Hartmannbund "Wir Ärzte sind von Natur aus erfolgsorientiert"

Für Wirbel hat ein Vorstoß des Chefs des Verbandes der Angestellten-Krankenkassen (VdAK), Herbert Rebscher, gesorgt, die Bezahlung von Ärzten auch vom Behandlungserfolg abhängig zu machen. Hans-Jürgen Thomas, Vorsitzender des Hartmannbundes, sagt im SPIEGEL-ONLINE-Interview, der VdAK wolle damit von den massiven Problemen der Ersatzkassen ablenken.


SPIEGEL ONLINE:

Was halten Sie denn von einer erfolgsgebundenen Honorierung ärztlicher Leistungen?

Thomas: Ich halte davon gar nichts, weil Erfolg bei Ärzten nicht messbar ist. Nehmen wir Hepatitis C: eine ansteckende Erkrankung im Bereich der Virusinfektionen. Es gibt eine Behandlungsmethode, die weltweit gleich ist. Zwei Medikamente werden gegeben und entweder schlägt die Therapie an oder nicht - mehr gibt es nicht. Bei dem einen kommt der Erfolg nach drei Monaten, bei dem anderen nach sechs Monaten, bei wieder anderen gibt es überhaupt keine Antwort von den Viren. Zweites Beispiel Knochenbrüche: Normale Heilungszeit sechs Wochen. Wenn der Patient etwa zwischendurch nur einmal den Fuß belastet, dann dauert die Heilung viel länger. Der Vorstoß von Herrn Rebscher war somit ein Schuss in den Ofen. Jeder Arzt ist seinem Patienten gegenüber immer verpflichtet, Heilung, Linderung oder Besserung so schnell wie möglich und so effektiv wie möglich zu erreichen. Insofern sind wir alle erfolgsorientiert! Und zwar von Natur aus.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rebscher hat ja behauptet, Ärzte seien darauf aus, die Patienten möglichst lange in Behandlung zu haben.

Thomas: Das ist völliger Unsinn. Als Kassenboss sollte er eigentlich wissen, dass es seit vielen Jahren ein Budget gibt. Wir klagen ja nicht umsonst regelmäßig darüber, wie schwierig es ist, unter diesem Budget überhaupt versorgungskonform behandeln zu können. Das Budget bedeutet, ich bekomme pro Patient soundsoviele Punkte, die sich dann in D-Mark umrechnen lassen. Es ist völlig egal, wie viel ich dafür tue. Wenn ich weniger tue, bin ich im Übrigen besser dran, als wenn ich viel dafür tue. Somit ist das völlig falsch, was er da behauptet.

SPIEGEL ONLINE: Könnten Sie sich denn ein anderes Modell vorstellen, mit dem gute und weniger gute Ärzte unterschiedlich honoriert werden.

Thomas: Das passiert doch heute schon. Die Abstimmung über die Qualität der Ärzte läuft über die Füße der Patienten. Bei denen spricht sich das herum. Und damit ist schon eine unterschiedliche Honorierung gegeben.

SPIEGEL ONLINE: Was bezweckt Herr Rebscher Ihrer Meinung nach mit seinem Vorstoß?

Thomas: Ich habe den Eindruck, dass Herr Rebscher ein Oster- oder Ferienloch füllen will, um von anderen Problemen, die ja die Ersatzkassen massiv haben, abzulenken. Denen laufen schließlich die Patienten weg. Ich würde denen auch weglaufen, bei solchen Thesen. Diejenigen, die chronisch krank sind, müssen ja glauben, dass sie demnächst kein Arzt mehr behandelt, weil die Krankenkassen ja nicht entsprechend honorieren wollen. Das ist eine massive Verunsicherung der Patienten. Das, was wir im Gesundheitswesen jetzt brauchen, ist mehr Transparenz. Was für die Privatversicherten gilt, muss auch für die Kassenpatienten gelten. Aber die müssen dann auch wissen, dass sie an den Kosten beteiligt sind, und auch mehr Eigenverantwortung übernehmen.

Das Gespräch führte Lisa Erdmann



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