Hamburg nach dem Gefahrengebiet Eine Stadt schreit sich an

Klaus ist treuer Genosse und Alt-68er. Tim kämpft für Migranten und niedrige Mieten. Beide wollen eine gerechte Stadt. Dann kamen der Hamburger Flüchtlingsstreit und das Gefahrengebiet dazwischen, und die beiden gerieten aneinander.

Protest bei Auftritt von Olaf Scholz: Die Atmosphäre ist vergiftet
Jonas Walzberg

Protest bei Auftritt von Olaf Scholz: Die Atmosphäre ist vergiftet


Hamburg - Am Morgen danach schreit Tim nicht mehr. Er erklärt mit ruhiger Stimme, warum es genau richtig war, den Bürgermeister eine Viertelstunde lang niederzubrüllen. Referiert, dass in Hamburg eine Politik gemacht wird, die "unsolidarisch, rassistisch" und insgesamt eine Frechheit ist. Am Ende räumt er ein: "Grundsätzlich ist es schade, wenn sich Leute dadurch belästigt fühlten. Aber die müssen sich fragen, warum sie uns überhaupt als Bedrohung wahrnehmen."

Klaus Hörtel muss nicht lange nach einer Antwort suchen. Das Brüllen, sagt er, könne er eigentlich ganz gut ertragen. Doch er witterte Gefahr, als sich Tim und die anderen nach vorn drängten, Richtung Bühne, Richtung Bürgermeister. "Und dann war da noch die Fahne, ich bin da empfindlich." Und so kam es, dass sich der Alt-68er Klaus Hörtel und der 22-jährige Linksaktivist, der Tim genannt werden will, vor den Augen des Hamburger Bürgermeisters eine Rangelei lieferten.

Eine kleine Schubserei, keine Verletzten. Doch der kurze Zusammenstoß in einer Turnhalle im sonst so ruhigen Hamburg-Barmbek zeigt, wie vergiftet die Atmosphäre in der Hansestadt in diesen Tagen ist, warum regierende Sozialdemokraten und linke Aktivisten auch nach der Aufhebung des Gefahrengebiets und dem vorläufigen Ende der Zusammenstöße nicht zur Entspannung finden. Wer danach noch einmal mit den Beteiligten spricht, ahnt, dass die Stadt nicht so schnell zur Ruhe kommen wird.

"Olaf, du Loser"

Passiert war dies: Bürgermeister Olaf Scholz hatte vergangenen Mittwoch zum Bürgerdialog geladen. Schon beim vorigen Event dieser Reihe, im Oktober, brüllten ihn manche Gäste nieder, da war der Streit über die sogenannten Lampedusa-Flüchtlinge in Hamburg gerade eskaliert. Und jetzt saß da, in einer der letzten Reihen, Tim und rief mit seiner hohen Stimme von der zweiten Minute an immer wieder dazwischen. "Was heißt denn bezahlbar?" oder "Warum geht es Ihnen nur um die Investoren?" Scholz, gerade beim Thema Mieten, redete einfach weiter, und sein SPD-Vorstandskollege Hörtel, an diesem Abend für die Tontechnik verantwortlich, drehte die Regler etwas hoch und aß weiter Haribo.

Doch als der Bürgermeister über die Flüchtlinge spricht, wird es laut. Tim und etwa zehn andere holen Transparente hervor, skandieren immer wieder "Kein Mensch ist illegal, Bleiberecht überall" oder "Olaf, du Loser, Hamburg-Lampedusa". Dann schiebt sich die Gruppe geschlossen hinter einem Transparent Richtung Bühne, dafür müssen sie bei Hörtel vorbei, der vom Mischpult aufspringt und mit der Gruppe rangelt, einer schubst den anderen. Tim, der die Veranstaltung immer wieder gestört hat, mischt sich ein und zeigt auf Hörtel, schreit fünf, sechs Mal: "Diese Person ist übergriffig geworden!"

Am nächsten Tag sitzt er in einem Café schräg gegenüber der Roten Flora, einem dieser Hamburger Zankäpfel. Tim trägt einen Sidecut, viel Schwarz, aber auch einen Pullover vom Abi-Jahrgang. Er kennt sich mit dem Mietenspiegel aus, macht sich eigene Gedanken. "Natürlich geht es in erster Linie darum, solch eine Werbeveranstaltung der SPD zu stören."

"Die haben nichts verstanden"

Er haut politische Losungen heraus, aber wenn man ihn Persönliches fragt, überlegt er stets zwei, drei Augenblicke, knetet dann mit den Fingern den Kronkorken in der Hand. Stört er öfter? Nach langer Pause sagt er: Nein. Seinen Namen will er nicht im Bericht lesen, "weil bestimmte Behörden viel interessiert". Tim beschwert sich, dass er letztlich der Halle verwiesen wurde, und betont noch: "Der Übergriff ging von der SPD aus, zum Glück haben wir besonnen reagiert." In Hörtels Gesicht, sagt er, habe er "krasse Aggressivität" gesehen.

Hörtel ist eher der Typ unaufgeregter Hanseat. Jetzt sitzt er im Keller der Hamburger SPD-Zentrale. Der 67-Jährige ist technischer Direktor der Landespartei, pensionierter Lehrer, trägt eine randlose Brille und Fünftagebart. Seit 42 Jahren in der SPD, schon Praktikant bei Herbert Wehner gewesen. Er wollte am Abend seine Technik und andere Genossen schützen, sagt er. Später sagt er auch: "Ich war emotional genervt" - die Flagge.

Ein Teil der Störer posierte mit Antifa-Fahne. Für ihn sei das die Flagge der Verfolgten, seine Oma wurde von den Nazis verfolgt, später demonstrierten KZ-Überlebende damit. Jetzt schluckt der so nüchterne Hörtel plötzlich. "Ich bin da empfindlich." Heute in Hamburg, "hier wird heute doch niemand verfolgt", sagt er, "die haben nichts verstanden".

Kompromisse? Unmöglich

Eigentlich hat er einiges mit Tim gemeinsam. Ihm fällt jetzt ein, dass er früher auch Störaktionen gemacht hat, in München mit Fritz Teufel, "vollkommen unpolitisch, ein Blödsinn". Auch er setzte sich später für Flüchtlinge ein, kümmerte sich um Chilenen, die aus politischen Gründen ihr Land verlassen mussten. Und das Gefahrengebiet, das fand er auch nicht richtig. "Habe ich Olaf auch gesagt."

Doch zwischen Hörtel und Tim stehen, anscheinend unverrückbar, die Hamburger Großkonflikte dieses Winters: Lampedusa-Flüchtlinge, Esso-Häuser, Rote Flora. Das Gefahrengebiet und Demos mit Hunderten Verletzten waren die Folge. Wenn es um die Zankäpfel geht, verfällt Tim sofort in die Parolen der Szene. Er wittert "Repression" und spricht, als ob er Transparente vorliest: "Bleiberecht für alle, gegen Gentrifizierung, Rote Flora bleibt, eine Stadt für alle."

Hörtel sagt: "Die fordern Dinge, die längst geklärt sind." Der Genosse spricht aus, was die Hamburger SPD denkt: Bei den Flüchtlingen werde man die Fälle gemächlich prüfen, solange dürften sie bleiben. Den Mietern der Esso-Häuser ist garantiert, dass sie zu den alten Mietpreisen in den Neubau dürften, und die Rote Flora wolle die Stadt doch sowieso erhalten.

Auf Hörtels Schreibtisch liegt noch eine Zeitung, schon ein paar Tage alt, mit einer Umfrage. Die Mehrheit der Hamburger unterstützt den Kurs des Senats, findet gar das Gefahrengebiet richtig. Hörtel pocht mit dem Finger auf die Ausgabe. Mehr wird die SPD nicht anbieten, egal wie laut die anderen "Repression" schreien.

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Seite 1
IronSky 20.01.2014
1.
glückwünsch an spon. der erste realitätsnahe artikel zu diesem thema.
misterbighh 20.01.2014
2. Danke Spon,
Zitat von sysopJonas WalzbergKlaus ist treuer Genosse und Alt-68er. Tim kämpft für Migranten und niedrige Mieten. Beide wollen eine gerechte Stadt. Dann kamen der Hamburger Flüchtlingsstreit und das Gefahrengebiet dazwischen und die beiden gerieten aneinander. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/hamburg-nach-dem-gefahrengebiet-streit-zwischen-spd-und-antifa-a-944471.html
zu Art das Thema aufzuarbeiten gibt es nur eins. Schlimmer gehts nimmer. Die Hamburger denken bestimmt so nicht wie sie es sich wünschen.
Pango 20.01.2014
3. Feige
Ich nenne diesen "Tim" einen Feigling. Aus der anonymen Masse heraus primitv demokratisch gewählte Volksvertreter niederbrüllen ist feige. Herr Hörtel steht auch mit seinem echten Namen gerade. Und "interessierte" Behörden haben "Tim" schon längst identifiziert. Er nutzt das Versteckspiel nur, um gegen allzu kritische Nachfragen/Recherchen der Leser hier abgesichert zu sein.
Kritische Sicht 20.01.2014
4. Es graust einen...
... wenn man über solche Typen wie Tim liest. Sie fordern Toleranz, sind selber aber nicht bereit, auf andere Argumente einzugehen. Schreien, stören, wenn es sein muß, auch der eigenen Meinung mit Steine werfen oder Autos anzünden nach zu helfen. Vielleicht sollten sie es mal mit Arbeit versuchen, bei Randale gehören sie weggesperrt.
otelago 20.01.2014
5. schwer lesbar
Ich habe ehrlichgesagt den Artikel nicht wirklich verstanden, es ist schwer lesbar und ich weiß überhaupt nicht wieso man in Hamburg Prügel bezieht wenn illegale Grenzübertritte im Mittelmeer bekannt werden. Diese Kausalitäten scheinen mir völlig aus der Luft gegriffen, vielmehr glaube ich, daß es sich um organisierten Krawall um des Krawalls willen handelt.
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