Ex-Chef des Verfassungsschutzes Maaßen besucht Sachsen, die AfD besucht Maaßen

Hans-Georg Maaßen, früher Präsident des Verfassungsschutzes, war ins sächsische Radebeul gereist. Eigentlich sollte es ein Wahlkampftermin der CDU werden - doch es kamen vor allem AfD-Anhänger.

Hans-Georg Maaßen (l.), Matthias Rößler, sächsischer CDU-Landtagsabgeordneter
Robert Michael/ DPA

Hans-Georg Maaßen (l.), Matthias Rößler, sächsischer CDU-Landtagsabgeordneter

Aus Radebeul berichtet


Der Dresdner AfD-Bundestagsabgeordnete Jens Maier stellt sich neben das Publikum, in der Hand das Mikrofon. Auf der Bühne vor ihm sitzen der Ex-Geheimdienstchef Hans-Georg Maaßen und der sächsische CDU-Landtagspräsident Matthias Rößler und überblicken die Zuhörer. Er sei ja sehr verwundert, wer hier als Stargast der CDU präsentiert werde, sagt Maier. Und überhaupt: "Bei Herrn Maaßen sieht man doch, was in Ihrer Partei passiert, wenn man die Wahrheit sagt."

Im Publikum wird heftig geklatscht. Maaßen schmunzelt.

"Die Wahrheit sagen", das war der Wunsch der Zuhörer am Donnerstagabend in der sächsischen 34.000-Einwohnerstadt Radebeul. Seit Monaten tingelt Maaßen durchs Land, weil er sich "Sorgen um Deutschland" macht. "Ich bin gekommen, um etwas Werbung zu machen", sagt er nun im mit Palmen bepflanzten "sächsischen Nizza", wie die Einwohner Radebeul auch nennen. Zu Gast war der pensionierte Spitzenbeamte im Ballsaal des Hotels "Zum goldenen Anker".

Hans-Georg Maaßen in Radebeul: Kaum kritische Fragen, dafür "Hochachtung", "große Sympathie
Robert Michael/ DPA

Hans-Georg Maaßen in Radebeul: Kaum kritische Fragen, dafür "Hochachtung", "große Sympathie

Der CDU-Politiker Rößler gewinnt hier im Wahlkreis "Meißen 4" seit 1990 direkt und nahm das Angebot der sogenannten WerteUnion gern an, Maaßen als Wahlkämpfer für sich einzusetzen. Die WerteUnion ist ein CDU-interner Miniklub, bestehend aus ein paar Tausend Mitgliedern, der sich gegen den Kurs der Kanzlerin stellt. Maaßen avancierte zu einer Art Gallionsfigur für die konservative Gruppe. Auch Rößler gilt nicht als größter Merkel-Anhänger, erklärte sie sogar zur unerwünschten Person im Landtagswahlkampf.

Maaßen hingegen heißt er willkommen, weitere Termine sollen bis zum Wahltermin am 1. September folgen. Der CDU drohen heftige Verluste, während die AfD darauf setzt, die CDU zu überholen und stärkste Kraft zu werden. Teile der Sachsen-CDU erhoffen sich, mit Stimmen wie Maaßen Wähler zurückzugewinnen.

Wie weit ist die WerteUnion vom AfD-Kurs entfernt?

Gut 200 überwiegend ältere Herren versammelten sich nun im "goldenen Anker" und hörten sich die bekannten Maaßen-Forderungen an: konsequente Abschiebung, "sichere" Grenzen, weniger Asylbewerber. "Die Sicherheitslage hat sich verschärft", findet Maaßen und erhält dafür viel Beifall. Was sei in diesem Land nur los, wenn er als Beamter schon eine Staatskrise auslösen konnte. Er spricht sachlich, immer wieder schweift Maaßens Blick unruhig durch den Raum.

Nach einem Kurzreferat, in dem der Ex-Behördenchef erklärte, warum es mehr Befugnisse für Sicherheitsbehörden geben solle, durften die Zuhörer Fragen stellen, nutzten oft aber die Gelegenheit zur Fan-Erklärung. Die Rede ist von "Hochachtung", "große Sympathie", einer bedankt sich für die klaren Worte, der nächste fragt Maaßen, ob er nicht Merkel als Kanzler endlich ablösen könne. (Eine Analyse zu Maaßens politischen Ambitionen lesen Sie hier)

Mehrfach geben sich AfD-Politiker und -Wähler zu erkennen und erklären, wie toll sie Maaßen finden. Ein Herr meldete sich und sagt, er habe immer CDU gewählt, bei der Europawahl sei er auf die AfD umgeschwenkt. Aber die WerteUnion? "Das sind doch fast die gleichen Forderungen", sagt er, großen Widerspruch erhält er nicht. Maaßen zitiert dann noch AfD-Chef Alexander Gauland, nachdem die AfD ein "gäriger Haufen" sei, mit vielen Extremisten - deshalb sei im Moment keine Koalition mit der CDU denkbar, aber es gebe eben auch viele vernünftige Leute.

Kritische Stimmen werden niedergebrüllt

Für Maaßen ist der Auftritt in Sachsen auch eine symbolische Rückkehr. Die Auseinandersetzung darüber, was im September im sächsischen Chemnitz genau passierte, kostete ihn letztlich sein Amt als Präsident des Verfassungsschutzes. Nach den Ausschreitungen beharrte Maaßen darauf, dass keine "Hetzjagden" stattgefunden hätten.

Immerhin: Auch eine jüngere Frau besuchte die Veranstaltung, die Maaßen nichts abgewinnen kann. "Von Ihnen wird doch die Spaltung der Gesellschaft vorangetrieben", wirft sie ihm vor. Sie sagt, dass Menschen wegen ihrer Hautfarbe im Ort angegriffen wurden und sie schon Hitlergrüße in der Innenstadt gesehen habe. Die Zuhörer brüllen, man solle der Frau doch das Mikrofon abstellen. Ist das hier CDU? "Eine AfD-Veranstaltung, so kommt mir das hier vor", sagt die Frau.

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