Hassvideos von Türken und Kurden "Die Straße gehört uns"

Je brutaler, desto besser: Mit Hunderten Hassvideos beleidigen sich nationalistische Türken und Kurden aus deutschen Migrantenvierteln gegenseitig. Man sieht Symbole der PKK und der Grauen Wölfe - mit den Vereinen selbst haben die Jugendlichen allerdings nicht viel zu tun.

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Berlin - Einfache Beats, drei Akkorde, eine Mädchenstimme fängt an dilettantisch zu rappen. "Kurde verreck', weißt du was, du Hurensohn, du hast es nicht gecheckt: Türken sind am Start, also geh weg!"

Das sind noch die harmlosen Beleidigungen in einem YouTube-Video, das in neun Monaten mehr als 79.000 Mal abgerufen wurde. Fäkalausdrücke und brutale Drohungen werden hier in schlechtem Deutsch aneinander gereiht.

Eine der jüngsten Antworten von kurdischer Seite sieht so aus: "Wir sind Killerkurden, kämpfen für die Freiheit unseres Landes Kurdistan gegen euch Missgeburten!", rappt ein Junge in einem Video mit schlechter Tonqualität. Im Hintergrund sieht man Kemal Atatürk, den Vater der Türken, mit einem Hundekörper, der gerade auf die Türkeifahne pinkelt. Die Rapperstimme schimpft weiter: "Das ist kein Scheiß, ich mein's ernst, wenn ich Krieg sag. Ich ficke jeden Bozkurt!" Aufrufe des Videos: 1100 in einer Woche. Im Internet kursieren Hunderte Videos, in denen Türken und Kurden sich gegenseitig provozieren und beleidigen. Je brutaler und aggressiver, desto besser, so scheint es. Die Hassvideos sind Ausdruck einer neuen Subkultur, die es in Deutschland so bisher nicht gab: Türkische und kurdische Jugendliche nutzen die neuen Videoplattformen, um ihre Gegner anonym anzugreifen.

Übersteigertes Selbstwertgefühl als Türke

Türkische Produzenten nennen sich "Bozkurt-Mafia" - ein loser Bund von Jugendlichen aus verschiedenen Städten in Deutschland. Die nationalistischen Internet-Rapper vereint ein übersteigertes Selbstwertgefühl als Türke. "Unterschätz uns nicht, wir gehören hier zu den Besten, wenn es losbricht, wird die Straße hier zum Wilden Westen", textet etwa ein selbsternannter Berliner "Bozkurt-Mafiosi" und zeigt eine Waffe.

"Bozkurt" heißt auf Türkisch "Grauer Wolf" und ist die Bezeichnung für Mitglieder der rechtsextremen Nationalistischen Bewegungspartei (MHP) in der Türkei. Das Symbol der türkischen Rechten entstammt einem Mythos, nach dem ein grauer Wolf vor mehr als tausend Jahren türkische Stämme in die Freiheit geführt haben soll.

Trotz des immer wiederkehrenden Wolf-Symbols in den Videoclips haben die Jugendlichen mit der Organisation der Grauen Wölfe nicht direkt zu tun. Laut Berliner Verfassungsschutz gibt es in der Hauptstadt lediglich 300 Mitglieder in deren Vereinen. Sie stehen im Verdacht, zu Gewalt aufzustacheln, seit vor einigen Wochen bei einer Demonstration türkische Jugendliche auf Kurden losgingen.

"Für die Kids auf der Straße sind wir nicht verantwortlich"

Mehmet Cetin, 22, ist Mitglied und Pressesprecher eines Graue-Wölfe-Vereins. "Für die Jugendlichen auf der Straße sind wir nicht zuständig", sagt der Student. Mit denen hätten sie nichts zu tun: "Die wissen doch gar nicht, was der Graue Wolf bedeutet. Die fühlen sich einfach cool, wenn sie so machen" - er macht das Handzeichen der Grauen Wölfe: der Zeigefinger und der kleine Finger bleiben ausgestreckt, die anderen berühren sich.

Cetin sagt, sein Verein beschäftige sich lediglich damit, dass "die türkische Religion und Kultur in Deutschland nicht in Vergessenheit geraten". Das ist mehr als umstritten. "Die Organisationen der Grauen Wölfe sind verantwortlich für die rechte Jugendkultur", sagt Claudia Dantschke. Sie arbeitet im "Zentrum Demokratische Kultur" und beschäftigt sich seit Jahren mit der rechtsextremen türkischen Szene.

Die Vereine haben laut Dantschke zwar keine Kontrolle über die Szene der türkischen nationalen Jugend. Aber mit ihren Symbolen und rassistischen Feindbildern hätten die organisierten Nationalisten diese Subkultur erst geschaffen.

"Wer nicht demonstriert, ist ein Türke"

Auch die kurdisch-nationalistische Jugendszene nutzt fragwürdige Bilder in ihren Internet-Videos: die der als Terrororganisation verbotenen PKK und ihrer Nachfolgeorganisation Kongra Gel. "Auch diese Jugendlichen haben nur zum Teil Verbindungen zur offiziellen PKK-Jugendorganisation", sagt Claudia Dantschke - und zwar "lockere Verbindungen". Bei Demonstrationen in Deutschland seien sie jedoch mobilisierbar für die PKK. "Wer nicht kommt, ist ein Türke", lautet zum Beispiel ein Aufruf zur Demonstration. Dantschke: "Die nationalistische Selbstdefinition als Kurde erfolgt in dieser Jugendszene in direkter Abgrenzung zu türkischen-nationalistischen Jugendlichen."

Der Extremismus-Expertin zufolge ziehen die Jugendlichen aus den jeweiligen Ideologien die Symbole von Macht und Überlegenheit - auch um ihr Verlierer-Dasein zu überwinden. Wohl deshalb geht es in den Internetforen so hart her: "Meine Kugel trifft deinen Kopf", rappen türkische Jungs - und kurdische antworten: "Die Straße gehört uns."

"Es handelt sich meist um perspektivlose Jugendliche, die sich hier nicht angenommen fühlen, die sich in ihre ethnische Identität zurückziehen und daraus ihr Selbstwertgefühl schöpfen", sagt Dantschke. Das Problem sei "von hier" und "nicht etwa aus der Türkei importiert".



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