Hanau Ermittlungen wegen radioaktiver Stoffe im Wald

Im Boden um die ehemaligen Hanauer Nuklearbetriebe sind radioaktiv verseuchte Kügelchen gefunden worden. Auch bei Geesthacht wurden ähnliche Stoffe gefunden - Wissenschaftler vermuten, dass diese bei einem Atomunfall freigesetzt wurden.


Brennelementewerk Hanau
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Brennelementewerk Hanau

Hanau/Berlin - Der Sprecher der Hanauer Staatsanwaltschaft, Jost-Dietrich Ort, bestätigte am Montag, dass die Behörde wegen im Erdreich gefundener Mikrokügelchen ermittele. Ersten Erkenntnissen nach sind die in einem an ein Wohngebiet angrenzenden Wald entdeckten Teilchen "wohl radioaktiv". Für Menschen besteht aber anscheinend keine Gefahr durch Strahlung, sondern nur wenn das Material eingenommen werde, so Ort.

Unterdessen veröffentlichte die Organisation Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (IPPNW) in Berlin eine Studie, wonach so genannte PAC-Kernbrennstoff-Kügelchen im Nahbereich der Geesthachter Atomanlagen in Schleswig-Holstein gefunden worden seien. Diese Partikel seien für den Einsatz in Reaktoren entwickelt und in den achtziger Jahren in Hanau großtechnisch hergestellt worden.

In Geesthacht werde in unmittelbarer Nachbarschaft des Atomkraftwerkes Krümmel eine nukleare Forschungseinrichtung betrieben, die mit Hanau kooperiert habe, hieß es von der IPPNW. Die Organisation erneuerte den Verdacht, dass sich im Jahr 1986 ein Atomunfall bei Geesthacht ereignet habe. Eine großflächige Verbreitung von PAC-Kernbrennstoff könne ihre Ursache ausschließlich in einem unfallbedingten Ereignis haben. Die Kieler Landesregierung hatte dies dementiert.

Die Hanauer Staatsanwaltschaft teilte mit, dass sie nach Hinweisen von Wissenschaftlern, die auf Funde in Schleswig-Holstein verwiesen hätten, tätig geworden sei. Dabei habe man die etwa ein Millimeter großen Mikrokügelchen gefunden. Deren "signifikant häufiges Vorhandensein sowie gewisse messbare Aktivitäten" hätten den Anfangsverdacht entstehen lassen, dass eine Straftat im Sinne der Bodenverunreinigung vorliege. Das Ermittlungsverfahren gegen unbekannt laufe bereits seit März 2001, sagte Ort. Eine Gefährdung durch Strahlung sei nicht Gegenstand der Ermittlung. Mit dem Ergebnis der Bodenuntersuchung sei Ende Juni zu rechnen.

Wissenschaftler der Universität Gießen fanden nach einem Bericht des ARD-Fernsehmagazins "Report Mainz" unter anderem giftiges Plutonium, angereichertes Uran und strahlende Elemente wie Curium und Americium in den Kügelchen. Sie hätten sich in etwa 15 Zentimeter Tiefe mit Hilfe eines Geigerzählers gefunden. Der Gießener Strahlenforscher Arthur Scharmann sagte "Report": "Diese Kügelchen sind nicht natürlichen Ursprungs, sondern mit denen ist irgendwie experimentiert worden."

Den Strahlenbiologen Frederick Stevenson von der Uniklinik Kiel zitiert das Fernsehmagazin mit den Worten: "Wenn derartige Teile in den Körper gelangen und diese Teile dann aufgelöst werden, dann ist das Teufelszeug freigesetzt, und wenn dieses dann im Gewebe aufgenommen wird, dann ist es extrem toxisch."

SPD und Grüne fordern umfassende Information

SPD und Grüne forderten den hessischen Umweltminister Wilhelm Dietzel (CDU) unterdessen auf, umfassend über die Funde zu informieren. Eine Ministeriumssprecherin erklärte jedoch, dass man sich nicht in die laufenden Ermittlungen der Staatsanwaltschaft einschalte. Sobald Ergebnisse vorlägen, werde man die Öffentlichkeit informieren. Der Boden in Hanau sei jedoch in den vergangenen Jahren regelmäßig untersucht worden, wobei keine Auffälligkeiten festgestellt worden seien.



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