Hamburgs SPD-Mann Naumann Der All-Inclusive-Kandidat

Schöngeist, Macher, Sozialdemokrat: Irgendwo dazwischen steht Michael Naumann. Der Politik-Seiteneinsteiger ist die Überraschung des Hamburger Wahlkampfs - und zu einem ernsthaften Herausforderer für CDU-Bürgermeister von Beust geworden.

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Hamburg - "Aus welchem Land kommst du?", fragt der kleine Junge. Der Kandidat schaut ein bisschen verwundert. "Mann", sagt ein älterer Junge und blickt den Kleinen mit der blondierten Strähne von oben herab an, "der wird vielleicht Bundeskanzler." Das findet der Kandidat nun ziemlich komisch. "Ich will Bürgermeister in eurer Stadt werden", sagt er. Dann fragt der Kandidat die türkischen Jungs nach ihren Namen, sie quatschen ein bisschen, aber er muss weiter. "Na dann, viel Glück", ruft ihm der Ältere hinterher.

Michael Naumann, der Hamburger SPD-Spitzenkandidat, ist kein geborener Wahlkämpfer. Er ist kein geborener Hansestädter. Aber ein geborener Kommunikator, der auch gerne mit Kindern plaudert.

Natürlich, Naumann erzählt gerne. Das ist wohl auch das mindeste, bei der Biografie: Studentenführer, Reporter, Wissenschaftler, Verleger, Geschäftsführer, Staatsminister, "Zeit"-Chefredakteur und -Herausgeber. In 67 Lebensjahren ist einiges zusammengekommen. Aber - und das unterscheidet Naumann von Vertretern seiner Generation mit ähnlich bewegter Vergangenheit - er kann auch zuhören. Wenn Naumann fragt, dann scheinen ihn die Antworten tatsächlich zu interessieren. Das wiederum kommt bei Politikern eher selten vor.

An diesem Tag interessiert sich Michael Naumann für den "Bunker" in Hamburg-Billstedt. So nennen die Bewohner ihren vielstöckigen roten Klinkerbau, der die Probleme des Stadtteils wie im Konzentrat abbildet: überwiegend Menschen mit Migrationshintergrund - darunter viele Asylbewerber -, sozial schwache Deutsche, fast ausnahmslos Familien mit vielen Kindern. Als Naumann später über den Hof läuft, ruft ihm ein Mann hinterher: "Bitte vergessen Sie uns nicht." Und: "Man hat uns alleine gelassen."

Eingeladen wurde Naumann von den "Wake up!"-Organisatorinnen. Sie schmieren hier Frühstücksbrote für Kinder aus der Nachbarschaft. "Was sind das für Familien?", will Naumann wissen. "Wie alt sind die Kinder?" Und: "Wie viele kommen hier her?". Man hockt auf klapprigen Stühlen im Kreis, ein paar örtliche Genossen sitzen dabei, auch ein Reporter des "Handelsblatt". Der Kandidat kommt an bei den Butterbrot-Damen, weil er deren Engagement ernst nimmt. Aber dann passiert ihm wieder so ein Naumann-Satz: "Haben Sie nicht das Gefühl, dass Sie manchmal, wie Simón Bolívar geschrieben hat, den Ozean pflügen?".

Da ist er - der Schöngeist. Dem eben mal ein Zitat des südamerikanischen Freiheitskämpfers einfällt, um eine schlichte Frage intellektuell aufzuhübschen. Und so einer soll die Wirtschaftsmetropole an der Alster regieren? "Mein Junge, du musst noch einiges lernen, um in Hamburg Verantwortung zu übernehmen." Derart kanzelte Bürgermeister Ole von Beust kürzlich seinen Herausforderer öffentlich ab.

Naumann müht sich gegen das Schöngeist-Image

Naumann hält das für unfair. Er müht sich gegen sein Image. Aber manchmal geht es eben wieder mit ihm durch.

So wie bei einem Pressefrühstück, kurz vor Weihnachten, im verrauchten Nebenzimmer des "Café Paris". Es geht um seine Regierungspläne und die Fehler der CDU. Die Gewalt auf der Reeperbahn ist in Hamburg immer ein Aufreger, natürlich sieht Naumann die Beust-Regierung daran nicht schuldlos. "Exuberanzen" sagt er statt Anstieg - und freut sich darüber, dass kaum einer der Journalisten dieses Fremdwort versteht.

So macht es sich Michael Naumann selbst schwer. Denn die ehemaligen Kollegen mögen gar nicht, wenn andere schlauer sind - und das sogar noch zeigen.

Als Naumann im April als SPD-Spitzenkandidat vorgestellt wurde, war das zwar ein Coup, die Presse staunte. Dennoch schien klar: Er hat keine Chance. Nicht gegen diesen präsidialen Regierungschef von Beust, der so hanseatisch und nobel wirkt wie all die großen SPD-Bürgermeister der Vergangenheit - nur eben mit CDU-Parteibuch. Nicht gegen die Funktionärsriege der eigenen Partei, die seit dem Machtverlust vor gut sieben Jahren mehr mit sich selbst als dem politischen Gegner beschäftigt ist. Und nicht gegen den politischen Großwettertrend in Deutschland.

Acht Monate später jubeln knapp 3000 Sozialdemokraten ihrem Kandidaten zu, der von der Bühne des Hamburger Kongresszentrums in die Menge lächelt. Naumann und die SPD sind im Aufwind - in einer aktuellen Umfrage für die "Hamburger Morgenpost" liegt man sogar vor der CDU - Rot-Grün erscheint möglich.

Und was sagt der Herausforderer in seinem schmucklosen Büro im Erdgeschoss der Hamburger SPD-Zentrale? Dass er "immer an sich geglaubt habe".

Nun ist Naumann - zwei Jahre Kultur-Staatsminister unter Gerhard Schröder - sicherlich ein Herr von nicht geringem Selbstbewusstsein. Würde er diese Einschätzung ernst meinen, wäre das allerdings noch untertrieben. Eine andere Erklärung bietet sich an: Naumann hat viel Zeit in den USA verbracht. Dort machte er den Highschool-Abschluss, dort arbeitete er lange Jahre. Sein häufiges "Aaaaohm", bevor er einen Satz beginnt, ist eine Erinnerung daran. Aber wohl auch das "An-sich-glauben"-Mantra.

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