicht paralysiert zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind Sie gegen die Angreifer vorgegangen?

Lindh: Ich habe sofort Anzeige erstattet und den Fall auch dem BKA gemeldet. Seitdem habe ich eine Kontaktperson bei der Polizei, an die ich jeden Vorfall weitergebe. Schwerwiegende Sachen wie die Morddrohungen gehen auch an den Staatsschutz.

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten, Sie hätten noch keinen Überblick über den aktuellen Fall, aber wissen Sie schon, welche Daten von Ihnen veröffentlicht wurden?

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Lindh: Ich habe nur gehört, dass ich besonders stark betroffen bin. Also Privatadresse, Bankverbindung, private Mails.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie jetzt von den Behörden?

Lindh: Zunächst müssen natürlich der oder die Täter ermittelt werden. Zweitens geht es aber auch um das Motiv: Was steckt hinter dem Angriff? Das ist ein Angriff auf unsere politische Kultur. Drittens müssen wir Abgeordnete besser geschützt werden. Es kann nicht sein, dass wir nicht mehr wissen, wie wir sicher kommunizieren können. Und der letzte Punkt: Die sozialen Medien müssen bei solchen Attacken schneller reagieren. Bei mir hat es vier Wochen gedauert, bis ich wieder Zugriff auf mein privates Mailkonto hatte. Vier Wochen war der Account also in fremder Hand.

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