Severin Weiland

Angela Merkels Reaktion auf Hanau Kanzlerin mit Kompass

Severin Weiland
Ein Kommentar von Severin Weiland
Ein Kommentar von Severin Weiland
Die klare Reaktion der Kanzlerin zeigt einmal mehr, wie wichtig Angela Merkel nach wie vor für die CDU ist. Ihr Nachfolger wird sich daran messen müssen.
Angela Merkel im Kanzleramt vor der Abgabe der Erklärung zu Hanau: "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift."

Angela Merkel im Kanzleramt vor der Abgabe der Erklärung zu Hanau: "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift."

Foto: Sean Gallup/ Getty Images

In der CDU gibt es derzeit viele offene Fragen. Die wichtigste betrifft ihre Führung und die Kanzlerkandidatur. Sie entscheidet, ob die Union, die diese Republik mitgegründet hat und bis heute prägt, die stärkste Kraft bleiben kann.

Es wird eine der schwierigsten Entscheidungen, die die CDU jemals zu treffen hatte.

In dieser Woche zeigte sich einmal mehr, wie groß die Fußstapfen sind, in die einer der möglichen - bislang nur männlichen - Nachfolger treten wird. Beispielhaft war dafür die Reaktion der amtierenden Kanzlerin Angela Merkel auf den rassistischen Anschlag in Hanau. Merkels Botschaft war klar und eindeutig.

Viele AfD-Politiker haben den Anschlag als Werk eines Geisteskranken abgetan, um von der rechtsextremen Gesinnung des Täters abzulenken oder diese zum psychischen Problem kleinzureden. Diese Ausrede war der Kanzlerin kein Wort wert. Sie ordnete die Tat in ihren gesellschaftlichen Kontext ein und benannte ihre Ursache mit klaren Worten: "Rassismus ist Gift, der Hass ist ein Gift."

Die eigentliche Parteivorsitzende

Merkel gab mit ihrer Aussage die Linie ihrer Partei vor, und das, obwohl sie der CDU schon seit geraumer Zeit nicht mehr vorsteht. Es ist das zweite Mal innerhalb kürzester Zeit, dass Merkel in einer wichtigen Phase ihrer vierten Kanzlerschaft einen klaren Standpunkt vertritt, wenn es um die Gefahren geht, die das Zusammenleben in der bunten und vielfältigen Gesellschaft bedrohen, die die Bundesrepublik schon lange ist.

Als Anfang Februar die Thüringer CDU mit der AfD-Fraktion des völkisch-nationalistischen Rechtsaußen Björn Höcke den FDP-Kandidaten Thomas Kemmerich zum Ministerpräsidenten wählte, nannte sie das aus dem fernen Südafrika "unverzeihlich". Zwar hatte sich die CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer zuvor ähnlich deutlich geäußert, doch mehr Gewicht hatte das Wort der Kanzlerin. Merkels Satz legte offen, wie wenig Kraft ihre Nachfolgerin im Parteiamt noch hatte. Kramp-Karrenbauer, auch zermürbt vom Stellungskrieg ihrer CDU-Freunde in Erfurt, zog wenig später die Konsequenzen und kündigte den Rückzug von der Parteispitze an.

In dieser für die Union und die Republik unruhigen Zeit rückt einmal mehr die Kanzlerin in den Fokus. An Merkels Politikstil ist sicherlich manches auszusetzen, das Abwarten, das Zögern. Mitunter ist gerade das aber notwendig, um in der Politik zu bestehen und Entscheidungen erst zu ermöglichen. Schnelligkeit ist nicht immer gleichbedeutend mit Erfolg. Sie mag sich manchmal Zeit lassen. Doch wenn es um Fragen von elementarer Bedeutung geht, strahlt Merkel nach wie vor eine bemerkenswerte Sicherheit aus.

Sensibilität für die deutsche Geschichte

Wenn es um Ereignisse geht, die vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte und seiner Nazi-Vergangenheit ein Bekenntnis erfordern, hält sie Kurs. In ihrer über 14-jährigen Amtszeit, mittlerweile länger als die von Konrad Adenauer, hat sich Angela Merkel eine wohltuende Sensibilität für die Verantwortung deutscher Politik vor dem Hintergrund der Geschichte erworben. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und selbstverständlich ist es auch nicht, dass jeder ihrer potenziellen Nachfolger diese Verantwortung ebenso klar erkennt. Auch die Frage nach dieser Fähigkeit wird die CDU in ihre Führungsentscheidung einbeziehen müssen.

Der schleswig-holsteinische Ministerpräsident Daniel Günther, bekannt für seine gelegentlich etwas abseitigen Äußerungen, regte kürzlich an, beim kommenden Wahlkampf weiter auch auf Merkel als Zugpferd zu setzen. "Wir können von den Sympathien profitieren, die sie bei den Menschen hat", sagte der CDU-Politiker. Günthers Einwurf wurde vielfach belächelt, als Stimme eines Regionalpolitikers, der auffallen will. Merkel soll wieder antreten? Das wäre doch vermessen. Allerdings regte Günther gar keine Revision des angekündigten Rückzugs von der Kanzlerschaft an.

Merkel weiß selbst, dass ihre Zeit abläuft und ihre Partei sich 2021 mit neuem Personal in eine der wohl wichtigsten Wahlen in der Geschichte der Bundesrepublik begeben muss. Doch der Zwischenruf Günthers sagt etwas aus über die Qualitäten dieser Kanzlerin, die immer noch weit über die Anhängerschaft der Union hinaus Wirkung erzielen kann.

Ihre klaren Worte zum rassistischen Anschlag von Hanau haben gezeigt: Merkels Nachfolger, wer auch immer es sein mag, wird in den härteren Zeiten, in denen diese Republik längst angekommen ist, einen ebenso klaren Kompass brauchen. Angela Merkel hat Maßstäbe gesetzt.