Hamburgs Bürgermeisteranwärter Mirow Lehrling ohne Zauber

Mit zitternden Knien sehen die Sozialdemokraten in Bund und Ländern der Hamburger Bürgerschaftswahl entgegen. Doch ausgerechnet bei dieser ersten Testwahl des Jahres tritt ein Kandidat an, der die Hanseaten nur wenig beeindruckt. Thomas Mirow wirkt gegen den smarten Ole von Beust scheu und farblos.

Von Lars Langenau


SPD-Spitzenkandidat Mirow mit Bobby-Car: Vollkommen daneben
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SPD-Spitzenkandidat Mirow mit Bobby-Car: Vollkommen daneben

Hamburg - Thomas Mirow hat sich lächerlich gemacht. Tausendfach. Auf einem großflächigen Wahlplakat sitzt der SPD-Spitzenkandidat für die Bürgerschaftswahl am 29. Februar auf einem feuerroten Spielmobil. Umgeben von einer fröhlichen Kinderschar klammert er sich im Anzug und Krawatte verkrampft an das Lenkrad des Bobby-Cars und wirbt für mehr Plätze in Kindertagesstätten.

Obwohl er 18.000 neue Kita-Plätze binnen zwei Jahren verspricht und damit eine Wende in der bisherigen Politik einläuten würde, sind sich das Wahlvolk und die Kreativen in Hamburgs Werbeagenturen einig: Das Motiv ist vollkommen daneben, des intellektuellen Mannes unwürdig und werde seinem Anspruch auf das höchste Amt in der Hansestadt nicht gerecht.

Die SPD hat sich bei der Auswahl dieses Motivs auf sich selbst verlassen. Im Gegensatz zu fast allen anderen Parteien verzichteten die Sozialdemokraten auf die Hilfe von Fachleuten. Und so entstand in dem kurzen Wahlkampf womöglich ein nachhaltiger Imageschaden für ihren Spitzenkandidaten. Doch anstatt den Fehler einzugestehen und das Motiv klammheimlich zu überkleben, kletterte der Vater von zwei 13 und 18 Jahre alten Mädchen vergangene Woche abermals auf das Spielzeugauto und drehte bei einem "SPD-Familienfest" eine Runde mit "Fuß-Schubmotor".

Ein Tick Schnösel

Wahl-Plakat: Potter, der das Zaubern verlernt hat
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Wahl-Plakat: Potter, der das Zaubern verlernt hat

Dabei hätten die Sozialdemokraten in der Stadt wahrlich mehr PS nötig: Laut Umfragen verharrt die SPD in ihrer einstigen Hochburg bei 30 Prozent (2001: 36,5 Prozent), mal ein Prozentpunkt mehr, mal einen weniger.

Seit Kriegsende stellten die Sozialdemokraten so starke Bürgermeister wie Max Brauer, Paul Nevermann und Herbert Weichmann. Auch die Bürgermeister Hans-Ulrich Klose und Klaus von Dohnanyi repräsentierten die Stadt kongenial mit ihrem großbürgerlich-hanseatischen Stil und einem Tick Schnösel, den auch der jetzige Amtsinhaber Freiherr Ole von Beust so hervorragend verinnerlicht hat.

Mirow hingegen steht scheu am SPD-Stand auf dem Wochenmarkt und hat sichtlich Mühe, auf die Leute zuzugehen: "Möchten Sie eine Clementine?" fragt der Diplomatensohn die Vorbeieilenden, die ihm freundlich, aber unverbindlich begegnen. Mit seiner horngeränderten Brille und in seinen zu großen Anzügen wirkt er nicht wie der zukünftige Bürgermeister der stolzen Hansestadt. Eher wie Harry Potter von der Elbe in der 170. Folge des Erfolgsromans von Joanne K. Rowling. Nur dass Potter jetzt 51 Jahre alt ist, einen akkuraten Seitenscheitel trägt und das Zaubern verlernt hat.

Dabei ahnte der promovierter Politologe, Sozialwissenschaftler und Romanist als einer der ersten in seiner Partei, dass an dem unberechenbaren Richter Ronald Schill die "bürgerliche" Koalition frühzeitig zerbrechen könnte. Noch in seiner (Zwischen-)Tätigkeit als selbstständiger Politik- und Unternehmensberater forderte er vor einem drei viertel Jahr die Spitzenkandidatur von seiner Partei.

Doch als ehemaliger Stadtentwicklungs- und Wirtschaftsenator unter den Bürgermeistern Henning Voscherau und Ortwin Runde repräsentiert er für viele Hamburger noch immer den "roten Filz", der sich in vier Jahrzehnten von Sozialdemokraten geführten Stadtregierungen gebildet hatte - und weniger einen Neuanfang.

In Umfragen weit hinter dem Amtsinhaber

Amtsinhaber Beust: Stärkere Führungspersönlichkeit
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Amtsinhaber Beust: Stärkere Führungspersönlichkeit

Obwohl mehr als die Hälfte der Hamburger mit dem derzeitigen "bürgerlichen Senat" unzufrieden sind, konnte Mirow als "Garant der Ernsthaftigkeit" (Eigenlob) seit seiner Nominierung im Oktober vergangenen Jahres nicht wesentlich an Statur gewinnen.

In nahezu allen Bereichen hinkt er Beust hinterher: 75 Prozent der Hamburger, so eine Befragung im Auftrag des "Hamburger Abendblatts", meinen, dass Beust repräsentativer ist. 64 Prozent halten den CDU-Mann für eine stärkere Führungspersönlichkeit als seinen Gegenkandidaten, 60 Prozent finden ihn sympathischer. Lediglich bei der Frage nach dem Einsatz für soziale Gerechtigkeit (39 Prozent zu 33 Prozent) und nach dem wirtschaftspolitischen Sachverstand (36 zu 30) kann sich Mirow gegen den Amtsinhaber durchsetzen.

Selbst jeder zweite SPD-Wähler mag ihn nicht, jeder dritte schwärmt gar für Beust. Im direkten Vergleich würden sich, laut einer Umfrage der "Hamburger Morgenpost", nur 26 Prozent der Hamburger für ihn, aber 58 Prozent für Beust entscheiden. Erstaunlich, wie die CDU-Werbeagentur Shipyard diesen Vorsprung zu nutzen vermag und die Bürgerschaftswahl auf den Wahlplakaten der Christdemokraten umgehend zu einer "Bürgermeisterwahl" umfunktionierte.

Mirow kann Beust noch so oft vorhalten, seine Arbeit im Rathaus zu vernachlässigen ("früher brannte in dem Zimmer immer Licht"), ihm "politische Lustspiele" und "Champagnerpolitik" vorwerfen, es perlt an dem Amtsinhaber ab. Persönlich finde er Beust auch nett, sagt Mirow in solchen Momenten mit brüchiger Stimme in seinen durchaus amüsanten Wahlkampfreden. Aber er trete ja nicht zu einem "Schönheitswettbewerb" an, "zudem die Meister der medialen Ablenkung diese Richtungsentscheidung für unsere Stadt hinmanipulieren wollen".

"Hamburg braucht einen Kopf" - und kein Gesicht

Beust und Mirow: "Wer nur ein Gesicht will, muss Ole von Beust wählen"
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Beust und Mirow: "Wer nur ein Gesicht will, muss Ole von Beust wählen"

"Hamburg braucht einen Kopf wie Thomas Mirow, wer nur ein Gesicht will, muss Ole von Beust wählen", machte Franz Müntefering vergangene Woche seinen hanseatischen Genossen Mut. Der designierte Parteichef stilisierte die Wahl zugleich zu einem Testfall für die neue SPD und Mirow versprach höflich einen Sieg als "Morgengabe".

In seinem Wahlkampf verweigert sich Mirow hartnäckig der Polemik gegen Berlin, wie es sein Parteifreund Sigmar Gabriel in Niedersachsen versuchte und trotzdem verlor. Allerdings lehnte sich sein Genosse Franz Maget in seinem Wahlkampf in Bayern demonstrativ an den Bund an - und erreichte mit weniger als 20 Prozent nur noch das Ergebnis einer Splitterpartei.

Ein Erfolgsrezept gibt es in diesen Zeiten für die Sozialdemokraten in den Ländern nicht. Und mit dem Mut des Verzweifelten bekennt Mirow: "Parteien müssen damit rechnen, für langfristig richtige Reformen auch abgewählt zu werden."

Während einige in seiner Partei schon auf die sinistere Hoffnung setzen, dass Ronald Schill mit seiner neuen Partei die Fünf-Prozent-Hürde überspringt und Beust damit den Wahlsieg vermasselt, setzt Mirow in unverbrüchlicher Treue weiter auf neuen Schwung aus Berlin.

Schuss unter die Gürtellinie

Mirow-Hompage: Ein Bürgermeister, der etwas von Familie versteht

Mirow-Hompage: Ein Bürgermeister, der etwas von Familie versteht

Angespornt durch Münteferings Besuch ließ er sich zu einer Bemerkung verleiten, die viele in der Stadt als Schuss unter die Gürtellinie verstanden: Es sei "kein Zufall", dass sich sein Konkurrent von der CDU "in Wahrheit nie wirklich für Kinder interessiert hat". Nur wenn man selbst merke, dass Schulstunden ausfielen oder Kinder krank würden, habe man dazu eine persönliche Beziehung. Es werde Zeit, "dass Hamburg einen Bürgermeister bekommt, der weiß, was Familie ist".

Sofort schlug die örtliche Presse Alarm. Tenor: Dies sei ein Angriff auf Beusts Homosexualität. Mirows Dementi, er hätte das gleiche gesagt, wenn Beust verheiratet und kinderlos wäre und dieser Vorwurf somit "absurd" und "lächerlich" sei, verhallte ungehört.

Nachdem SPD-Plakate über das Versagen des jetzigen Senates nicht besonders zogen, versucht es der Spitzenkandidat nun im Team: Mirow mit seinem Schattenkabinett aus vier Frauen und vier Männern, Mirow mit Senioren, Mirow mit Ärzten und Krankenschwestern, Mirow mit Models - und Mirow mit auf dem Plastikauto mit Kindern.

Eins ist jedenfalls sicher: Der Wahlausgang wird aufgrund der starken Grünen äußerst knapp. In Umfragen schaukelt die Stimmung ständig von einer rot-grünen Mehrheit zu einer CDU-Alleinregierung. Womöglich werden wenige tausend Stimmen darüber entscheiden, ob Mirow im Amt des Bürgermeisters sein Profil schärfen kann oder weiterhin ein Lehrling ohne Zauber bleibt.



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