Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher Mut zur Unbeliebtheit

Hans-Dietrich Genscher war ein begnadeter Taktiker - aber nicht nur. Politikprofessor Christian Hacke lernte den Außenminister als stilvoll, unangepasst, klug und sachlich kennen. Ein Nachruf.

Hans-Dietrich Genscher
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Hans-Dietrich Genscher


Zur Person
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    Christian Hacke, Jahrgang 1943, ist Professor für Politikwissenschaft und Zeitgeschichte (im Ruhestand). Er lehrte unter anderem an der Universität der Bundeswehr Hamburg und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Hacke hat diverse Bücher und zahlreiche Aufsätze zur deutschen und amerikanischen Außenpolitik veröffentlicht.
Wer Hans-Dietrich Genscher kannte, wusste, sein Tod war in Reichweite. Aber dass er so schnell kommen würde, damit hatte kaum jemand gerechnet.

Wie alle Menschen im Land bin auch ich bestürzt über seinen Tod, aber auch dankbar, dass ich das Privileg hatte, ihm begegnen und ihn begleiten zu dürfen.

Vor mehr als 25 Jahren lernte ich Außenminister Genscher kennen und das erste Treffen begann für mich mit einer großen Peinlichkeit. Als ich ihm in seinem Außenministerbüro gegenübersaß, fragte ich, ob ich rauchen dürfte. Ohne ein Miene zu verziehen, erlaubte er mir diesen Genuss, der für ihn Qual und Gefahr bedeutete, war er doch früher schwer an Tuberkulose erkrankt.

Als ich später davon erfuhr, bin ich vor Scham fast in die Erde versunken, aber der große Mann blieb nachsichtig.

Hans-Dietrich Genscher hat in 23 Jahren Amtszeit als Minister die Geschicke der Bundesrepublik zwischen 1969 und 1992 maßgeblich geprägt. Zuerst als Innenminister und dann 18 Jahre lang, ab 1974, als Bundesminister des Auswärtigen, zuerst an der Seite von Bundeskanzler Helmut Schmidt und dann ab 1982 an der Seite von Bundeskanzler Helmut Kohl. Genscher schien so allgegenwärtig, dass die Anekdote von den zwei Flugzeugen, die sich über dem Atlantik begegnen und in beiden Genscher sitzt, mittlerweile zum tradierten Balladenschatz der Bonner Republik gehört.

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Hans-Dietrich Genscher: Der Mann im gelben Pullunder
In der historischen Distanz wird immer klarer: Genscher war für die Außenpolitik der Bundesrepublik das, was Gustav Stresemann für die Weimarer Republik bedeutete. Beide repräsentierten ein liberal-demokratisches, weltoffenes und auf Ausgleich bedachtes Deutschland.

Sein Liberalismus - der der skeptischen Alterskohorte der sogenannten Flakhelfergeneration - war pragmatisch und visionär zugleich. Sein illusionsloser Realismus befähigte ihn zu einer Diplomatie, die als Kunst der Beeinflussung verstanden, keinen unbeeindruckt ließ. Selbst sein großer weltpolitischer Gegenspieler, der sowjetische Außenminister Andrej Gromyko, blieb nicht unberührt von Genschers Umgarnungskünsten.

Auch als einfacher Professor kann ich ein Lied davon singen. Nicht selten verließ ich nach einem Gespräch mit ihm den Raum in dem Glauben, dass er ohne meine Hilfe überhaupt nicht zurechtkommen würde.

Genscher war ein begnadeter Taktiker und Manipulator. Aber wenn seine Kritiker ihn gern auf dieses Maß zu reduzieren versuchen, dann liegen sie falsch: Er war auch Visionär, und er konnte politisch um die Ecke sehen, er ahnte das Kommende, und er sah, was anderen noch lange verschlossen blieb.

Video-Nachruf: Zum Tod von Hans-Dietrich Genscher

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Bestes Beispiel: Seine große Rede in Davos Anfang 1987, als er als erster die Skeptiker im Westen aufrüttelte. "Sitzen wir nicht mit verschränkten Armen da und warten, was uns Gorbatschow bringt! Versuchen wir vielmehr, die Entwicklung von unserer Seite aus zu beeinflussen und zu gestalten!"

Genscher ging mit gutem Beispiel voran.

In diesem Sinne stand der Prozess der Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE) für Genschers Vision einer friedlichen und gutnachbarschaftlichen Entwicklung in Europa. Dabei zeigte er auch Risikobereitschaft, als er ziemlich allein auf Gorbatschow setzte.

Auch wagte keiner wie er im Frühjahr 1989 gegen den Widerstand im Kabinett Kohl, gegen den Widerstand der Regierung Bush und gegen den Widerstand in der Nato sich so vehement gegen eine Modernisierung der Raketen der Nato und für Abrüstung einzusetzen.

Genscher war in Washington kein unkritischer Partner - aber keiner der fünf US-Präsidenten, mit denen er zu tun hatte, versagte ihm den nötigen Respekt. Mit US-Außenminister Henry Kissinger entwickelte er ein besonderes Vertrauensverhältnis.

Henry Kissinger (l.) und Hans-Dietrich Genscher
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Henry Kissinger (l.) und Hans-Dietrich Genscher

Zur Amtszeit von Präsident Ronald Reagan verstand es Genscher geschickt, seine Skepsis gegenüber der Strategischen Verteidigungsinitiative (SDI) einzubringen. Umgekehrt unterstützte er den Nato-Doppelbeschluss so rückhaltlos, dass er die Koalition mit der SPD aufkündigte und damit ganz entscheidend dazu beitrug, dass der Westen geschlossen handelte und dem sowjetischen Druck standhielt.

Ja, Genscher hatte Schneid, und er hatte Mut zur Unpopularität. Das sei denjenigen ins Stammbuch geschrieben, die ihn nur als Taktiker sehen wollen.

Hans-Dietrich Genscher ließ sich in seiner Kernüberzeugung - ein vereinigtes Deutschland müsse seinen Platz in einem gutnachbarschaftlichen Europa finden - nicht beirren. Jahr für Jahr bekräftigte er im September vor der Uno-Vollversammlung das Recht auf Selbstbestimmung und Wiedervereinigung der Deutschen. Nicht als Ritual, sondern als persönliches Anliegen.

Die Herzen flogen ihm gerade im Osten zu

Denn 1927 in Halle geboren und bis 1952 in der sowjetische Besatzungszone (SBZ) gelebt, hatte Genscher Zeit seines Lebens immer gesamtdeutsch gedacht und gehandelt. Deshalb flogen ihm die Herzen gerade im Osten nach der Wiedervereinigung zu.

Ich habe diese begeisterten Menschentrauben ebenso miterleben dürfen wie den Respekt und die Wärme, die ihm von seinen internationalen Kollegen entgegenschlug. Im September 1989 in New York mahnte Außenminister Genscher vor der Uno-Vollversammlung nicht nur das Selbstbestimmungsrecht der Deutschen an, sondern gab die unwiderrufliche Grenzgarantie hinsichtlich der Oder-Neiße-Linie ab.

Keiner im Saal blieb unbewegt, als im Anschluss eine schier endlose Schlange von Ministern und Staatsoberhäuptern beim Außenminister zur Gratulation anstand. Genscher wusste, dass zu diesem dramatischen Zeitpunkt des Zusammenbruchs des Sowjetimperiums eine kluge und vertrauensbildende Verknüpfung zwischen deutscher und europäischer Politik nötig war. Deshalb plädierte er für Grenzanerkennung und eine europäische Friedensordnung vom Atlantik bis zum Ural als Antwort auf Gorbatschows Forderung nach einem "gemeinsamen europäischen Haus".

Die Wiederherstellung der äußeren Einheit Deutschlands ist natürlich Genschers große historische Leistung. Aber sie fiel nicht vom Himmel. Sie wuchs natürlich - in dem Sinne, dass dank Genschers diplomatischer Umsichtigkeit die Bundesrepublik in den Achtzigerjahren zur europäischen Entspannungsvormacht avancierte.

Genscher (l.) und Krystof Skubiszewski 1990 in Warschau
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Genscher (l.) und Krystof Skubiszewski 1990 in Warschau

Als die Mauer dann am 9. November 1989 fiel, wurde seine Wiedervereinigungsdiplomatie zum krönenden Höhepunkt seines politischen Wirkens.

Hat er Fehler gemacht? Gibt es Versäumnisse? Natürlich. Seine Balkanpolitik zu Beginn der Neunzigerjahre bleibt bis heute kontrovers und seine Europapolitik mag für manchen zu idealistisch angelegt sein. Aber im Vergleich zu seinen Verdiensten fallen diese und andere Kritikpunkte kaum ins Gewicht.

Sein außenpolitisches Erbe ist beispiellos und beispielhaft und nicht nur auf Europa beschränkt, sondern von weltweiter Wirkung. Frühzeitig warnte er vor internationalem Terrorismus, er veranlasste Initiativen zur Vermeidung von Flüchtlingströmen und zur Verhütung internationaler Konflikte. Er sorgte für nich -militärische Beiträge Deutschlands zu den Friedensoperationen der Uno. 1977 trug er im Rahmen der Uno maßgeblich zur Unabhängigkeit Namibias bei und war auch bei der Beendigung des Krieges zwischen Iran und dem Irak beteiligt. Und last but not least: Er sensibilisierte die Welt für die neuen globalen Probleme im Zeitalter von Globalisierung.

Sympathieträger Deutschlands in der Welt

Er war tagespolitisch präsent wie keiner, aber dachte weit über den Tag hinaus. Und im Zeichen der anwachsenden Krisen der vergangenen Jahre wurde er immer unruhiger. Er mahnte vor übereilter Erweiterung der EU und Nato. Er warnte davor, Russland von den europäischen Sicherheitsstrukturen auszuschließen und die seit Jahren anhaltende Krise Europas bedrückte ihn zutiefst.

Vielleicht hätte der alte Fuchs mit seiner Erfahrung und mit seinem Geschick auch für mehr Berücksichtigung der legitimen russischen Interessen im Zuge der Ukrainekrise plädiert? Das bleibt Spekulation.

Aber das historische Urteil über sein Wirken ist eindeutig. Genscher war der Sympathieträger Deutschlands in der Welt. Auch sein Humor und seine Schlagfertigkeit trugen dazu bei. Vor allem aber war es seine Bescheidenheit und seine Natürlichkeit, die die Menschen zu ihm hinzog. Man kann es nur so sagen: Die Herzen der Menschen in Ost und West sind ihm zugeflogen, weil sie sich von ihm verstanden und repräsentiert fühlten. Das machte ihn und die FDP stark. Genscher lebte im Sinne von Max Weber nicht von, sondern für die Politik.

Mit ihm ist deshalb ein bestimmter Typus von Politiker gestorben: stilvoll, unangepasst, klug und sachlich. Deutschland betrauert deshalb nicht nur Hans-Dietrich Genschers Tod. Mit ihm haben wir noch mehr verloren, als uns heute bewusst ist.

Nachruf von Frank-Walter Steinmeier

insgesamt 20 Beiträge
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Seite 1
haresu 02.04.2016
1. Vertrauensvorschuss
Genscher war einer von denen die in Ost und West das Vertrauen geschaffen haben, dass von Deutschland keine Gefahr mehr ausgehe. Er hat es geschafft nachvollziehbare nationale Interessen mit Ehrlichkeit aber auch einer gewissen Harmlosigkeit zu präsentieren. Hoffentlich bleiben wir auch harmlos.
guillermo_emmark 02.04.2016
2. Unbeliebt?
In der Tat. Ich mochte ihn überhaupt nicht. Von Anfang an war er mir ziemlich unsympathisch. Die Titanic Comic-Bearbeitung und vor allem seine Rolle nach dem Mauerfall liessen ihn mir erträglicher erscheinen. Seine Verdienste um die deutsche Wiedervereinigung sind unbestreitbar gewaltig. Ich fand es dennoch bedauerlich, dass Mauerfall und Wiedervereinigung dem noch unerträglicheren Helmut Kohl und eben Hans Dietrich Genscherin den Schoss fielen und nicht etwa Willi Brandt uind Walter Scheel, die die Vorarbeit geleistet hatten, es eher und mehr verdient gehabt hätten, aber 1989 längst ausser Amt und Würden waren. Besonders dem Kohl ist das alles in den Schoss gefallen. Er wusste selbst kaum wie ihm geschah, tönte aber dann recht grossmäulig, endlich sei er am Ziel seines politischen Strebens angelangt. Genscher zumindest hat da hart für gearbeitet. Was ich nie verstanden habe und was wohl auch bis heute ungeklärt ist - sein plötzlicher Rücktritt. Dennoch, er war zur rechten Zeit am rechten Ort und hat das Richtige getan. Daher Respekt und requiescat in pace!
oalos 02.04.2016
3. die übliche posthume Beweihräucherung
Klar wird in Erinnerung bleiben, dass er sich auf den Balkon stellt, um "mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise usw." Unvergessen bleibt mir aber auch sein Beitrag hins. der Anerkennung von Slowenien und Kroatien, was endgültig zum Jugoslawienkrieg und -zerfall führte (nachdem der IWF mit verordnetem Sanierungsprogramm - wie heute in GR - das Land ruiniert hat). Auch die Familie Käsemann dürfte ihm keine Träne hinterherweinen, für deren in Argentinien gefolterte und dann ermordete Tochter er keinen Finger rührte ("Ach, das Mädchen...").
gustavsche 02.04.2016
4.
Zitat von oalosKlar wird in Erinnerung bleiben, dass er sich auf den Balkon stellt, um "mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise usw." Unvergessen bleibt mir aber auch sein Beitrag hins. der Anerkennung von Slowenien und Kroatien, was endgültig zum Jugoslawienkrieg und -zerfall führte (nachdem der IWF mit verordnetem Sanierungsprogramm - wie heute in GR - das Land ruiniert hat). Auch die Familie Käsemann dürfte ihm keine Träne hinterherweinen, für deren in Argentinien gefolterte und dann ermordete Tochter er keinen Finger rührte ("Ach, das Mädchen...").
Nur weil man es ständig wiederholt, wird es nicht richtig. 1. Slowenien und Kroatien haben Referenden abgehalten, die sich für die Unabhängigkeit aussprachen. Genau diesen Weg sah die jugoslawische Verfassung vor. Es gab also keinen Grund, die Anerkennung zu verwehren. 2. Wir wissen nicht, wie von Serben geführte jugoslawische Armee reagiert hätte, wenn Deutschland nicht die Unabhängigkeit Sloweniens und Kroatiens anerkannt hätte. Wahrscheinlich wäre die Reaktion genauso gewesen, nur würden die Kritiker heute sagen: Hätte sich Genscher frühzeitig eingemischt, hätte der Krieg verhindert werden können. 3. Der Zerfall eines Staates ist nichts, was man Bedauern muss. Ob Jugoslawien als ganzes weiter bestanden hätte oder nicht, ist nicht von Belang. Entscheidend ist, dass es mehr Menschen in Rechtsstaaten friedlichen ihren alltäglichen Problemen nachgehen können. In Slowenien gab es einen 10-Tage-Krieg und fertig war die Laube. Slowenien konnte sich prima entwickeln. 4. Richtige Antworten sind häufig einfach. Am zweiten Weltkrieg hatte Hitler schuld und nicht Versailles und auch nicht die Westmächte. Es gibt keinen Automatismus von Versailles, von ein paar diplomatischen Fehlern (Stichwort Appeasement) hin zum Überfall auf Polen. Es war Hitlers freie Entscheidung, genauso wie es die freie Entscheidung Belgrads war, mit Waffengewalt auf die Unabhängigskeitsbestrebungen der Teilrepubliken zu reagieren. Und über Käsemann wissen wir zu wenig. Mit Diktaturen zu verhandeln, ist immer schwierig. Mir war der Fall neu und ich habe mich eingelesen. Ich kann kein schuldhaftes Verhalten der damaligen Regierung erkennen. Es gibt Regime, die koooperieren und welche, die nicht kooperieren. Man konnte ja auch nicht alle Polithäftlinge aus d er DDR freikaufen. Angehörige oder selbstgerechte NGOs sidn wahrlich schlechte Ratgeber, um zu konstruieren, vor welchen Möglichkeiten die damaligen Regierung stand.
bellissimamaria 02.04.2016
5. Ecce homo.
Zitat von oalosKlar wird in Erinnerung bleiben, dass er sich auf den Balkon stellt, um "mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise usw." Unvergessen bleibt mir aber auch sein Beitrag hins. der Anerkennung von Slowenien und Kroatien, was endgültig zum Jugoslawienkrieg und -zerfall führte (nachdem der IWF mit verordnetem Sanierungsprogramm - wie heute in GR - das Land ruiniert hat). Auch die Familie Käsemann dürfte ihm keine Träne hinterherweinen, für deren in Argentinien gefolterte und dann ermordete Tochter er keinen Finger rührte ("Ach, das Mädchen...").
Wer ein gutes Näschen für die Politik hat, steht im richtigen Moment am richtigen Ort vor der richtigen Kamera. Genscher war ein solcher Mann. Aber was tun diese Leute, wenn niemand sie beobachtet? Der Fall Käsmann - ein unglaublicher Vorgang - darf nicht in Vergessenheit geraten, schon allein deshalb nicht, weil es immer noch Menschen gibt, die um Elisabeth Käsmann trauern. Eine ganze Familie wurde zerstört, weil Genscher sich pflichtwidrig weigerte, Elisabeth Käsmann zu retten (was nicht schwierig gewesen wäre) und später zu feige war, seinen verhängnisvollen Fehler einzugestehen, obwohl er wissen mußte, wie wichtig das für die Familie Käsmann gewesen wäre. Als Politiker mag Genscher ein ganz großer Kameraheld gewesen sein, charakterlich war er wohl eher eine ganz kleine Leuchte. Ecce homo.
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