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Gabriel besucht Heidenau: Der Vizekanzler in der Notunterkunft

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Gabriel über Rassisten in Heidenau "Das ist Pack"

Sigmar Gabriel wettert in Heidenau gegen den braunen Mob. Doch eigentlich warten sie in Sachsen auf jemand anderen: die Kanzlerin.

Zuerst kommt Sigmar Gabriel nicht hinein. Die Tür der Flüchtlingsunterkunft lässt sich von außen nicht öffnen, selbst die örtlichen Mitarbeiter sind überfordert. "Hallo, hallo", ruft einer durch die Glastür und rudert mit den Armen. Schließlich versteht ihn einer der Flüchtlinge und öffnet mit einem schüchternen Lächeln.

Vizekanzler Gabriel macht ein paar Schritte in die große Halle des ehemaligen Baumarkts im ostsächsischen Heidenau. Die Luft ist miserabel. Vor dem SPD-Chef spielen ein paar Kinder auf dem Boden, dann blickt er in den riesigen Raum, der durch aufgespannte Plastikplanen ein bisschen strukturiert wird.

Sonst gibt es vor allem Pritschen, eine neben der anderen, zig Reihen. Ein junger Mann aus dem Jemen erzählt Gabriel, dass er ein Jahr bis nach Deutschland gebraucht hat.

Sicherheitskräfte vor der Asylunterkunft in Heidenau: Immer neue Übergriffe

Sicherheitskräfte vor der Asylunterkunft in Heidenau: Immer neue Übergriffe

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL/ REUTERS

Ob die meisten Flüchtlinge hier überhaupt mitbekommen haben, was sich am Wochenende vor dem Gelände abgespielt hat? An zwei aufeinanderfolgenden Abenden demonstrierte hier an der Bundesstraße in Heidenau ein fremdenfeindlicher Mob und lieferte sich teilweise Schlachten mit der Polizei. Selbst der gewohnt träge sächsische CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich konnte am Ende offenbar nicht mehr anders, als am Sonntagnachmittag persönlich in Heidenau zu erscheinen und sich angesichts der Vorfälle entsetzt zu zeigen.

Ausschreitung (am 22. August): Der rechte Mob tobt

Ausschreitung (am 22. August): Der rechte Mob tobt

Foto: Matthias Rietschel/ Getty Images

Jetzt ist SPD-Chef Gabriel da. Eigentlich wollte er an diesem Vormittag im Rahmen seiner Sommertour als Bundeswirtschaftsminister ein Unternehmen in der Region besuchen, nun stattdessen Heidenau. Zuerst trifft er den Bürgermeister: Jürgen Opitz, 59.

Kommt übermorgen die Kanzlerin?

Anders als mancher CDU-Politiker in Sachsen hat sich Christdemokrat Opitz sofort gegen die Randalierer gestellt. Das erfordert Mut. Denn einer wie Opitz hat keinen Personenschutz und keinen gepanzerten Dienstwagen. Der Bürgermeister ist jedenfalls der Meinung, dass der Rummel um Gabriels Besuch seiner Stadt nur helfe. So könne man auch ein anderes Bild von Heidenau zeigen. Er empfängt den prominenten Gast im Dienstzimmer seines hübschen Rathauses - aber vorher hat er noch etwas zu sagen: "Ich hoffe, dass ich morgen oder übermorgen Frau Merkel hier begrüßen kann", sagt er in die Kameras und Mikrofone.

Opitz scheint nicht nur mutig, sondern auch ein optimistischer Mensch zu sein, denn bislang macht die Bundeskanzlerin keine Anstalten, nach Heidenau zu kommen. Sie hat - anders als Gabriel und viele Mitglieder ihres Kabinetts - noch gar keine Flüchtlingsunterkunft besucht. Deshalb, und weil sie sich in der Debatte auch sonst bemerkenswert still verhält, ist in den vergangenen Tagen nicht nur der Unmut bei der Opposition gewachsen: Auch vom Koalitionspartner SPD gab es zuletzt deutliche Kritik an Merkel. Sie solle, heißt es, endlich ihr Schweigen in der Flüchtlingsfrage brechen.

Gabriel ist da, Merkel lässt machen

Der Ton wird überhaupt schärfer in der Debatte, trotz manchen Appells, keinen Parteienstreit in dieser Frage zu provozieren. Dabei sind sich Merkel und Gabriel ja völlig einig, dass die Flüchtlingsfrage angesichts der massiv steigenden Zahlen von Asylbewerbern in Deutschland das politische Thema der kommenden Monate sein dürfte. Nur folgen daraus sehr unterschiedliche Handlungsweisen. Während Gabriel sich seit Monaten positioniert und für mehr Geld für die Länder und Kommunen wirbt, lässt Merkel einmal mehr andere machen.

Bewohner der Unterkunft in Heidenau: Angst in der neuen Bleibe

Bewohner der Unterkunft in Heidenau: Angst in der neuen Bleibe

Foto: MATTHIAS RIETSCHEL/ REUTERS

Über ihren Sprecher ließ sie nun ausrichten, das Verhalten der Neonazis sei "abstoßend". Ihr Vizekanzler dagegen steht auf dem großen Parkplatz vor der Heidenauer Unterkunft und spricht mit Bürgern. "Wie soll das werden, in drei oder fünf Jahren", fragt ihn eine Dame mit Blick auf die steigenden Flüchtlingszahlen. Gabriel war Anfang des Jahres auch mit Pegida-Sympathisanten in Dresden zusammengekommen, um sich ihre Argumente anzuhören. Dafür wurde er heftig attackiert, auch aus der eigenen Partei.

SPD-Mann Gabriel: Pritschen im ehemaligen Baumarkt

SPD-Mann Gabriel: Pritschen im ehemaligen Baumarkt

Foto: Maurice Weiss/ dpa

Aber Gabriel hat nie einen Zweifel gelassen, wo für ihn die Grenze verläuft. Nun hat er gesehen, wie es den Flüchtlingen in dem ehemaligen Baumarkt ergeht, konnte die Trostlosigkeit in der Unterkunft erleben. Und er wirkt vor den Toren des Geländes noch ein bisschen angriffslustiger. "Das ist Pack", sagt er über die fremdenfeindlichen Randalierer vom Wochenende.

"Das sind Leute, die mit Deutschland nichts zu tun haben." Diesen Menschen müsse man klarmachen: "Ihr gehört nicht zu uns, wir wollen Euch nicht - und wo wir Euch kriegen, werden wir Euch bestrafen."

Flüchtlinge brauchen Hilfe - viele Deutsche auch

In dieser Frage dürfe die SPD nicht wackeln, jedes fremdenfeindliche Ressentiment verbiete sich. Dabei gibt es natürlich auch in seiner Partei die kleinbürgerliche, kleingeistige Klientel.

Mit Blick auf die Sorgen der Menschen, die sich überfordert fühlen, spricht der Vizekanzler von einer "doppelten Integrationsherausforderung". Zum einen gehe es um Hunderttausende, die in Deutschland neu integriert werden müssen. Aber gleichzeitig dürfe man eben nicht nur für Flüchtlinge neue Wohnungen bauen und ihnen Qualifizierungen anbieten - sondern müsse das auch für Deutsche tun, die sie ebenfalls brauchen.

"Das sind gewaltige Herausforderungen - aber wer außer uns soll das schaffen?", sagt Gabriel auf dem Heidenauer Parkplatz an der Bundesstraße 172. Das klingt ein wenig pathetisch. Aber vielleicht ist Pathos ja das, was die Debatte gerade braucht.


Zusammengefasst: In Heidenau hat sich Vizekanzler Gabriel ein Bild von der Lage vor Ort gemacht. Nach den rechten Ausschreitungen traf er besorgte Bürger, Politiker und Flüchtlinge. An die Angreifer schickte er eine klare Drohung: Ihnen drohen harte Strafen. Nun hofft man in Sachsen auf einen Besuch der Kanzlerin, doch Merkel hat sich in Flüchtlingsunterkünften bisher nicht sehen lassen.

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