Hamburger Senatorenwahl Schill kam, grinste und schwieg

Ronald Barnabas Schill hat es noch einmal geschafft. Bei der Wahl des neuen Hamburger Innensenators stahl er seinem Nachfolger Nockemann die Show. Alle Kamerateams scharten sich um den Geschassten. Schließlich hatten viele darauf spekuliert, er werde eine Bombe platzen lassen.

Von Christina Otten


Ronald Barnabas Schill im Blitzlichtgewitter. Er genoss es sichtlich, wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen
REUTERS

Ronald Barnabas Schill im Blitzlichtgewitter. Er genoss es sichtlich, wieder im Zentrum der Aufmerksamkeit zu stehen

Hamburg - Kommt er oder kommt er nicht? Diese Frage sorgte schon vor Beginn der Bürgerschaftssitzung im Hamburger Rathaus bei den mehr als 200 anwesenden Journalisten für Spannung. Denn schon Tage zuvor hatte das Gerücht die Runde gemacht, Schill wolle bei der Sitzung eine Bombe platzen lassen. Fernsehsender hatten gleich mehrere Teams geschickt. "Du fängst den Beust ab, ich greif mir Schill", riefen sich die Reporter auf der überfüllten Pressetribüne gegenseitig zu. Jeder wollte den beiden Hauptakteuren das beste Zitat abringen.

Um 14.50 Uhr betritt Hamburgs Erster Bürgermeister schließlich den Sitzungssaal. Er begrüßt die Parlamentarier mit Handschlag. Seine Parteikollegen wiederum klopfen ihm demonstrativ auf die Schulter. Von Beust gibt sich locker. Als Innensenator-Kandidat Dirk Nockemann wenig später eintrifft, lächeln beide freudestrahlend in die Kameras - nach dem Motto: "Jetzt bloß keine Unsicherheit zeigen."

Die Opposition auf der anderen Seite des Saales verhält sich ruhig. Mit einer Niederlage der Regierungskoalition scheint dort niemand wirklich zu rechnen. Abgeordnete der Schill-Partei hingegen, die bislang im Schatten ihres Chefs standen, genießen sichtlich die Aufmerksamkeit im Blitzlichtgewitter. Bausenator Mario Mettbach plaudert fröhlich mit Koalitionskollegen. Zuvor hatte er Schill über die Presse noch davor gewarnt, zu der Abstimmung zu erscheinen. "Wenn er gut beraten ist, hat er den Tag in seinem Terminkalender ab 15 Uhr mit frei vermerkt."

Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust kann wieder lachen. Seine Regierung darf weitermachen
AP

Hamburgs Erster Bürgermeister Ole von Beust kann wieder lachen. Seine Regierung darf weitermachen

Um 14.59 Uhr steigt von Beust die Treppen zur Senatsbank hinauf. Anschließend eröffnet Präsidentin Dorothee Stapelfeld (SPD) die Bürgerschaftssitzung. Nach einer kurzen Erläuterung des Procedere schreiten die ersten Abgeordneten zur Wahl in die beiden hölzernen Kabinen am Ende der Sitzreihen. Von Beust blickt zufrieden in die Runde. Zu diesem Zeitpunkt ist der Platz von Ronald Schill noch leer. Dann, mit vierminütiger Verspätung, werden die Türen des Plenarsaales erneut aufgerissen, und Ronald Schill betritt den Raum. Von Beust würdigt ihn keines Blickes. Doch dem Ersten Bürgermeister ist anzumerken, dass ihm die gute Laune vorerst vergangen ist.

Belagert von mehr als 30 Fotografen und Kameramännern nimmt der geschasste Innensenator auf dem ledernen Klappsessel mit der Nummer 81 Platz. Fortan steht nur er im Rampenlicht. Seine Augen funkeln rot. Was geht in ihm vor? Will er die Sitzung sprengen? Abgeordnete und die versammelte Presse spekulieren, die Fotografen knipsen, was das Zeug hält. "Die können ja auch mal den Ersten Bürgermeister fotografieren", ruft der SPD-Abgeordnete Jan Ehlers plötzlich in den Saal. Darüber muss dann auch von Beust wieder lachen, der sich vorher noch angespannt mit CDU-Fraktionschef Michael Freytag unterhalten hat.

"Bitte halten Sie sich an die Absprachen und beruhigen Sie sich", weist Präsidentin Stapelfeld Reporter und Politiker zurecht, bevor sie den "Abgeordneten Ronald Schill" zur Stimmabgabe aufruft. Lächelnd macht sich der im schwarzen Anzug gekleidete Schill auf den Weg zur Wahlkabine. Beim Einwurf in die Urne zittern seine Hände, er trifft den schmalen Schlitz nicht sofort. "Der hat wohl seine Brille vergessen", kommentiert ein Abgeordneter den Auftritt. Das Lächeln auf Schills Lippen verschwindet daraufhin. Es macht den Anschein, als werde ihm plötzlich wieder bewusst, dass er nun die Rolle des Ausgegrenzten inne hat.

Als neuer Innensenator leistet Dirk Nockemann in der Hamburger Bürgerschaft seinen Amtseid
DPA

Als neuer Innensenator leistet Dirk Nockemann in der Hamburger Bürgerschaft seinen Amtseid

Auf der Pressetribune verkünden die Journalisten mittlerweile, Schill wolle sein Abgeordnetenmandat auch in Zukunft erfüllen. Er wolle aber nichts tun, was der Regierung schade. "Das ist doch klar", kommentieren die Schreiberlinge ironisch. In der Pause nach Ende der Abstimmung verlässt Schill eilig den Saal und taucht auch zur Verkündung des Ergebnisses nicht mehr auf. Der Abgang ist ungewohnt still, die von vielen erwartete Rache an Dirk Nockemann und Ole von Beust bleibt aus.

Nockemann ist mit einer Mehrheit von drei Stimmen zum neuen Innensenator gewählt. Es gibt zwei Enthaltungen sowie zwei ungültige Stimmabgaben. Eine davon dürfte die von Ronald Schill sein. Die Mitte-Rechts-Regierung aus CDU, FDP und Schill-Partei ist nun doch mit einem blauen Auge davon gekommen. Vorgezogene Neuwahlen gibt es nicht. SPD und Grüne müssen sich vermutlich bis zur nächsten regulären Wahl im Jahr 2005 gedulden. Ronald Schill nimmt die Wahl seines Nachfolgers gelassen hin. Er zeigt sogar Reue: "Auf die größtmögliche Provokation des Bürgermeisters habe ich brüsk reagiert. Das hätte ich nicht tun sollen", sagt er und entschwindet zurück in die Einsamkeit.



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