Hamburg-Wahlkampf Merkel und Westerwelle setzen auf Anti-Linksfront-Kampagne

"Eine Schande", "die Linke verhindern", "Kommunisten dürfen nicht wieder das Sagen haben": CDU und FDP beschwören kurz vor der Hamburg-Wahl das Schreckensszenario Rot-Rot-Grün. Mit Angst vor Kurt Becks Hessen-Experimenten wollen Merkel und Westerwelle die SPD kleinhalten.

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Hamburg - Angela Merkel ist nicht Gerhard Schröder. Wem das entgangen ist, der konnte es an diesem Abend in Hamburg erleben.

Beust, Merkel: "Ob die Angst gehabt haben?"
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Beust, Merkel: "Ob die Angst gehabt haben?"

Wenn der Altkanzler in die Hansestadt kommt, gibt es ganz großes Theater. Dann mieten die Sozialdemokraten einen Mega-Saal im Kongresszentrum CCH, man wartet in langen Schlangen, beinahe bis zum nahen Dammtor-Bahnhof, um dabei zu sein. Am Ende kommen knapp 3000 Leute. So war es Anfang Januar, als Schröder das CCH rockte. Er polterte, holzte, bellte - der Raum kochte.

Wenn die Kanzlerin kommt, mietet die CDU den Saal G im gleichen Gebäude. Der ist um einiges kleiner. "Ob die Angst gehabt haben, dass sie das nicht voll bekommt?", fragt ein Herr im braunen Wollsakko seinen Nebenmann.

Beide müssen stehen, wie viele andere, denn es sind dann doch gut 1000 Menschen gekommen. Sie hören und sehen, wie die ganz in schwarz gekleidete Kanzlerin eine lockere Rede hält. Mitunter witzig, manchmal mit spontanen Einschüben. Aber kein Vergleich zur Schröder-Show.

Die Wahlkampfvorlage der Sozialdemokraten lässt sich die Kanzlerin allerdings nicht entgehen. SPD-Chef Kurt Beck war eingefallen, einige Tage vor der Hamburg-Wahl in vertraulichen Runden über eine neue Haltung seiner Partei zur Linken in Hessen nachzudenken. Er will Andrea Ypsilanti zur hessischen Ministerpräsidentin wählen lassen, notfalls mit Stimmen der Linken. Also sagt die Kanzlerin mit ihrem süffisanten Merkel-Lächeln: Der Hamburger SPD-Spitzenkandidat Michael Naumann möge ja glaubhaft versichern, er werde in der Hansestadt jedwedes Arrangement mit der Linken ausschließen. "Aber die SPD in Hamburg ist eben nicht Naumann." Die Partei hätte die Ypsilanti-Gerüchte schon vor zwei Tagen dementieren können, "hätte sagen können: Stimmt nicht. Ist aber nicht gesagt worden".

So macht das Merkel, wenn sie über Becks rot-rot-grünen Gedankenspiele spricht. Im Nebensatz, pointiert. Das ist ihre Tonlage, darum versteht sie sich auch so gut mit Ole von Beust, dem Hamburger CDU-Bürgermeister. Beust wird in seiner etwas länglichen Rede an diesem Abend endgültig zum guten Hirten der Hansestadt: Er wolle die Menschen zusammenführen, Arm und Reich versöhnen, spricht viel über Solidarität. Das Hamburg in Beusts Träumen erscheint wie eine Art hanseatisches Auenland.

Wären da nicht die Linken. Beust sagt in einem raren Moment der Angriffslust: Eines dürfe Hamburg nicht sein, "eine Stadt, in der die Kommunisten wieder das Sagen haben".

Seinen Gegenkandidaten Naumann nennt von Beust mehrfach "meinen verehrten Herausforderer". Die Leute lachen dann mit ihrem Bürgermeister, Merkel auch. Solche Sticheleien sind ganz nach ihrer Art. Staatsmännisch, so gewinnt man die Wahl - das denkt sich Merkel, das denkt sich von Beust.

Das denkt sich nicht die FDP ein paar Kilometer weiter. Dort, beim natürlichen Koalitionspartner der CDU, ist ebenfalls Prominenz zum Wahlkampfabschluss gekommen: Guido Westerwelle - und er wird sofort scharf. "Wir müssen verhindern, dass die Linke kommt", ruft er ins Publikum. Eine Beteiligung der Linken wäre "eine Schande für Hamburg".

Die Hamburger FDP trifft sich an diesem Abend in den "Fliegenden Bauten", einem ständig aufgebauten Zirkuszelt für Kulturveranstaltungen. Im Foyer wird für eine Show mit dem Titel "Olé" geworben, das ist natürlich Zufall. Kein Zufall ist dagegen, dass die Liberalen im Endspurt ebenfalls auf die Angst vor dem Linksruck setzen. Während der FDP-Chef gegen Rot-Grün und mögliche Pläne mit der Linken zetert, schweben unter der Zeltdecke einige blau-gelbe Riesenbälle. Westerwelle, der ewige Oppositionsliberale, wirkt geradezu verbittert. Die Angst vor Becks Linksfront könnte der FDP die entscheidenden Stimmen bringen, um über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen - und in eine Koalition mit von Beust. In den letzten beiden Umfragen stehen die Liberalen bei vier Prozent.

Merkel und Westerwelle sagen an diesem Abend einen Satz, der wie abgesprochen wirkt: Am Sonntag gehe es vordergründig nur um Hamburg - aber wegen der Linken in Wahrheit auch um die politischen Verhältnisse in ganz Deutschland.

Und wenn alles doch ganz anders kommt? Am Abend sagt Andrea Ypsilanti im Hessischen Rundfunk erst mal nichts zu den Spekulationen. In der kommenden Woche, nach der Hamburg-Wahl, werde sie in der SPD über das weitere Vorgehen reden, fügt sie hinzu. Dementis klingen anders. Aber Ypsilanti sagt auch, sie wolle nach wie vor eine stabile Mehrheit. Man sei an einer Koalition mit den Grünen interessiert. Und mit der FDP.



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