"Hausbesetzung" Karneval in Berlin

Dutzende Alt-68er besetzen ein Hotel in Berlin Mitte - auf ausdrückliche Einladung der Geschäftsleitung. Über einen gelungenen PR-Gag und ein einsames Original.

Von Tobias Moorstedt


Berlin - Der Mann ist fast zu gut um wirklich echt zu sein. Ganze Büschel grau-schwarzer Haare stehen in alle Richtungen vom seinem Kopf ab. Wild, ungezähmt. Im Gesicht ein ebensolches Durcheinander. Die Lippen verschwinden fast hinter dem Vollbart. Die Nickelbrille sitzt auf einer dünnen scharfen Nase. Ein Mitglied der 68er Generation. Leicht ergraut und trotzdem aus dem Bilderbuch. So sticht er aus der Gruppe von 50 - ja - ganz normalen Menschen heraus, die nur eines eint: ihre politische Vergangenheit. Auf Kosten der "DERAG"-Hotelgruppe verbringen die Ex-Rebellen ein Wochenende in Berlin, komplett mit passendem Rahmenprogramm. Das Motto der Veranstaltung hängt aus dem dritten Stock des Hotels "Henriette" in Berlin Mitte: "Dieses Hotel wurde von den 68ern besetzt", steht auf dem weißen Bettlaken.

Die 68er sind ein Reizwort in den letzten Wochen. Und deshalb sind auch eine Menge Reporter gekommen. Weil sie eine Geschichte erzählen wollten. Die Geschichte von den ergrauten Revoluzzern. Von einem Verkauf der Ideale sollte darin die Rede sein. Von einer Splittergruppe der Toskana-Fraktion mitten in Berlin. Von einem großkapitalistischen Hotelkonzern, der mit einem Politikum ein gutes Geschäft zu machen versucht.

"Endlich ein richtiger 68er!"

Ein Klassentreffen der zufriedenen Rebellen ist es stattdessen geworden. Eine Gruppe von Menschen um die 55, die sich alte Geschichten erzählen und sich gut dabei fühlen einen Café Latte auf Kosten des Hotels zu trinken. Das ist nicht besonders aufregend.

Und schon deshalb ist der Mann mit dem grauen Wuschelkopf ein Glücksfall. Er ist anders. Unruhig raucht er Zigaretten der Marke Reval - filterlos, versteht sich. Stürmt dann auf einen Neuankömmling zu und fragt: "Entschuldigung, welcher Jahrgang sind sie?" "1937" antwortet der Erstaunte. "Wunderbar", sagt der Wuschlige, "endlich ein richtiger 68er." Und hat sich schon wieder weggedreht.

Seine Geschichte erzählt der Rebell unter lauter Bürgern nicht. Das ist aber nicht weiter schlimm. Er ist trotzdem interessant. Weil er filterlose Zigaretten raucht. Im Jahr 2001 reicht das vollkommen aus.

Es ist eine Geschichte die nur durch alte Fotos eines Politikers und die Kampagnenfähigkeit der Springer-Presse wieder Relevanz erhalten hat. Ohne Fischer, Trittin und die Bild-Zeitung hätte die "Hotelbesetzung" nie stattgefunden. Die Medien wären nicht gekommen, weil die 68er bis vor kurzem als abgeschlossenes Kapitel der deutschen Nachkriegsgeschichte galten. Und das Hotel hätte die 68er nicht eingeladen, weil ergraute Menschen eigentlich keine guten Werbeträger sind, in Zeiten, in denen nur perfekte Körperformen und ein schönes Gesicht als verkaufsfördernd gelten.

Noch einmal jung sein

Der Geschäftsführer der DERAG-Gruppe heißt Max-Michael Schlereth und redet nicht gerne über die PR-Wirkung der "Hotelbesetzung". Er sagt nicht, dass die Firma normalerweise für die paar zehntausend Mark, die die ganze Aktion kostet, nie im Leben in allen größeren Medien der Republik auftauchen würde. Er erzählt lieber dass die Einladung an die Rebellen ein "augenzwinkernder Beitrag zur überpolarisierten 68er-Diskussion" sein soll. Dass er seine Gäste bitten müsse, "auf den Zimmern nicht zu kiffen" und das Ganze ein ganz großer Spaß sei. Manche Gäste seien sogar in ihren "Original-Studentenklamotten" gekommen, sagt er. Willkommen zum großen Polit-Karneval an der Spree.

Und weil der Geschäftsführer zwar kein Haschisch mag aber doch Spaß erlaubt, hat er ein tolles Programm zusammengestellt. An zwei Abenden dürfen sich die Leute mit "Musik der 68er" noch mal richtig jung fühlen, am Samstag Morgen gab es eine Stadtrundfahrt zu den Stätten der Studentenrevolution, Frühstück im Rudi-Dutschke-Raum des Museums "Story of Berlin" inklusive. Das Motto: Linksalternative Butterfahrt statt Barrikadenbau und Steinewerfen. Selbst das Dinner am Abend stand laut Programmzettel unter dem Thema "68". Darf es ein Lenin-Lammbraten sein? Vielleicht garniert mit Guevara-Gurken und Dutschke-Dill? Na dann Prost, oder besser: ein dreifaches Ho-Ho-Ho-Che-Min. Es gab dann übrigens doch nur Buletten.

Mit Scheiße und Schaum gegen den Staat

Nach dem Marsch durch die Institutionen und den Schneematsch sind die 68er also endlich angekommen, in den warmen Hotelräumen. Später dann beim Kaffeeklatsch. "Wir haben für dieses Land viel Freiheit erkämpft", sagt eine Frau, die nach eigener Aussage in einem der legendären Kinderläden gearbeitet hat, und - das versteht sich ja fast von selbst - in der Kommune "nächtelang über lauter Kleinigkeiten diskutiert" hat.

Beweise für ihre revolutionäre Vergangenheit mussten die Alt-68er allerdings nicht erbringen, um in den Genuss des kostenlosen Berlin-Trips zu gelangen. Obwohl bei der Anmeldung ein "Langhaar-Foto nicht geschadet hat", wie Geschäftsführer Schlereth im Vorfeld der Aktion der taz sagte. Einen Mitgliedsausweis des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes oder ein Foto in Fischer-Manier - mit Motorradhelm und Schlagstock - hat es also nicht gebraucht. Die persönlichen Biographien der Gäste bleiben weitgehend im Dunklen.

Trotzdem hat die "DERAG"-Geschäftsführung für ein bisschen Alternativprominenz gesorgt. Klaus Holl zum Beispiel wurde eingeladen, der Autor des Buches "1968 am Rhein", sowie einige ehemalige SDS-Mitglieder, die keiner so richtig kennt. Die sitzen an einem zum Podium deklarierten Holztisch und leiten die Diskussion - ganz bürgerlich-gesittet. Man geht mit der Zeit.

"Was habt ihr alles angestellt?", fragt Holl. Und die Ex-Rebellen erzählen dann wie sie in Berlin zusammen mit der Stasi einmal die Abwasserleitung des Springer-Hochhauses blockieren wollten. Oder dass sie in Köln mit Feuerlöschern gegen die Polizei vorgegangen seien. Beides hat nicht geklappt. Trotzdem lautes Lachen. "Ja, ja, die Scheiß-Bullen." Mit Scheiße und Schaum gegen die Staatsgewalt. Ein Riesenspaß. Schenkelklopfen. Das Handy des Hotel-Geschäftsführer klingelt. Nur der graue Wuschelkopf lacht kein einziges Mal.

Das ist die ganze Geschichte. Die Hotelbesetzung als weiteres Kapitel in der Rebellen-Biographie der Alt-68ern, die sie später mal ihren Enkel erzählen werden, wenn diese alt genug sind um sich für Politik zu interessieren. Die Geschichte, wie sie einmal, nach über 30 Jahren, für ihren Willen zu Veränderung belohnt wurden. Es wird dann eine alte Geschichte sein. Wie alles ein bisschen angestaubt war an diesem Wochenende. Die Erzählungen, die Musik und - ja - die Menschen. Nur die Buletten waren frisch.



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