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09. Juli 2017, 18:30 Uhr

Hamburg nach G20

Weltstadt? Vergesst es

Ein Kommentar von , Hamburg

Endlich ist er vorbei, der G20-Ausnahmezustand. Zurück bleiben verstörte Hamburger, deren Vertrauen in ihren Senat, ihre Polizei, in einander erschüttert ist. Warum hat sich diese Stadt das angetan?

Am Sonntag danach ist der Himmel über Hamburg endlich wolken- und Trump-los. Familien flanieren unter der Julisonne, ungestört von Sirenengeheul und Straßensperren. Busse und Bahnen fahren wieder, und Sonnenbrillen sind wieder modisches Accessoire statt potenzielle Vermummung. Es fahren keine Räumpanzer oder Wasserwerfer, kein Hubschrauber dröhnt.

Hamburg schläft heute erstmals seit Wochen wieder mit offenem Fenster. Die Stadt, so gebeutelt in den vergangenen Tagen, atmet auf: Endlich, endlich ist es vorbei.

Ich gehörte nicht zu den Leuten, die sagen, ein G20-Gipfel ist Mist. Ich halte viel davon, wenn sich erwachsene Menschen an einen Tisch setzen und reden. Ich halte viel davon, dass dies unter den wachsamen Augen einer freien Presse und einer kritischen Öffentlichkeit passiert - das ist besser, als wenn die Bundeskanzlerin in Palästen irgendwelcher Autokraten mit ihrer bloßen Anwesenheit deren Politik legitimiert.

Noch mal: Reden ist gut. Aber: Tut es nie wieder hier.

"Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist", hatte Hamburgs Erster Bürgermeister, Olaf Scholz, die Hamburger im Vorfeld beschwichtigt. Es werde "keinerlei Einschränkungen geben", stattdessen ein "Festival der Demokratie".

Wie gern würde ich ihm diesen Satz im Namen von 1,8 Millionen Hamburgern um die Ohren hauen.

"Festival der Demokratie" klang irgendwie nach Fanmeile, nur mit Schlipsträgern, war aber im Endeffekt der wohl unpassendste Euphemismus für einen mehrwöchigen Ausnahmezustand in einer für diesen Anlass denkbar ungeeigneten Stadt.

Hubschrauber hingen über Wohngebieten, tage- und nächtelang. Das Knattern der Rotoren wurde zum Tinnitus der Demokratie, und Hamburger sprachen nicht mehr reflexartig übers Wetter, sondern über die Helikopterdichte über ihren Schlafzimmern ("Drei? Sticht."). Beschwerden von Bekannten häuften sich: Polizeiautos vor meiner Tür, Kontrollen im Park: Ja, ich wohne wirklich hier; nein, ich hab meinen Perso nicht dabei; nein, die Eier sind fürs Frühstück, die werfe ich bestimmt nicht.

Wohl denen, die noch ein Auto haben

Auf Hamburgs Straßen standen Menschen stundenlang in blitzartig errichteten Sackgassen, weil der 17. Sherpa-Konvoi samt Polizeikolonne passieren musste. Im Stadtteil Winterhude führte das dazu, dass Leute ihr Auto verließen, um sich bei Penny ein Feierabendbier zu besorgen. Danach wurden Wagen, bei denen die Batterie aufgegeben hatte, gemeinschaftlich auf die Bürgersteige geschoben.

Auto stehen lassen ging auch nicht, denn die Bahnen fuhren nicht, Stadträder waren bis aufs Letzte ausgeliehen, das Buchungssystem überlastet. Und am anderen Ende der Stadt wartete das Kind in der Kita - dort war vorzeitig Feierabend, weil die Erzieher auch nicht wussten, wie sie nach Hause kommen sollten.

Zugegeben, ein Luxusproblem.

Wohl denen von uns, die nach diesem - waren es netto wirklich nur eineinhalb Tage? - Gipfel noch ein Auto haben, das sich aus eigener Kraft bewegen lässt, einen Arbeitsplatz, an dem Montag nicht erst der Sachverständige der Versicherung das Ausmaß des Schadens aufnehmen muss. Und glücklich sind jene, die eine Kita haben, die die Erzieher nicht aufgrund eines gewalttätigen Mobs evakuieren, weil die Polizei lieber andernorts Sitzblockaden auflöste, damit Melania Trump rechtzeitig zum Brunch beim Ehegattenprogramm eintraf.

Kein Schloss, dafür die Elbphilharmonie

Wir Hamburger wachen nun auf in einer Stadt, deren kulturelles und alternatives Zentrum traumatisiert ist. Das Vertrauen in den Senat, in die Polizei, in einander ist nachhaltig erschüttert.

Wir haben ein Rathaus, in dem ein Teilzeitparlament tagt, wir haben katastrophalen Fußball, wir scheitern immer wieder an der eigenen Hybris. Wir halten uns für liberal bis links, wählen aber aus dem Stand einen Quartalsirren wie Ronald Schill mit 19 Prozent. Wir finden Flüchtlingsheime wichtig, aber wir haben sie nicht gern direkt in unserer Nachbarschaft.

Ach Hamburg, ey.

"Schönste Stadt der Welt" ist selbstverliebt der Slogan Hamburgs, auch ohne pittoreskes Altstadtpanorama, ohne Schloss (die Reste der namensgebenden Burg liegen heute unter einem Parkplatz). Wir kompensieren, indem wir Elbphilharmonien bauen, Kreuzfahrtschiffe abfeiern, uns um Olympia bewerben und damit spektakulär scheitern - oder indem wir den G20-Gipfel austragen.

Wir sind das Tor zur Welt, aber sicher keine Weltstadt. Lasst es uns einfach einsehen, dass das völlig okay so ist.

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