Haiders TV-Auftritt "Gipfel der Peinlichkeit"

Wegen der Präsentation seiner Talkshow mit Österreichs Rechts-Außen Jörg Haider ist der Journalist Erich Böhme schwer unter Beschuss geraten. Eine große Koalition von Politikern aus SPD, FDP, Grünen und CSU griff Böhme am Montag an. Er habe Haider ein Podium, aber kein Paroli geboten. Nur einer fand die Sendung wirklich gut: Jörg Haider.


Haider und Böhme: Wer knockt hier wen aus?
REUTERS

Haider und Böhme: Wer knockt hier wen aus?

"Am Ende sind der Talkmaster und seine Gäste gegenüber Haider unterlegen", sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD- Bundestagsfraktion, Wilhelm Schmidt. "Die Vorhersage des Moderatoren, er werde den Mythos Haider entzaubern, ist nicht eingetroffen", monierte der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele. "Die Show hat Haider lediglich ein Forum geboten, auf dem er sich schön selbst darstellen konnte." FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle nannte die Sendung den "Gipfel der Peinlichkeit".

Der CSU-Landesgruppenchef Michael Glos als einer der Teilnehmer kritisierte nach der Sendung indirekt die anderen Gäste. "Ich war der einzige Haider-Gegner". Die Sendung für den Sender n-tv war am Sonntag Nachmittag aufgezeichnet und am Abend ausgestrahlt worden. Haider war dabei nur wenigen Angriffen durch die anderen Gäste - der jüdische Publizist Ralph Giordano, der OSZE-Medienbeauftragte Freimut Duve (SPD) und Michael Glos - ausgesetzt. Böhme wurde bereits während der Sendung von Haider, später auch von Medienexperten schlechte Vorbereitung und mangelnde Recherche vorgeworfen.

Böhme wies die Kritik zurück. "Sinn der Veranstaltung ist es, dass Politiker miteinander diskutieren", sagte er. "Es ging nicht darum, den Haider an die Wand zu stellen und auszupunkten." Vor der Sendung hatte er angekündigt, er werde "den Mythos Haider entzaubern".

Der FPÖ-Boss wertete die Talkshow als Erfolg. Er habe sagen können, was er wollte, frohlockte Haider am Tag danach.

Die Sendung brachte dem Nachrichtenkanal n-tv einen Marktanteil von 4,6 Prozent - ein Anteil weit über den sonstigen Einschaltquoten. Man habe die Sendung aber "nicht nur wegen der Quote gemacht", so der stellvertretende Chefredakteur Markus Föderl. Mit Böhmes Sendung habe man den Versuch unternommen, Haider aus der Reserve zu locken. Föderl gestand jedoch ein, dieser Versuch sei nur teilweise gelungen.

Für Günter Struve, den Programmdirektor der ARD, zeigte die Sendung, wie schwer ein Populist zu greifen sei. "Erregung oder Abneigung reicht nicht aus. Und vor allem darf man ihn nicht mit Amateuren in den Ring schicken." Der Österreicher Hans Mahr, Chefredakteur von RTL, erklärte, mit einer einzelnen Sendung sei Haider nicht zu entzaubern "und ein wenig besser vorbereiten hätte man sich auch können".

Klaus Bresser, Chefredakteur ZDF, sah mit Haider in der Sendung "einen gnadenlosen Opportunisten, der sagt, was das Publikum von ihm hören will". Bresser kritisierte die mangelnde Professionalität des Gastgebers. Böhme hätte viel stärker mit gesicherten Quellen arbeiten müssen, viel stärker persönliche Bekenntnisse abfragen müssen.



© SPIEGEL ONLINE 2000
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.