Hamburgs GAL Christa, Joschka und das schwarz-grüne Gespenst

Zweistellige Umfragewerte, die mit Abstand munterste Plakatierung und eine resolute Spitzenkandidatin: Bei der Hamburger GAL ist vor den Bürgerschaftswahlen am kommenden Sonntag eigentlich alles im grünen Bereich. Nur die Gerüchte über eine Liaison mit der CDU trübten die Stimmung - bis der Außenminister für Klarheit sorgte.

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Goetsch: "Koalition ist ein Zweckbündnis"
DDP

Goetsch: "Koalition ist ein Zweckbündnis"

Hamburg - Der hanseatische Wahlkampf kreist um drei Männer und eine Frau, die restlichen Kandidaten werden kaum wahrgenommen. Mit dem Slogan "Michel. Ole. Alster." versucht die CDU aus der Beliebtheit von Bürgermeister Ole von Beust Stimmkapital zu schlagen. Bei der SPD versichert deren Spitzenkandidat Thomas Mirow plakativ, für die Umsetzung der Wahlversprechen zu bürgen - so als wolle er nicht Bürgermeister der Hamburger, sondern hanseatischer Bürge-Meister werden. Und Sheriff Ronald Schill bettelt, bei seiner Aufräumaktion gegen das Böse, Kriminelle und Angst einflößende in der Stadt weiter machen zu dürfen.

Christa Goetsch, Spitzenkandidatin der Grün-Alternativen Liste (GAL), muss dagegen fast bis zum Schluss immer wieder das schwarz-grüne Gespenst bekämpfen, das sich aus diesem Wahlkampf partout nicht vertreiben ließ. Einen "fast schon erotischen Reiz" habe die Diskussion über ein mögliches Bündnis zwischen CDU und GAL offenbar, stellte sie gegenüber SPIEGEL ONLINE nur mäßig amüsiert über das Dauerthema an den Infoständen auf den Wochenmärkten und bei den abendlichen Veranstaltungen fest.

"Damenwahl", heißt es auf den GAL-Plakaten. Seitdem durchsickerte, dass Beust von CDU-Chefin Angela Merkel bei der Suche nach einem Koalitionspartner in Hamburg freie Hand habe, wurde Goetsch immer wieder mit der Frage konfrontiert, ob sie nicht nur Mirow, sondern auch den Amtsinhaber zum Regierungstanz auffordern würde, denn die GAL ist mit Umfragewerten im sicheren zweistelligen Bereich begehrt.

Während der frühere Koalitionspartner SPD offenbar von den Wählern für die Berliner Politik büßen soll und nach zweijähriger Opposition noch nicht wieder für regierungsfähig gehalten wird, kommen die Grünen in der Meinungsbildung nicht nur unbehelligt davon, sie legen sogar zu. Der GAL geht es da so ähnlich wie der CDU, die trotz des Scheiterns der Mitte-Rechts-Koalition mit Schill vermutlich um zwanzig Prozentpunkte an Stimmen gewinnen wird.

Goetsch und Fischer: Immer die gleiche Frage
AP

Goetsch und Fischer: Immer die gleiche Frage

Eine schwarz-grüne Koalition in der Hansestadt wäre das erste Bündnis dieser Coleur in einer Landesregierung und würde die SPD in Berlin in große Irritationen stürzen. GAL und CDU könnten also in Hamburg Geschichte schreiben. Dummerweise hatte sich Goetsch, 52, einmal zu einem "Man soll niemals nie sagen" in der Bündnisfrage hinreißen lassen, weshalb sie sich seitdem stetig zu Mirow bekennen musste, um den grünen Wähler in dieser Frage nicht noch mehr zu verunsichern. "Eine Koalition ist ja keine Liebesbeziehung oder eine Ehe, sondern ein Zweckbündnis", sagt Goetsch über den Auserwählten Mirow, der als ehemaliger Wirtschaftssenator der SPD auch für die 40 Jahre Filz steht, dessen die Wähler an Elbe und Alster vor zwei Jahren überdrüssig waren.

"Dass man nach Inhalten fragt, erlebe ich weniger"

Von der Landeschefin Anja Hajduk war zu hören gewesen, dass sich die Grünen "nicht mit Abscheu und Empörung" abwenden würden, sollte die CDU das Gespräch suchen. Ehemalige GAL-Politiker äußerten sich ätzend: Ob Hamburgs Grüne scharf seien auf Senatorenposten und Dienstwagen, wurde Heike Sudmann, die jetzt mit dem linken "Regenbogen"-Bündnis antritt, von der Zeitung "Neues Deutschland" gefragt. Ihre Antwort: "Das mit den Dienstwagen würden sie bestreiten. Der andere Punkt trifft in jedem Fall zu."

Wahlplakat: Ins Detail verliebt

Wahlplakat: Ins Detail verliebt

Die immer noch alternative Basis reagierte irritiert auf die Spekulationen über Schwarz-Grün. Sie erfreut sich lieber an frechen GAL-Plakaten wie "Gute Politik ist für den Arsch", mit dem Schwule und Lesben gewonnen werden sollen, und diskutiert auf Wahlkampfveranstaltungen viel lieber über ureigene Themen wie Migration, Verkehrsberuhigung und alternative Erziehungs- und Schulformen - was Goetsch ("Ich war 25 Jahre mit Leidenschaft Lehrerin") entgegen kommt, die zum Beispiel das Projekt "Neun macht klug" protegiert, dass als "Aufbruch nach Pisa" das Sitzenbleiben in den ersten sechs Schuljahren abschaffen soll (weil es unter anderem jährlich Kosten von 20 Millionen Euro verursache) und sich an der finnischen Schulpolitik orientiert.

Als "ins Detail verliebt" bezeichnet sich Goetsch, und deshalb nervte es sie, wenn sie von Journalisten so oft vor allem um Stellungnahmen zu Schwarz-Grün gebeten wurde. Gerne würde sie fachlich in die Tiefe gehen. Aber soweit komme es eben meist nicht: "Dass man nach Inhalten gefragt, erlebe ich weniger". Sie würde viel lieber über Kita-Plätze sprechen als immer wieder über Schwarz-grün. Sollten SPD und GAL doch wieder im Rathaus dominieren, käme Goetsch als Bildungssenatorin in Frage.

Übereinstimmung nur im "Nano-Bereich"

Das schwarz-grüne Gespenst vertrieb Goetsch schließlich zusammen mit Joschka Fischer. Bei einem gemeinsamen Auftritt im Schauspielhaus erteilte der Außenminister einem solchen Bündnis eine Absage. "Wir kämpfen für einen Wechsel, für eine neue Politik und nicht für ein anderes Farbenspiel", rief Fischer aus.

Wer erlebte, wie aufgebracht die zierliche GAL-Kandidatin reagierte, als Beust bei einer Diskussionsrunde seine Ansichten über die Rolle der Frau von sich gab, konnte ohnehin nur schwer glauben, dass sie sich ernsthaft auf ein Bündnis mit dem Bürgermeister einlassen würde. Er fände es besser, wenn Kinder zu Hause "Nestwärme" bekämen und nicht rundum vom Staat betreut würden, hatte Beust von sich gegeben. "Das ist ein Affront gegen die Frauen", fuhr es da aus Goetsch heraus, die zwar leidenschaftlich gerne kocht, aber ansonsten eher wenig mit dem konservativen Frauenbild der Union gemein hat.

Mit der CDU gebe es politische Übereinstimmung nur im "Nano"-Bereich, versichert sie. Wenn Beust immer sage, dass zwei Jahre nicht ausgereicht hätten, um die Politik seines Senats umzusetzen, "dann können wir nur sagen: Gott sei Dank war das so." Eine Aufforderung zum Tanz sieht anders aus.



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