Trauer um Hans-Dietrich Genscher "Er stand für das Beste der Bonner Republik"

Ein großer Staatsmann, ein großer Liberaler: Politiker quer durch das Parteienspektrum trauern um den langjährigen Außenminister Hans-Dietrich Genscher.

Ex-Außenminister Genscher
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Ex-Außenminister Genscher


Politiker verschiedener Parteien haben bestürzt auf den Tod von Hans-Dietrich Genscher reagiert und das Lebenswerk des langjährigen Bundesaußenministers gewürdigt. Vizeregierungssprecher Georg Streiter bezeichnete den Verstorbenen in einer ersten Stellungnahme als einen "großen Staatsmann", der "wie ganz wenige die Geschicke Deutschlands mit beeinflusst hat". Genscher sei ein "großer Europäer und großer Deutscher" gewesen.

Genscher hatte in den vergangenen Wochen nach einer Wirbelsäulenoperation mit gesundheitlichen Problemen gekämpft. In der Nacht zum Freitag starb er im Alter von 89 Jahren im Kreise seiner Familie. Von 1974 bis 1992 war Genscher Bundesaußenminister und Vizekanzler, von 1974 bis 1985 Bundesvorsitzender der FDP, seit 1992 dann Ehrenvorsitzender der Partei.

"Hans-Dietrich Genscher hat in seinem langen und bewegten Leben buchstäblich Geschichte geschrieben: die Geschichte unseres Landes, Deutschland, und Geschichte in Europa", sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier über seinen Amtsvorgänger. "Sein Platz in den Geschichtsbüchern ist ihm gewiss."

Ein Satz, den Genscher 1989 vom Balkon der deutschen Botschaft in Prag sagte, wird besonders hängen bleiben:

"Liebe Landsleute, wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise in die Bundesrepublik Deutschland möglich geworden ist."

Das Zitat wird nun in den sozialen Netzwerken verbreitet.

Auch Bundespräsident Joachim Gauck erinnerte sich daran: "In diesen Stunden denke ich besonders an seinen großen Beitrag zur Vereinigung Deutschlands in Freiheit und Frieden. Diese war ihm ein Herzensanliegen. Beharrlich, allgegenwärtig und mit feinem Gespür für historische Momente hat er das friedliche Zusammenwachsen unseres Landes und unseres Kontinents vorangetrieben."

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FDP-Chef Christian Lindner widmete Genscher gleich mehrere Tweets. "Wir haben ihm viel zu verdanken. Unsere Trauer kann nicht größer sein", schrieb er. Und: "Nach Guido Westerwelle verlieren wir eine zweite unserer großen Persönlichkeiten." Der frühere Außenminister und FDP-Chef Westerwelle war am 18. März an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Auch Ex-FDP-Chef Philipp Rösler würdigte Genscher in einem Tweet: "In tiefster Trauer und voll von unendlichem Respekt vor Hans-Dietrich Genschers Leistungen für Deutschland, Europa und die Welt." Ebenso der Grünen-Parteichef Cem Özdemir:

"Ein großer Staatsmann, ein großer Liberaler, ein großer Europäer - er stand für das Beste der Bonner Republik", teilte CDU-Vize Armin Laschet zu seinem Tod mit. SPD-Vize Ralf Stegner bezeichnete ihn als "sicher einflussreichster Freidemokrat der letzten Jahrzehnte. Erfahrener Außenminister und Mann der 'Wende'".

Linken-Chef Bernd Riexinger sagte: "Genscher war ein großer deutscher Politiker, der Deutschlands Rolle in der Welt geformt und gefestigt hat. Der friedliche Ausgleich von Interessen mit den Mitteln der Diplomatie war seine Mission."

Auch international würdigten Politiker den verstorbenen FDP-Politiker. Die französische Regierung bezeichnete den Deutschen als "überzeugten Europäer". Genscher sei einer der wichtigen Akteure der Wiedervereinigung in Deutschland gewesen, sagte Außenminister Jean-Marc Ayrault nach Angaben seines Ministeriums. Mit seinen politischen und menschlichen Qualitäten habe er diese wichtige Periode der europäischen Geschichte geprägt. Ayrault nannte Genscher zudem einen Angelpunkt der deutsch-französischen Beziehungen.

"Er wird mir und Europa fehlen", erklärte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. "Denn er hatte sein ganzes unermüdliches politisches Wirken der Versöhnung, der Einigung und dem Wohlergehen dieses Kontinents verschrieben. Damit hat er viel für uns Europäer erreicht."

Genscher habe sich trotz Kritik als einer der ersten westlichen Politiker dafür eingesetzt, die Perestroika in der Sowjetunion ernst zu nehmen, erklärte der letzte sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow. Die Geschichte habe ihm Recht gegeben. "Er wurde dafür kritisiert, zu vertrauensvoll zu sein, doch er blieb standhaft", sagte Gorbatschow. Es werde gesagt, dass es in der Politik keine wahren Freunde gebe, doch dies treffe nicht zu: "All die letzten Jahre war Hans-Dietrich ein wahrer Freund für mich."

Auch der frühere US-Außenminister Henry Kissinger sprach von Genscher als einem Freund: Er werde "einen geschätzten und langjährigen Freund vermissen", sagte Kissinger. Der 92-Jährige hob hervor, dass Genscher eine "besondere Rolle in der Vereinigung Deutschlands, dem Aufbau der Europäischen Union und der Entwicklung einer friedlichen internationalen Ordnung gespielt" habe. Sein einstiger Kollege sei "intelligent, weise und menschenfreundlich" gewesen.

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Hans-Dietrich Genscher: Der Mann im gelben Pullunder

vks/dpa/AFP



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