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Alexander Neubacher

Hamburgs Grüne verbieten Einfamilienhäuser Traumhaus ade

Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
Eine Kolumne von Alexander Neubacher
In Hamburg-Nord dürfen keine Einfamilienhäuser mehr gebaut werden, weitere Kommunen werden folgen. Das neue grüne Wohnideal kommt aus dem Osten.
aus DER SPIEGEL 6/2021
Foto: Armin Weigel/ picture alliance / dpa

Träumen Sie vom Eigenheim? Von mehr Platz für sich und Ihre Familie, vom kleinen Garten mit Grill und Kinderschaukel? Dann habe ich einen Tipp: Beeilen Sie sich mit dem Bauen, bevor es zu spät ist. So wie in Hamburg-Nord. Dort regiert seit einem Jahr der grüne Bezirksamtsleiter Michael Werner-Boelz und hat verfügt: Der Gebäudetyp Einfamilienhaus passt nicht mehr in unsere Zeit: zu viel Flächenfraß, zu viel Baumaterial, vergleichsweise schlechtere Energiebilanz. Die Bebauungspläne wurden bereits geändert. In Stadtteilen wie Fuhlsbüttel und Langenhorn, hier wohnte einst Helmut Schmidt im Doppelhaus, werden Sie für ein neues Eigenheim schon keine Genehmigung mehr bekommen. Der Bezirksamtsleiter sagt: »Wir müssen höher bauen, um mehr Menschen unterzukriegen.«

Wer das Programm der Grünen liest, muss davon ausgehen, dass sich dies auch in anderen Stadtteilen und Kommunen durchsetzen könnte. Das Einfamilienhausverbot ergibt sich aus einem Parteitagsbeschluss für eine »Bauwende« aus dem November 2019. Penibel rechnen die Grünen dort vor, wie viel Sand und Kies (»200 Tonnen«) pro Eigenheim draufgehen, »das können wir uns nicht mehr leisten«.

Das neue grüne Wohnideal sieht demnach so aus: Raus aus dem Townhouse mit Pelletheizung, rein in die sanierte Plattenbausiedlung. Ein später Triumph der DDR-Wohnungsbaupolitik: Der ökologische Fußabdruck dürfte nirgends geringer sein als in Berlin-Marzahn und anderen Trabantensiedlungen in Ostdeutschland.

Der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller sprach von »Fickzellen mit Fernheizung«.

Ich habe keinen Zweifel, dass die Grünen alle Berechnungen korrekt ausgeführt haben. Der Mensch ist ein Raumgreifer und Ressourcenverbraucher; wer lebt, sündigt, das ist das ökologische Dilemma unserer Existenz. Einerseits. Andererseits ist das Einfamilienhaus die wohl immer noch beliebteste Wohnform. Im Corona-Shutdown dürfte die Sehnsucht nach einem Haus mit Garten sogar noch gewachsen sein, sogar bei Grünenwählern. Auch der Trend zum Homeoffice spricht fürs Häuschen in der Vorstadt.

Die Frage ist, wie die Grünenchefs Annalena Baerbock und Robert Habeck diese Widerstände überwinden werden. Die Grünen wollen ja keine Verbotspartei mehr sein, sondern, so Habeck, mit einer »Politik der Ermöglichung« punkten. Ihr Parteitagsbeschluss jedoch hält gleich jede Menge Maßnahmen für ein neues »Förder- und Ordnungsrecht« bereit; so viel zum Thema Freiwilligkeit. Und steckt nicht auch ein gewisser Widerspruch darin, wenn sich eine Partei bei Hühnern und Schweinen dafür einsetzt, Käfig- durch Freilandhaltung zu ersetzen, bei Menschen aber nicht?

»Die Mitglieder einer freien, demokratischen Gesellschaft brauchen Wohn- und Arbeitsräume, die Wertschätzung, Gleichheit und positive Gestaltungskraft ausdrücken«, heißt es im Grünen-Beschluss. So ähnlich klang die Propaganda in der DDR für den Plattenbau. Der ostdeutsche Dramatiker Heiner Müller drückte es damals anders aus. Wohnungen in der Platte, das seien »Fickzellen mit Fernheizung«.

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