Stefan Kuzmany

Corona-Maßnahmen Halte durch, wer kann

Stefan Kuzmany
Ein Kommentar von Stefan Kuzmany
Die Deutschen sollen sich wieder einschränken, um Corona aufzuhalten. Doch das Virus hat mittlerweile mächtige Verbündete: Frustration, Widerwille und Gewöhnung.
Schon im März: Wenig Verständnis für das Virus (Dortmund, 19.3.2020)

Schon im März: Wenig Verständnis für das Virus (Dortmund, 19.3.2020)

Foto: INA FASSBENDER / AFP

Der November hatte noch gar nicht begonnen, da kamen schon die Fragen auf: Ob die Maßnahmen denn wirklich nur bis Ende des Monats bleiben würden? Weshalb Gastronomie, Kultur- und Sporteinrichtungen schließen müssten, aber Gottesdienste stattfinden dürften? Ob es nicht andere Wege gebe, gefährdete Bevölkerungsgruppen zu schützen? Ob wir uns dieses erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens überhaupt noch leisten könnten?

Ungeduld und Widerwille allenthalben – obwohl niemand bestreiten kann, dass die Zahl der Infektionen exponentiell anwächst. Obwohl die seit Montag geltenden Beschränkungen vergleichsweise milde sind im Vergleich zu jenen in vielen unserer Nachbarländer und auch im Vergleich zu dem, was wir hier schon einmal erlebt haben, im Frühjahr, vor der großen Corona-Sommerpause.

Die Kanzlerin hat ihr Bestes gegeben. Die Frage ist nur, ob ihr Bestes noch ausreicht

Die Kanzlerin wird gespürt haben, dass es eines ungewöhnlichen Auftritts bedurfte, um die Deutschen ein weiteres Mal zur Selbstdisziplin zu motivieren. Häufig ist ihr in der Vergangenheit vorgeworfen worden, ihre Politik unzureichend zu kommunizieren: zu wenig Erklärung, zu kalt vorgetragen, alles bereits beschlossen und sowieso alternativlos. Angela Merkel tat alles, diesen Eindruck bei ihrem Besuch in der Bundespressekonferenz zu zerstreuen. Auf jede Nachfrage zu den neuen Corona-Maßnahmen hatte sie eine eindringlich vorgetragene Antwort, wurde (für ihre Verhältnisse) geradezu emotional, etwa als sie auf ihren Amtseid verwies, der sie und die Regierung dazu verpflichte, Schaden abzuwenden. Einmal verlor sie gar den Faden, weil sie sich nach eigenem Bekunden "in Rage" geredet hatte – sie musste das freilich selbst feststellen, sonst hätte es wahrscheinlich niemand bemerkt. Und sogar Alternativen zu den jetzt geltenden Regeln hatte sie im Angebot: Warum die einen schließen müssten, während die anderen offen bleiben dürfen? Man könne natürlich auch alle gleich behandeln – aber dann müssten eben alle schließen.

Die Kanzlerin hat ihr Bestes gegeben, die Deutschen zur Beachtung der neuen Beschränkungen zu bewegen. Die Frage ist nur, ob ihr Bestes noch ausreicht. Nur eine drastische Kontaktbeschränkung wird die Infektionszahlen wieder sinken lassen, und zwar keine verordnete, sondern eine selbst auferlegte Kontaktbeschränkung jeder und jedes Einzelnen.

Doch das Virus ist zwar gefährlich wie am Anfang, es hat sich aber dennoch psychologisch abgenützt. Kein Mensch kann in ständiger Anspannung leben, irgendwann setzt Gewöhnung ein, bei manchen Fatalismus, bei einigen Wurstigkeit, bei nicht wenigen eine durch Vernunftappelle kaum noch einzudämmende Frustration über die triste Gegenwart und die düsteren Aussichten. Die neue exponentielle Bedrohung, das hat exponentielles Wachstum nun mal an sich, ist kaum zu bemerken, bevor sie unabwendbar ist. Rational wäre es, die Zahlen – so abstrakt sie gerade noch wirken mögen – zu begreifen, die Bedrohung ernst zu nehmen und deshalb zu verzichten auf praktisch alles, was das Leben abseits der Pflicht ausmacht. Emotional jedoch ist das auf Dauer kaum erträglich.

In Umfragen bestätigen nach wie vor erstaunlich viele Befragte ihre Zustimmung zu den Corona-Beschränkungen, auch darauf hat Angela Merkel auf ihrer Pressekonferenz verwiesen. Umfragen werden das Virus allerdings nicht stoppen. Ob die Maßnahmen wirksam sein werden? Die Antwort kann jeder und jede selbst schon heute geben, ganz privat für sich selbst. Es ist dieselbe wie auf diese Fragen: Wirst du die Maßnahmen beachten? So streng wie im März? Kannst du noch? Hast du noch genügend Kraft? Und Angst?

Ganz ohne Umfrage: In wenigen Wochen kennen wir die Antwort der Mehrheit. Das Virus wird sie uns geben.

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