Milena Hassenkamp

Weinstein-Urteil Im Zweifel noch immer gegen die Frau

Milena Hassenkamp
Ein Kommentar von Milena Hassenkamp
Das Urteil über den früheren Filmproduzenten Harvey Weinstein ist auch eines über die #MeToo-Bewegung. Es ist gut, dass er verurteilt wurde. Schlecht bleibt, dass Frauen noch immer nicht geglaubt wird.
Harvey Weinstein ist verurteilt - aber nicht in allen Anklagepunkten

Harvey Weinstein ist verurteilt - aber nicht in allen Anklagepunkten

Foto: SPENCER PLATT/ AFP

Harvey Weinstein ist verurteilt. Das ist ein historischer Moment im Umgang mit Sexualstraftätern im amerikanischen Justizsystem, befindet Manhattans Staatsanwalt Cyrus Vance. Auf Twitter jubeln die Frauen, die Vorwürfe gegen den Filmproduzenten erhoben hatten. "Harvey Weinstein ist jetzt ein verurteilter Vergewaltiger", schreiben sie. "Danke an die mutigen Frauen, die ausgesagt haben."

Das Urteil über Weinstein ist auch ein Urteil über die Kraft von MeToo, jener Bewegung, die mit dem Fall Weinstein begonnen hatte und in der weltweit Frauen ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen anprangern. Es hätte stärker ausfallen können. Weinstein war in fünf Punkten angeklagt, schuldig gesprochen wurde er nur in zweien: der Vergewaltigung und der sexuellen Nötigung. Freigesprochen wurde er hingegen unter anderem vom schwersten Vorwurf, dem des "raubtierhaften sexuellen Angriffs".

Das ist zu wenig für einen Mann, gegen den 80 Frauen Vorwürfe erhoben haben. Nur sechs von ihnen haben im Prozess ausgesagt. Nur zwei der Fälle waren strafrechtlich relevant. Am Ende sah es die Jury als erwiesen an, dass Weinstein Mimi Haley zum Oralsex gezwungen und Jessica Mann vergewaltigt hat.

Weinstein wird ins Gefängnis gehen. Wie lange genau, das wird Richter James Burke erst am 11. März verkünden. Es dürften zwischen fünf und 25 Jahren sein. Für "raubtierhaften sexuellen Übergriff" hätte Weinstein lebenslänglich bekommen können.

Ein Erfolg, keine Genugtuung

Die Verurteilung ist schon allein deshalb ein Erfolg, weil es überhaupt zu ihr gekommen ist. Die Jury-Mitglieder waren sich in einigen Punkten ihrer Entscheidung lange nicht einig. Wären sie zu keinem gemeinsamen Urteil gekommen, hätte der Prozess platzen können und neu aufgerollt werden müssen.

Doch wenn das Urteil über Weinstein auch ein Urteil über MeToo ist, dann ist es dennoch kein Grund für Genugtuung. Denn dieser Prozess hat die Strukturen einer Gesellschaft offengelegt, in der Frauen immer noch nicht geglaubt wird, wenn sie von Übergriffen berichten. So gab die Verteidigung den Frauen eine Mitschuld, weil sie auch nach den Übergriffen mit dem Filmproduzenten im Kontakt standen. Weinsteins Anwältin ging sogar so weit, ihn zum Opfer zu stilisieren : Die Frauen hätten ihn wegen seiner Macht und seines Geldes ausgenutzt. Diese Unterstellung ist Ausdruck einer Kultur, in der Frauen in der Bringschuld sind, wenn sie ihre Stimme erheben - und deren Aussagen  offenbar immer noch weniger gelten als die eines Mannes.

Es waren wohl auch die Zweifel an der Aussage der Zeugin Annabella Sciorra, welche dazu führten, dass Weinstein nicht auch im schwerwiegendsten aller Anklagepunkte schuldig gesprochen wurde. Für eine Verurteilung wegen eines "raubtierhaften sexuellen Übergriff" muss bewiesen sein, dass der Angeklagte mindestens zwei Frauen angegriffen hat. Sciorras Bericht über eine Vergewaltigung, die vor 30 Jahren geschah, wurde von der Anklage angegriffen. Erinnerungen, die so lange zurück lägen, könnten schließlich getrübt sein. Am Ende entschied die Jury hier zu Weinsteins Gunsten.

Der Fall Weinstein belegt in mehrfacher Hinsicht, dass das amerikanische Justizsystem Frauen nicht ausreichend vor männlicher Gewalt schützt. Zunächst taten sich die Staatsanwälte in New York schwer damit, eine Anklage aufzubauen, da manche der Taten verjährt waren, Frauen nicht aussagen wollten, oder Fälle außerhalb des Bundesstaates stattgefunden hatten. Dann war es schwer, mehrere Frauen zu finden, deren Geschichten ausreichend glaubwürdig waren – und am Ende scheiterte das entscheidende Urteil genau daran.

Der schwierige Nachweis

Der Zweifel am Wort der Frau ist nicht auf die USA beschränkt. In Deutschland ist das Sexualstrafrecht zwar bereits ein Jahr vor dem Weinstein-Skandal verschärft worden. Seitdem ist jede sexuelle Handlung gegen den erkennbaren Willen des Opfers strafbar – auch wenn sich das Opfer nicht physisch wehrt. In der Folge gibt es eine zunehmende Zahl von Anzeigen, doch eine gleichbleibende Zahl von Verfahren, die mangels Tatverdacht eingestellt werden. Der neue Tatbestand ändert nichts daran, dass es schwer bleibt, nachzuweisen, was genau in der Situation des angezeigten Übergriffs passiert ist. Es steht regelmäßig Aussage gegen Aussage. Und noch immer wird den Frauen seltener geglaubt.

MeToo löste eine breite Diskussion über sexualisierte Gewalt und Sexismus aus, die vielen erst bewusst machte, was sie jahrelang ertragen haben, und ermutigte viele dazu, auszusprechen, worüber sie lange Zeit geschwiegen hatten. Das ist gut. Doch wenn die Stimmen von Frauen nicht  mehr Gehör erhalten, wenn sie sich welches verschaffen wollen, kann sich dieser Fortschritt auch wieder umkehren. Denn dann können sich Männer im Umkehrschluss zu dem Opfer machen, als das sich auch Weinstein stilisieren wollte: Das Opfer von lügenden Frauen.

Dass sich nicht viel geändert hat, zeigte sich erst kürzlich nach dem Tod der Basketball-Legende Kobe Bryant . Als die TV-Moderatorin Gayle King erwähnte, dass Bryant eine 19-Jährige vergewaltigt haben soll, wurden seine Anhänger wütend. Der Rapper Snoop Dogg schrieb: "Back off, bitch, before we come get you." Auch wenn er sich danach für seinen Ausfall entschuldigt hat - die alten Machtmechanismen sind noch da. Immerhin: Harvey Weinstein wird nicht mehr von ihnen profitieren.

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