Anzeige

Weinstein-Skandal

Trau keinem Feministen!

#howIwillchange heißt ein Hashtag von Männern, die Frauen unterstützen wollen. Dabei lehrt der Fall Weinstein, dass bei Männern, die sich besonders für die Gleichberechtigung einsetzen, Vorsicht geboten ist.

Eine Kolumne von

AFP

Filmproduzent Weinstein

Donnerstag, 19.10.2017   16:05 Uhr

Anzeige

Der Regisseur Oliver Stone war mir immer suspekt. Ich habe nie etwas mit seinem Hang zu Verschwörungstheorien anfangen können. Seinen Interview-Film mit Wladimir Putin hielt ich für ein Desaster. Dann las ich vor ein paar Tagen ein Zitat, das mich aufhorchen ließ.

"Ich glaube daran, dass man erst wartet, bis der Fall vor Gericht geht", sagte Stone, auf den Fall Harvey Weinstein angesprochen. "Ich habe Horrorgeschichten über jeden in diesem Business gehört. Ich werde das also nicht kommentieren. Ich werde abwarten. Das ist das Richtige."

Anzeige

Es gibt nicht viele Leute in Hollywood, die mit einem Kommentar zu Weinstein warten können oder wollen. Jeden Tag melden sich neue Regisseure, Autoren, Schauspieler, Politiker zu Wort, um ihre Abscheu über den berühmten Filmproduzenten zu bekunden. Inzwischen ist es schon eine Nachricht, wenn jemand einer Stellungnahme ausweicht. Wenn einer wie Stone öffentlich auf die Zuständigkeit der Justiz verweist, ist das fast eine Sensation.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber in mir erzeugt der absolute Gleichklang der Öffentlichkeit immer eine gewisse Übelkeit. Ich mag es nicht, wenn sich alle zu einig sind. Das gilt zumal, wenn es sich wie bei Weinstein oft um Leute handelt, die dem nun Verachteten vorher noch Kränze gewunden haben.

Anzeige

Der Opportunismus der Verdammung ist nicht besser als der Opportunismus der Adoration. Dieselben Menschen, denen es eben nicht schnell genug gehen konnte, sich vor dem mächtigen Mann zu verbeugen, sind jetzt die eifrigsten, wenn es darum geht, ihn zu verdammen. Tatsächlich ist in der eiligen Distanzierung von dem Monster derselbe Mechanismus zu beobachten, der vorher allen den Mund verschlossen hat.

Viel ist jetzt von der stillen Mitwisserschaft die Rede, dem System der Duldung, das die Übergriffe auf Frauen erst ermöglichte. Dem SPIEGEL habe ich entnommen, dass sogar in einer Oscar-Ansprache auf Weinsteins Vorliebe für junge Frauen Anspielungen gemacht wurden. Vermutlich waren nicht alle Details bekannt. Dass jemand mit seiner Statur sich gerne beim Duschen zusehen lässt, gehört zu der Art von Sexualverhalten, das man lieber nicht ausgebreitet sehen möchte. Aber dass Weinstein zudringlich wurde, wenn die Türen geschlossen waren, das wussten offenbar viele.

Der Opportunismus sortiert sich nicht entlang der Geschlechtergrenze, auch das ist eine der unangenehmen Wahrheiten, die der Fall Weinstein mit sich bringt. Es wäre schön, wenn es anders wäre, aber Feigheit ist geschlechtslos. Wenn man es ernst meint mit der Frage nach der Verantwortung des gesellschaftlichen Umfeldes, dann muss man auch über die Rolle der Frauen reden, die Bescheid wussten, aber lieber stumm blieben.

Ich rede nicht von den Starlets, die dachten, sie seien zu einem Vorstellungsgespräch geladen und sich plötzlich allein mit Weinstein in einer Suite wiederfanden. Da gilt, was Verena Lueken in der "FAZ" geschrieben hat: Vorwürfe an die Opfer sind immer die billigste Art, sich aus der Verantwortung zu stehlen. Ich rede von Frauen wie Angelina Jolie, die nach eigenem Bekunden seit Jahren wussten, was los war. Ein Satz von ihr hätte genügt, um Weinstein auffliegen zu lassen. Sollen wir wirklich glauben, dass sie fürchtete, all ihre Millionen und ihr Status als Super-Celebrity wären nicht Schutz genug?

Man soll niemandem seinen Opportunismus vorhalten. Die wenigsten Menschen taugen zum Helden. Aber ich finde, man könnte wenigstens erwarten, dass die Leute, die über Jahre weggesehen haben, weiter die Klappe halten, anstatt sich mit Anschuldigungen nach vorne zu drängeln, um sich ihre Platzkarte beim Spektakel der Verurteilung zu sichern.

Wenn nicht alles täuscht, treten wir nach der gesellschaftlichen Ächtung des Täters und der Entlastung durch Empörung gerade in die dritte Phase der Bewältigung ein: der Verallgemeinerung des Falls zum Grundsatzproblem. Der Fall Weinstein steht nun für ein Klima der Belästigung und Einschüchterung, in dem Frauen generell Freiwild sind.

Die unfreiwillige Pointe dieser Form der Bewältigung ist eine eigenartige Schuldentlastung, das scheint den meisten zu entgehen. Wenn alle Männer Schweine sind, kann sich das einzelne Schwein darauf hinausreden, dass schließlich alle so handeln würden. Sicher, es war nicht anständig, was ich getan habe: Aber hey, so geht es nun mal zu in der Männerwelt!

Geht es nicht, würde ich sagen. Wie Weinstein sich benommen hat, ist nicht normal. Aber da bin ich vielleicht befangen.

Es gibt auch einen Opportunismus des politischen Wohlverhaltens, das gehört ebenfalls zur Wahrheit dieser Geschichte. Die Enthüllungen aus Hollywood lösen auch deshalb eine solche Schockwelle aus, weil hier jemand der Gewalt gegen Frauen beschuldigt wird, der zum linken Establishment gehörte.

Bei einem wie Trump wäre man nicht erstaunt, aber bei einem Großunterstützer der linksliberalen Sache? Kaum jemand in Hollywood war den Demokraten so verbunden wie der Gründer von Miramax. Wenn es um die Förderung der Gleichberechtigung ging oder den Schutz von Minderheiten, war auf seine Spende immer Verlass.

Überall finden sich jetzt Männer, die ihre Bestürzung zum Ausdruck bringen und einen noch entschiedeneren Einsatz für die Frauen geloben. Es gibt sogar schon einen eigenen Hashtag, unter dem Männer beschreiben, wie sie sich bessern wollen (#HowIwillchange). Vorsicht bei Kerlen, die sich besonders verständnisvoll geben, würde ich nach der Erfahrung der letzten Tage sagen. Wenn es eine Lehre aus dem Weinstein-Skandal gibt dann, dass man niemandem trauen sollte, weil er sich als Feminist geriert. Manchmal ist der Feminismus für Männer nur ein Cover.

Weitere Artikel

Forum

Forumskommentare zu diesem Artikel lesen
Anzeige
© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung