Heikles Geburtstagsständchen Wie ein Ostseebad Opa Krenz verteidigt

Aufruhr im Ostseebad Dierhagen: Zum Geburtstag von Egon Krenz hat die örtliche Kindergartenleitung eine nette Überraschung geplant: Die Kleinen sangen dem vorbestraften SED-Funktionär ein Ständchen - zum Entsetzen der Eltern. Die Kita-Leitung nennt die Aufregung "albern".
Von Jörg Oberwittler

Dierhagen – Geschlossene Gesellschaft im Ostseehotel Wustrow. Egon Krenz, ehemaliger SED-Generalsekretär und Ex-Staatsratsvorsitzender der DDR, feiert seinen 70. Geburtstag. 80 Gäste erheben das Glas, plaudern angeregt, laden sich die Teller am Buffet voll. Es gibt Räucherlachs und Köstlichkeiten aus der Region.

Der Dierhäger Bürgermeister Siegfried Kannewurf sitzt mit am Tisch, als der Höhepunkt des Amüsierprogramms beginnt. Sechs Kinder der örtlichen Tagesstätte "Dierhäger Krabben" haben ihren großen Auftritt. Sie singen "Geburtstag ist im Haus" und fröhliche Frühlingslieder: "Die Kellerassel" und "Käfer, du gefällst mir sehr". Eine Kindergärtnerin begleitet die Fünf- bis Sechsjährigen mit der Gitarre. Die Gäste sind begeistert, der ganze Saal klatscht munter mit.

Es ist ein Abend, ganz so wie zu alten DDR-Zeiten. Niemand in Dierhagen scheint der Auftritt der Kinder zu Ehren des einstigen SED-Genossen zu stören.

Doch knapp zwei Wochen nach dem Vorfall herrscht Aufregung in dem kleinen Ostseebad in Mecklenburg-Vorpommern. Manchen Eltern wird erst in den Tagen nach der Veranstaltung klar, wofür sie ihr Einverständnis gegeben haben. Immerhin saß Krenz wegen der Mauertoten knapp vier Jahre im Gefängnis. Zwar gibt es die Einverständniserklärung der Kita, die die Eltern unterschrieben haben und in der es heißt: "Wir möchten Herrn E. Krenz zum 70. Geburtstag im Ostseehotel ein kleines Geburtstagsständchen überbringen."

Annette Winter ist eine der wenigen Mütter, die sich offen zitieren lässt. Ihr Kind war nicht bei der Ehrung, doch bringt sie die Stimmung vieler Eltern auf den Punkt: "Es ist absolut nicht hinnehmbar, dass zur Betreuung anvertraute Kinder für jemanden wie Krenz instrumentalisiert werden." Andere Eltern haben schlichtweg Angst, dass ihre Kinder in der Kita leiden müssten, sollten sie sich offen kritisch äußern. "Herr Krenz ist absolut nicht ehrungswürdig", sagt eine Mutter, deren Kind bei dem Auftritt dabei war. Auch sie will lieber anonym bleiben. Denn die Leiterin führte die Einrichtung bereits zu DDR-Zeiten.

"Keine Lobeshymnen"

Dierhagen ist ein beliebter Badeort, vor und nach der Wende erholten sich hier auch viele DDR-Funktionäre. Manche, wie Krenz, leben hier, verbringen ihre Zeit als Pensionäre. Einige der Eltern sind daher vorsichtig, wenn sie sich mit einem Journalisten treffen. Wie ein Vater, der eine Kneipe im Ort aufsucht, um über den Auftritt in dem Hotel zu sprechen. Mehrmals schaut er sich um, ob nicht doch alte SED-Funktionäre am Tresen sitzen. Der Ort, erzählt er, sei einer der rotesten Bezirke in der Bundesrepublik. Viele Dorfbewohner würden sich wünschen, dass die Mauer wieder stehe. Und nach einem guten Schluck aus der Korn-Flasche würde auch so mancher stolz prahlen, dass er ein hohes Tier bei der Staatsicherheit gewesen sei, erzählt der Mann. Dass sein Kind im Hotel auftrat, ärgert ihn. "Ich kann doch nicht einem wie Krenz Lobeshymnen singen. Der ist doch immer noch total ideologieverblendet."

Bürgermeister spricht von "Heckenschützerei"

Die Kinder seien viel zu jung gewesen, um ihnen erklären zu können, warum sie beim Auftritt nicht hätten mit dabei sein sollen, sagt er. "Mein Kind wollte unbedingt singen, wie hätte ich ihm das erklären können?" Andere Eltern hatten die Einverständniserklärung morgens in aller Eile unterschrieben, ohne genauer hinzuschauen.

Zu DDR-Zeiten war das Ostseebad mit seinen rund 1600 Einwohnern auf der Halbinsel Fischland-Darß ein beliebter Ferienort. Hier schliefen die Bürger schon mal in der Hochsaison auf dem Flur, nur um später sagen zu können, sie hätten in Dierhagen Urlaub gemacht. Hier haben ehemalige Parteifunktionäre hinter den Dünen nach wie vor ihre schicken Reetdachhäuser. Auch nach der Wende ist viel Geld in den Ort geflossen. Die alten Ferienhäuser unweit vom Strand sind liebevoll restauriert, die Straßen aufwendig verschönert worden.

Krenz gilt im Ort als angesehener Bürger

Seit seiner Freilassung aus dem Gefängnis in Berlin lebt Krenz hier dauerhaft mit seiner Frau. Auf dem Hafenfest wird der einstige Spitzenpolitiker, der einst zu DDR-Zeiten auch Vorsitzender des Kinderverbandes "Pionierorganisation Ernst Thälmann" war, per Handschlag begrüßt. Häufig erkundigen sich auch Touristen aus den umliegenden Hotels nach seiner Adresse. "Der Krenz ist hier sehr angesehen und wird es auch immer bleiben", sagt der Vater.

Krenz wohnt im ersten Haus hinterm Deich. Zwei gepflegte Mittelklassewagen stehen vor der Tür, auf der Klingel am Jägerzaun steht für alle ersichtlich "E. Krenz". Seine Frau öffnet die Tür, verschränkt die Arme und sagt nur lächelnd, ihr Mann werde sich zu dem Vorfall ganz sicher nicht äußern. Er sei gerade in einem längeren Telefonat. Auch zwei Stunden später lehnt Krenz am Telefon gegenüber SPIEGEL ONLINE jede Stellungnahme ab.

Es ist schwer, auch die Kita-Leiterin und ihre Mitarbeiterinnen zu einem Gespräch zu bringen. Erster Versuch: Der einstöckige Plattenbau der Kindertagesstätte liegt nur anderthalb Kilometer vom Strand entfernt, ist mit roten Kacheln verziert. Im Garten stehen rot-grüne Spielgeräte, in den Fenstern hängen weiße Papierblumen. Drinnen komplimentiert eine wütende Kindergärtnerin den neugierigen Journalisten unfreundlich hinaus: "Sie ist bereits im Feierabend! Die Privatadresse kriegen sie von mir nicht!"

Auch in ihrem Privathaus im Nachbarort ist die Kita-Leiterin nicht zu sprechen. Sie steht auf dem Balkon, schüttelt die Betten aus und gibt sich auf Nachfrage als eine Urlauberin aus. Am Tag darauf hat sie plötzlich doch Zeit. Doch ruft sie extra den Bürgermeister an, der sie zusammen mit einer Sprecherin der Eltern schützend bei dem Gespräch flankiert.

Kita-Leiterin findet die Aufregung "albern"

Die Kita-Leiterin kann ihre Wut auf die Medien nicht verbergen. "Herr Krenz hat seine Strafe abgesessen und ist ein freundlicher Mensch. Dabei bleibe ich", stellt sie klar. "Albern" findet sie die ganze Aufregung, die jetzt nachträglich von einigen Eltern und von den Medien kommt. Zudem sei es feige, dass die entsprechenden Eltern ihre Namen nicht nennen würden.

Auf keinen Fall seien sozialistische Lieder gesungen worden. Das Geburtstagsständchen sei ein Dankeschön für eine 1000-Euro-Spende gewesen, die Herr Krenz im vergangenen Jahr gemacht habe. Von dem Geld habe der Kindergarten neue Musikinstrumente angeschafft, verteidigt sie den Auftritt der Fünf- bis Sechsjährigen vor dem früheren Staatsratsvorsitzenden.

Mit ihrer Kritik an dem Verhalten der Kita-Leitung stehen die Eltern im Dorf weitestgehend alleine da. "Ich bin viel zu jung und hab das alles mit der DDR gar nicht mitgekriegt", sagt eine junge Mutter, die ihr Kind gerade aus der Kita abholt. "Für die Kinder ist das doch ein ganz normaler Opa", sagt ein anderer Dierhäger. Krenz habe seine Strafe abgesessen, das alles sei doch über 17 Jahre her. Seinen Namen möchte niemand verraten.

Auch der parteilose Bürgermeister Kannewurf sieht keinen Grund, die Ehrung zu bereuen. Er findet es auch nicht verwerflich, dass die Kinder auf Kosten der Gemeinde zu der Feier gefahren worden sind. "Das ist doch alles Heckenschützerei", winkt er ab.

Herr Krenz sei als Bürger des Ortes und als Spender für die Kita geehrt worden, so wie es bei allen anderen runden Geburtstagen und Jubiläumsfeiern im Dorf üblich sei. Bereitwillig habe er als Bürgermeister daher seine Zustimmung zu dem Auftritt gegeben, sagt er. Und zum Schluss des Gesprächs fügt Kannewurf hinzu: "Und wenn Herr Krenz noch mit 80 Dierhäger Bürger ist, würde ich noch mal meine Zustimmung geben."

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