Hakenkreuzflagge bei Beerdigung NPD bringt Neonazis gegen sich auf

Hakenkreuzkampf in der NPD: Ein Parteiaktivist legt beim Begräbnis eines Altnazis eine verbotene Reichskriegsflagge auf den Sarg. Parteichef Voigt steht daneben und schweigt - später distanziert er sich eilig. Jetzt ist die Neonazi-Szene empört.

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Berlin - Udo Voigt konnte hinterher schlecht behaupten, er habe nichts gesehen. NPD-Aktivist Thomas Wulff, in der rechtsextremen Szene nach einem SS-Obergruppenführer nur Steiner genannt, lehnte sich auf dem Bauch liegend über den Sarg von Altnazi Friedhelm Busse. Dann breitete er eine große Fahne darüber aus - die verbotene Reichskriegsflagge. Parteichef Voigt stand direkt davor. Er hatte freien Blick auf das große Hakenkreuz in der Mitte des Tuchs. Und er schaute zu, als der Sarg samt Fahne unter der Erde verschwand.

Rechtsextremisten Wulff (liegend), Voigt: Verbotene Flagge auf dem Sarg
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Rechtsextremisten Wulff (liegend), Voigt: Verbotene Flagge auf dem Sarg

Allerdings nicht für lange - denn ein Sicherheitsbeamter beobachtete die Aktion am Samstag vor einer Woche auf dem Passauer Friedhof. Die Staatsanwaltschaft ließ die Grabstätte daraufhin in der vergangenen Woche öffnen und stellte die Fahne sicher. Nun wird gegen Wulff ermittelt: Wegen der Verwendung verfassungswidriger Kennzeichen drohen ihm bis zu drei Jahre Haft oder eine Geldstrafe.

Die Ermittlungen sind ein weiteres Glied in der langen Kette juristischer Probleme von NPD-Funktionären. Doch der Hakenkreuzeklat stürzt die Partei noch in viel größere Nöte.

Zum einen bringt die verbotene Nazi-Symbolik in den Händen des ehemaligen Bundesvorstandsmitglieds Wulff die Parteiführung in Erklärungsnot. Schließlich bemüht man sich stets um ein biederes Erscheinungsbild, angeblich fern jeglicher ewiggestriger Ideologie. Zum anderen ziehen Voigt und seine Kameraden mit krampfhaften und wenig glaubhaften Distanzierungsversuchen den Zorn der freien militanten Neonazi-Szene auf sich.

Für diese ist Busse, einst Chef der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP), ein Idol. Zu Lebzeiten unter anderem wegen Volksverhetzung und Verunglimpfung des Staates verurteilt, war er am 23. Juli im Alter von 79 Jahren gestorben. Rund 90 Rechtsextremisten pilgerten zu seiner Beisetzung nach Passau, anschließend kam es in der Stadt zu Angriffen gegen Ausländer. Auch ein Journalist wurde attackiert.

Das NPD-Präsidium brauchte nach der Trauerfeier immerhin fünf Tage, um zur NS-Verherrlichung Stellung zu nehmen. "Der Einsatz für ein sozial gerechtes Deutschland bedarf keiner Symbolik von gestern" - mit diesen Worten überschrieb die Parteiführung eine Erklärung. Man missbillige den Versuch Einzelner, das letzte Geleit für Busse für eine politische Selbstinszenierung zu instrumentalisieren, die nicht im Einklang mit den Zielen der NPD stehe.

Busse hätte den Fahnenakt im Übrigen selbst nicht gewollt, da ist sich die NPD-Spitze sicher: "Wer heute glaubt, mit Symbolik von gestern Politik machen zu können, wird die Zukunft nicht gestalten können", zitiert man den Altnazi.

"Scheinheilige Reinwaschung"

Die sogenannte freie Szene ist empört. Wulff gilt in der NPD als Bindeglied zu den militanten Neonazi-Kreisen, und hier wird lieber die Legende gepflegt, das Hakenkreuztuch auf dem Sarg sei der letzte Wille Busses gewesen.

Nun kontert man mit einer eigenen Stellungnahme. Scheinheilig sei die NPD-Erklärung und ein "untauglicher Versuch sich von allen Vorwürfen reinzuwaschen", heißt es auf einer einschlägigen Internet-Seite. Offenbar habe die NPD versucht, Busses Beerdigung für ihre eigenen politischen Zwecke zu missbrauchen.

Was folgt, ist eine offene Drohung: "Wir können solch billige und herabwürdigende Angriffe auf die freien Kräfte nicht hinnehmen und werden die Zusammenarbeit mit diesem Parteipräsidium beenden, falls es zu keiner Einigung hinsichtlich eines vernünftigen Verhaltens der NPD kommt", wettern die Autoren in ihrer Erklärung, die am Dienstagmorgen veröffentlicht wurde.

Als Erstunterzeichner sind eine Reihe Neonazi-Größen aus ganz Deutschland aufgeführt, unter ihnen auch NPD-Mitglieder, dazu die Namen verschiedener Kameradschaften und sogenannter Aktionsbüros.

Die Kampfansage zeigt, wie brüchig das einst geschmiedete braune Bündnis zwischen biederen Parteifunktionären und militanter Szene inzwischen ist. Dabei weiß Voigt: Ohne das braune Fußvolk fehlt seiner "Volksfront von rechts" ein entscheidender Pfeiler.

Gegenwind bekommt Voigt, der Parteichef, aber auch aus den eigenen Reihen. Im Forum der Rechtsextremistenseite beklagten sich nach der offiziellen Distanzierung Kommentatoren, die sich als NPD-Funktionäre zu erkennen gaben, über die "abgehobene Führungsriege".

Der Richtungsstreit in der Partei, der zuletzt auf dem Parteitag im Mai mit der Wahl des Hamburger Hardcore-Neonazis Jürgen Rieger in den engsten Führungszirkel einen Höhepunkt erreicht hatte, verschärft sich offenbar weiter.



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