Hamburger SPD-Krise Kneifen vor Ole

Nach der kühlen Absage von SPD-Altstar Voscherau stehen die Sozialdemokraten vor einer neuerlichen Pleite: Es ist kein Genosse in Sicht, der für die krisengeschüttelte Partei gegen Bürgermeister Ole von Beust antreten will.

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Hamburg - Die Verlautbarungen der Hamburger SPD haben inzwischen schon etwas Tragikomisches: "Das Heft des Handelns liegt in Hamburg, aber für die Suche gibt es keine geografischen Grenzen", sagte Parteisprecher Bülent Ciftlik heute über den Versuch der Genossen in der Hansestadt, möglichst schnell einen Spitzenkandidaten für die Bürgerschaftswahl im kommenden Jahr zu finden.

Es ist ein Satz, der nach grenzenlosen Möglichkeiten klingt, nach einer Partei, die aus dem Vollen schöpfen kann. Dabei sind die krisengeschüttelten Genossen gerade dabei, einen weiteren, herben Rückschlag wegzustecken.

Noch bis gestern Abend sah es so aus, als könnte die Hansestadt-SPD, deren 24-köpfiger Landesvorstand nach einer manipulierten Mitgliederbefragung geschlossen zurückgetreten war, einen Ausweg aus der Krise präsentieren. Sogar die Berliner Parteizentrale hatte sich optimistisch gezeigt. Es gebe Anzeichen dafür, dass die Hamburger Parteifreunde bei der Suche nach einem Spitzenkandidaten für die Bürgerschaftswahl "unmittelbar vor dem Durchbruch" stünden, hatte Generalsekretär Hubertus Heil gesagt.

Vom Wiederkehrer zum Zurückzieher

Seine Hoffnungen können nur dem Kandidaten gegolten haben, für den sich zuvor bereits die sieben Kreisvorsitzenden der Hamburger SPD ausgesprochen hatten: Einstimmig war das Votum für den früheren Hamburger Bürgermeister Henning Voscherau ausgefallen, der von 1988 bis 1997 die Hansestadt regiert hatte. Nachrichtenagenturen lieferten bereits Porträts des populären 65-Jährigen, "Der Wiederkehrer" oder "Joker im zweiten Anlauf" waren sie überschrieben.

Voscherau hatte wenige Tage zuvor ein Treffen mit der SPD-Findungskommission, die einen Kandidaten suchen soll, als "gutes Gespräch" bezeichnet und damit die Hoffnung seiner Hamburger Parteifreunde genährt, er könne zu einer Herausforderung von Bürgermeister Ole von Beust (CDU) bereit sein. Für viele Genossen wäre Voscherau in der prekären Situation der Wunschkandidat gewesen, ihm hätte man Chancen gegen den beliebten von Beust zugetraut.

Die Ernüchterung folgte gestern Abend, kurz vor 20 Uhr. Mit einer kühlen Absage beerdigte Voscherau die Wünsche der Hamburger SPD. "Meine Familie ist entsetzt über die Abläufe der vergangenen Wochen. Sie befürchtet, dass ich als nächster verheizt werde. Sie würde mich notgedrungen unterstützen, ist aber in Wahrheit alarmiert und unglücklich über eine Rückkehr in die Politik", schrieb Voscherau in einem von Nachrichtenagenturen verbreiteten Brief an den noch amtierenden SPD-Landesvorsitzenden Mathias Petersen. Zu gut ist Voscherau noch in Erinnerung, dass ihn die Partei vor rund einem Jahr wegjagte, als er sich für eben diesen Führungsposten angeboten hatte.

Kurzum: Der Wiederkehrer war zum Zurückzieher geworden.

Und die Partei muss weiter nach einem Ausweg aus der Krise suchen. Zumindest einen kleinen Fortschritt hat sie gemacht: Der stellvertretende Fraktionschef Ingo Egloff hat inzwischen seine Bereitschaft erklärt, das Amt des SPD-Landesvorsitzenden übernehmen zu wollen. "Wenn die Partei meint, ich soll das machen, dann mache ich es", sagte Egloff der "Welt".

Stillschweigeabkommen der Genossen

Aber die entscheidende Personalie steht noch aus. Zwar werden weiter mögliche Kandidaten wie Hamburgs SPD-Fraktionschef Michael Neumann oder der Hamburger Bundestagsabgeordnete Olaf Scholz gehandelt, beide haben aber bereits mehrfach signalisiert, nicht für eine Spitzenkandidatur zur Verfügung zu stehen.

Fragen über die weitere Entwicklung kommentiert SPD-Politiker derzeit nur einsilbig. "Wir haben uns versprochen, alle den Mund zu halten", sagte der Hamburger Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs.

Die Hamburger CDU hält sich derweil mit hämischen Kommentaren über die strauchelnden Sozialdemokraten zurück. Eine große Volkspartei habe "immer die Kraft, sich zu berappeln", sagte Parteichef Dirk Fischer im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Allerdings sei die Kandidatenfindung schwieriger geworden. "Wenn SPD-Chef Beck keinen Herausforderer für Ole von Beust zwangsrekrutiert, kann ich mir einen externen Kandidaten kaum vorstellen", sagte Fischer. Normalerweise müsse in einer solchen Situation der Fraktionsvorsitzende antreten. "Der kann doch nicht den Kopf einziehen."

Die Empfehlung Fischers dürfte nicht ohne Grund kommen: Bei der letzten Meinungsumfrage des "Psephos"-Instituts für das "Hamburger Abendblatt" und den Fernsehsender Hamburg 1 wünschten sich nur zwei Prozent der SPD-Wähler Neumann als Spitzenkandidaten.



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