Stefan Kuzmany

Vermögensteuer Unfair für den Milliardär

Alle Jahre wieder warnt SAP-Gründer Hasso Plattner vor der Vermögensteuer. Jetzt will er sogar das Land verlassen, wenn sie kommt. Absolut verständlich: Er müsste eine Menge zahlen.
Hasso Plattner

Hasso Plattner

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Uwe Anspach/ DPA

An Weihnachten, das ist nun einmal Tradition, da hockt die Familie beisammen. Die Kinder rufen zwar nie an, aber zu Heiligabend kommen sie dann doch, denn später wollen sie die alten Freunde treffen. Das Familienessen vorher muss halt sein, auch wenn der Onkel wieder mal das große Wort schwingt, da müssen alle durch, er ist ja schließlich reich, der alte Onkel, und ab und zu lässt er was springen. Also bloß nicht widersprechen. Wenn er gegangen ist, können die anderen ja immer noch machen, was sie wollen.

Wäre Deutschland eine Familie, ihr reicher Onkel hieße Hasso Plattner.

Der Verwandtschaft ist es schwer zu vermitteln, womit genau Onkel Hasso sein Geld verdient, kaum jemand versteht sich wie er auf die Architektur relationaler Datenbankmanagementsysteme. Was man aber weiß: Er ist damit sagenhaft erfolgreich und reich geworden, die von ihm mitgegründete Firma SAP ist das wertvollste Unternehmen des Landes. Rechtzeitig zum Weihnachtsfest hat Plattner einmal wieder seine donnernde Stimme erhoben, denn die Deutschen drohen unvernünftig zu werden.

Gerade im Teletext gelesen

Eigentlich wollten ihn zwei Redakteure der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" nur zum Stand der Digitalisierung in Deutschland befragen, aber Plattner fegt das Thema weg. Ihm liegt anderes auf der Seele: "Gerade habe ich im Teletext gelesen: 72 Prozent der Deutschen befürworten die Vermögensteuer. Bei einer zweiprozentigen Vermögensteuer muss ich Deutschland verlassen."

Rollen Sie jetzt bitte nicht mit den Augen, den Teletext gibt es tatsächlich noch, und man rollt nicht die Augen, wenn Hasso Plattner spricht. Niemand kann wollen, dass er Deutschland verlässt. Er saniert in Potsdam Fassaden und Kupferdächer, er stiftet Institute und Museen, er sammelt Kunst und segelt gern, er ist Macher und Mäzen. Davon brauchen wir doch mehr, nicht weniger.

Und was soll denn auch schon wieder diese alte Idee einer Vermögensteuer? Erinnern wir uns: Zwar ist sie in der Verfassung ausdrücklich vorgesehen und das 1952 vom Bundestag beschlossene Vermögensteuergesetz gibt es noch. 1995 wurde die Steuer allerdings vom Verfassungsgericht als nicht vereinbar mit dem Grundgesetz erklärt, unter anderem, weil sie in der damaligen Form Immobilienvermögen anders bewertete als andere Vermögensformen. Statt jedoch das Naheliegende zu tun und die Bewertung der Immobilien zu ändern, setzte die Regierung Kohl die Steuer aus. Und keine Regierung danach reparierte das Gesetz. Es steht seither ungenutzt in der Garage.

Onkel Hassos Lieblingsthema

Immer wieder gab es seither Anläufe, die Vermögensteuer wieder flottzumachen, geschehen ist es nie, obwohl die Vermögensverteilung in Deutschland immer weiter auseinanderdriftet. Die Hilfsorganisation Oxfam etwa berechnete im Januar 2019, dass das Vermögen der reichsten Deutschen binnen Jahresfrist um 20 Prozent zugelegt habe, die Armutsquote dabei aber auf den höchsten Stand seit 1995 gestiegen sei. Die deutschen Superreichen besitzen bis zu ein Drittel des gesamten Vermögens im Land.

Jüngst hat die SPD einen neuen Vorstoß zur Wiedereinführung der Vermögensteuer beschlossen: Wer zwei Millionen Euro besitzt, soll nach ihren Plänen ein Prozent abgeben, bis 20 Millionen soll der Satz linear auf 1,5 Prozent steigen, ab 100 Millionen auf 1,75 Prozent, und erst ab einer Milliarde sollen es zwei Prozent sein.

Da kann der Multimilliardär Hasso Plattner nicht schweigen - wie praktisch immer, wenn jemand öffentlich das Wort "Vermögensteuer" in den Mund nimmt. "Das ist mein Lieblingsthema", sagte er schon 2013. Wie das immer gleiche Weihnachtsessen bemüht er alle Jahre wieder dasselbe Argument: Aktionäre müssten Aktien verkaufen, um die Steuer bezahlen zu können - und das sei vor allem schlimm für Gründer, die so die Kontrolle über ihr eigenes Unternehmen verlieren würden.

"Was hätte das für SAP nach dem Börsengang 1988 bedeutet?", wollte die "Bild"-Zeitung Anfang 2018 wissen. Plattner: "Dann wäre SAP nie so gewachsen." Allerdings gab es die Vermögensteuer da bekanntermaßen ja noch.

1988 machte SAP einen Umsatz von 91,6 Millionen Euro. Als die Vermögensteuer im Jahr 1996 zum letzten Mal erhoben wurde, lag er bei 1,9 Milliarden. Man könnte meinen, das sei ein ganz ordentliches Wachstum gewesen - trotz der bösen Steuer. In den Jahren ohne Vermögensteuer danach erreichte SAP nie wieder solche Steigerungsraten beim Umsatz.

2012 rechnete Plattner im SPIEGEL vor, wie viel ihn eine Ein-Prozent-Steuer kosten würde: "Momentan wird SAP an der Börse mit rund 28 Milliarden Euro bewertet. Da mein Aktienanteil von etwa zwölf Prozent demnach 3,4 Milliarden wert wäre, würde ich mit jährlich 34 Millionen Euro Vermögensteuer veranschlagt." Im aktuellen "FAS"-Interview hat er keine Lust mehr, die entsprechende Frage zu beantworten: "Den genauen Betrag muss ich Ihnen nicht nennen."

Der SAP-Börsenkurs hat sich seit 2012 etwa verdoppelt. Was das für die mögliche Vermögensteuerlast Plattners bedeuten könnte, mag man sich gar nicht vorstellen. Hoffentlich spendiert ihm wenigstens jemand eine Weihnachtsgans.