Regionalkonferenz in Heidelberg Merkel rührt zu Tränen

Erst wurde sie zum Rücktritt aufgefordert - dann sorgte Angela Merkel für Freudentränen. Auf der CDU-Regionalkonferenz in Heidelberg erlebte die Bundeskanzlerin einen emotionalen Abend.


Rund eine Woche vor dem Bundesparteitag hat Kanzlerin Angela Merkel um die Unterstützung der Basis geworben. Bei einer Regionalkonferenz in Heidelberg traf sie dabei auf sehr kontroverse Reaktionen. Ein kleiner afghanischer Junge konnte offenbar gar nicht fassen, die Bundeskanzlerin live zu sehen - und brach in Tränen aus.

"Ich danke Ihnen, Frau Merkel", sagte der Junge auf Deutsch. "Ich freu mich sehr, sehr viel." Merkel lobte sein Deutsch und ermunterte ihn, weiter zu üben.

Edris war mit Konrad Reuters aus Illingen gekommen, der unter anderem mit Flüchtlingen arbeitet. Der brachte ihn vor zum Podium, denn Edris wollte noch schnell die Hand der Kanzlerin schütteln. Merkel ging lächelnd die Treppe hinunter und reichte dem kleinen Jungen die Hand, der sich vor Aufregung die Tränen abwischte. Merkel drückte ihn - etwas unbeholfen - an sich. Journalisten schossen Fotos.

Der Auftritt rettete die Kanzlerin aus einer ungemütlichen Lage. Denn unter den Parteimitgliedern ging es weniger rührend zu auf der Regionalkonferenz, bei der CDU-Mitglieder aus Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und dem Saarland zusammenkamen: Von vielen Seiten musste Merkel scharfe Kritik an ihrer Flüchtlingspolitik einstecken.

"Frau Bundeskanzlerin, treten Sie zurück!"

Ulrich Sauer aus Karlsruhe forderte sie gar zum Rücktritt auf. "Frau Bundeskanzlerin, treten Sie zurück!", sagte er in ruhigem, aber bestimmtem Ton. Mit ihrer Flüchtlingspolitik habe Merkel dem Land eine Hypothek aufgeladen, die es so schnell nicht wieder los werde - "und wenn, dann sicher nicht mit Ihnen", sagte Sauer laut "Frankfurter Rundschau".

Merkel hatte kürzlich angekündigt, dass sie wieder als CDU-Vorsitzende kandidieren und ihre Partei als Kanzlerkandidatin in die Bundestagswahl im nächsten Jahr führen wolle. Nicht alle stehen hinter ihrer Entscheidung zu einer vierten Amtszeit.

Während sich infolge von Sauers Kommentar unter den CDU-Vertretern Empörung ausbreitete, blieb die Kanzlerin gewohnt stoisch und verteidigte wiederholt ihre Flüchtlingspolitik. "Ja, wir helfen denen, die unsere Hilfe brauchen, weil sie vor Krieg, Verfolgung und Terrorismus fliehen", beharrte Merkel. "Und das haben wir in bewundernswerter Weise gemacht." Sie betonte gleichzeitig, dass Asylbewerber, die nicht dauerhaft in Deutschland bleiben könnten, in ihre Heimatländer zurückkehren müssten.

Merkel sprach von den Bemühungen, ein neues Wachsen der Flüchtlingszahlen zu verhindern. Dazu gehöre die Unterstützung des Irak und die Bemühung, staatliche Strukturen in Libyen zu schaffen.

Merkel will keinen Wahlkampf wie in den USA

Merkel versuchte eine Brücke zwischen den beiden konträren Erlebnissen zu schlagen: "Mit Herrn Sauer und Herr Reuters haben Sie die gesamte Spannbreite gesehen, mit der in unseren Familien und der Gesellschaft diskutiert wird", erklärte sie den Zuhörern. Insgesamt erntete Merkel überwiegend freundliche Worte.

So konnte der Abend als Symbol gesehen werden für das, was ihr und wohl allen Parteien im Bundestagswahlkampf 2017 bevorsteht. Seit Wochen mahnt Merkel ihre Parteispitze, dass es dabei entscheidend auf den Ton ankomme, um die von Rechts- und Linksaußen nur gewünschte Polarisierung zu verhindern. "Diese Art von Wahlkampf will ich nicht", betont sie mit Verweis auf den hasserfüllten US-Präsidentschaftswahlkampf und erntet in Heidelberg großen Applaus.

kry/dpa/Reuters



insgesamt 110 Beiträge
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reflektionist 28.11.2016
1. Im Marketing nennt man eine solche Steuerung Kindchenschema
Ist doch schön, wenn der kleine Flüchtlingsjunge zu Tränen gerührt ist. Und alle Leser sollten an derlei Gefühlen ebenfalls teilhaben. Und über allen diesen tollen Gefühlen vergessen wir einfach die Politik der großen Kanzlerin, wir vergessen den Rechtsbruch bei der Grenzöffnung, wir vergessen die Erfahrungen von Köln, wir vergessen einfach alles und haben die Kanzlerin wieder alle lieb. Wäre das nicht schön, lieber SPIEGEL?
tommau63 28.11.2016
2. Merkel will keinen Wahlkampf wie in den USA
Dann sollte sie ganz schnell zurück treten. Mit Emotionen kann man kein Land führen. Mitleid verfliegt ganz schnell, deswegen schaden solche Auftritte mehr, als das sie nützen. Sieht nach dem letzten Strohhalm aus, an den sich Frau BK klammert.
Jota.Nu 28.11.2016
3. Es langweilt!
Rücktrittsforderungen ist der Strohalm an den sich die ständigen Nörgler und Miesepeter klammern, anstatt selbst das Gehirn mal zu verwenden. Warum nicht mal so denken: Flüchtlinge für 5Jahre aufnehmen, ausbilden und zurückschicken. Wenn die auf Deutschen Produkten ausgebildet werden, fragen sie genau was für den Wiederaufbau ihres Landes nach??? Genau: DEUTSCHE PRODUKTE!!! Na klingelts?
reflektionist 28.11.2016
4. Der Kanzlerinnen-Wahlverein...
...kann sich die Welt zwar auf dem Parteitag noch einmal richtig schönreden. Hoffentlich wacht der Großteil nach der zu erwartenden Klatsche im nächsten Jahr aber endlich auf und fängt wieder an, das Gehirn zu gebrauchen.
melnibone 28.11.2016
5. ... über die Palmolive weichgespülte
Blumenwiese wird die Königin von zirpenden Grillen, fast schwebend zur ihre Sänfte getragen. Alle anwesenden Vögelein singen und tirilieren. Sogar áfghanische Kinder brechen beim Anblick der Königin in Tränen aus. Schluchz ... kann jetzt auch nicht mehr weiterschreiben, weil ich so emotional berührt werde.
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