Außenministertreffen in Leipzig So viel deutsch-amerikanische Freundschaft

US-Außenminister Mike Pompeo ist im Jubiläumsjahr des Mauerfalls auf Deutschlandvisite. In Leipzig beschwört er zusammen mit seinem Amtskollegen Heiko Maas die deutsch-amerikanische Wertegemeinschaft.

Betont gute Laune: Heiko Maas und Mike Pompeo
John Macdougall/REUTERS

Betont gute Laune: Heiko Maas und Mike Pompeo

Von , Leipzig


Es ist ein dichtes Programm mit einem kleinen Aufreger. Mike Pompeo und Heiko Maas sind an diesem sonnigen Herbsttag schon an der bayerisch-thüringischen Grenze gewesen. Sie haben den einst geteilten, kleinen Ort Mödlareuth besucht, gingen dort von West nach Ost und wieder zurück. In der Wagenkolonne des US-Außenministers gab es auf dem Weg dahin einen kleinen Unfall mit Blechschaden.

Irgendwie wirkt der kleine Vorfall wie ein Sinnbild der derzeitigen deutsch-amerikanischen Beziehungen. Es läuft nicht alles rund, aber die Karawane zieht dennoch weiter.

Am späten Nachmittag steht Pompeo an der Seite von Maas im Saal des Alten Rathauses von Leipzig. Draußen sind weite Teile der Innenstadt abgesperrt, Scharfschützen haben sich auf den Dächern rund um den Markt positioniert. Eine beeindruckende Kolonne von rund 40 Wagen sichert den Besuch des US-Ministers ab und wartet auf den weiteren Einsatz.

Drinnen, im historischen Saal, wird an diesem Tag die deutsch-amerikanische Einigkeit im Übermaß zelebriert - inmitten der angespannten Weltlage. Es geht betont locker zu. "Mike" und "Heiko", so klang es schon, als der US-Amerikaner im Mai zum - verspäteten - Antrittsbesuch nach Berlin kam und Maas traf. Pompeo ist diesmal zwei Tage in Deutschland, am Freitag wird er - wie vor sechs Monaten - wieder mit Kanzlerin Angela Merkel zusammenkommen, in der Hauptstadt. Auch Treffen mit Finanzminister Olaf Scholz und Vereidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer sind geplant.

Mit Deutschland verbindet der 55-jährige Amerikaner eine persönliche Geschichte, in den Achtzigerjahren war er als US-Soldat in West-Berlin stationiert. Am Donnerstagmorgen hat er, der frühere Offizier, sich im bayerischen Grafenwöhr mit US-Soldaten zum Frühstück getroffen. In Leipzig verweist er auf seine Stationierung zu Zeiten des Kalten Krieges: Bei der Verteidigung der Freiheit habe er einst eine "bescheidene Rolle" gespielt, sagt Pompeo.

Es sind Beschwörungsformeln des deutsch-amerikanischen Verhältnisses, der Vergangenheit und Gegenwart. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern waren in den vergangenen Jahrzehnten seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ein stetes Auf und Ab. Ziemlich weit oben zu Barack Obamas Zeiten, ziemlich tief unten in Donald Trumps Regentschaft. Besser waren sie allemal 1989/1990, als der damalige US-Präsident George Bush gegen Widerstände aus dem westlichen Lager - Frankreichs und der britischen Premierministerin Margaret Thatcher - die deutsche Einheit und den Verbleib in der Nato in den Verhandlungen mit der Sowjetunion entscheidend mitprägte.

Heute, in Zeiten von Handelszöllen und einer erratischen amerikanischen Außenpolitik, wirkt der Besuch eines US-Außenministers wie ein Gradmesser. Auch die deutsche Seite ist gefordert. Außenminister Maas hatte erst diese Woche mit einem Gastbeitrag zum Mauerfall in 26 EU-Staaten für Irritationen gesorgt. Darin hob er die Rolle osteuropäischer Staaten und Akteure hervor, an die "westlichen Verbündeten" richtete er einen summarischen Dank, ohne die Rolle der USA besonders zu würdigen. Im Bundestag war Maas dafür am Mittwoch in einer Fragestunde durch die Opposition kritisiert worden, er selbst wies die Vorhaltungen zurück.

In Leipzig streicht der 53-Jährige nun im Alten Rathaus heraus, was in seinem Gastbeitrag fehlte. Er tut es mit so vielen Sätzen, dass es unüberhörbar ist. "Ohne die Führungskraft Amerikas hätte es die Wiedervereinigung nicht gegeben", zitiert er den damaligen US-Außenminister James Baker. Das, fügt er hinzu, "gilt auch noch heute". Die europäischen Nachbarn und den früheren sowjetischen Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow und die Perestroika erwähnt Maas auch, wie zuvor in seinem Gastbeitrag, bevor er noch einmal zum Fundament der "gemeinsamen Werte" mit den USA hinüberschwenkt. Dafür hätten sich die früheren US-Präsidenten Ronald Reagan und George Bush "maßgeblich eingebracht". "Wir verdanken unsere Freiheit und unsere Einheit ganz entschieden euch," sagt Maas. Es wirkt, als wolle er ein Übersoll an Freundlichkeiten erfüllen. Die USA blieben Europas wichtigster Verbündeter und "Deutschlands wichtigster Verbündeter außerhalb Europas", sagt Maas.

Pompeo steht da nicht minder zurück. Deutschland würdigt er als einen "großartigen Partner" bei vielen internationalen Problemen. "Wir haben dieselben Prinzipien, dieselben Sorgen. Gelegentlich haben wir einen anderen Ansatz", sagt er. Das, ergänzt Pompeo, "passiert unter guten Freunden und Verbündeten". Die beiden Minister haben natürlich auch die Weltlage besprochen - Syrien, Iran, Türkei, Ukraine. Auch auf die jüngste Äußerung des französischen Präsidenten Emmanuel Macrons wird Maas in Leipzig angesprochen, wonach die Nato "Hirntod" sei. Das sehe er nicht so, sagt der deutsche Außenminister, ein Interesse am Zusammenhalt und der Funktionsfähigkeit der Allianz sollten "alle haben".

Pompeos Besuch ist auch eine Reise in die deutsche Gegenwart. Ausdrücklich bestand er darauf, am Donnerstagabend auch die Synagoge in Halle zu besuchen. Dort hatte kürzlich ein rechtsextremer Täter versucht, einen Anschlag während eines Gottesdienstes zu verüben, scheiterte jedoch an der verschlossenen Tür und brachte anschließend eine Frau und einen jungen Mann in der Umgebung um. Pompeo spricht in Leipzig von einem "bösartigen antisemitischen Anschlag", der mahne, "wachsam für die Glaubensfreiheit" einzutreten.

Wie sich Vergangenheit und Gegenwart gerade in Leipzig vermischen, wo vor 30 Jahren die Massendemonstrationen die Herrschaft der SED brachen, auch das erfährt Pompeo in der sächsischen Stadt. In der Nikolaikirche, dem Ausgangspunkt der Montagsdemonstrationen in der Endphase der DDR, traf er frühere Bürgerrechtler und Zeitzeugen. Einer aber - der 57-jährige einstige Bürgerrechtler Uwe Schwabe - hatte zuvor seine Teilnahme abgesagt. Die derzeitige US-Außenpolitik, so seine Begründung, stehe entgegen der Ziele, für welche die Demonstranten 1989 auf die Straße gegangen seien.

Darauf angesprochen in der Pressekonferenz, umschifft Pompeo das Thema. Diplomatisch sagt er, Leipzig sei ein bedeutender Ort, in dem die Menschen "sehr mutig" waren und "für die Freiheit eingestanden sind".



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hele44 07.11.2019
1.
Deutsch-amerikanische Freundschaft und gegenseitiges Vertrauen sollen hier beschworen werden. Das ist leicht unglaubwürdig. Ein unberechenbarer US_-Präsident und ein kritikloser Aussenminister, ein treuer Gefolgsmann- das ist keine gesunde Kombination, die in Europa bzw in Deutschland Vertrauen schaffen können. Amerika hat sich von seiner Politik der letzten Jahrzehnte abgewendet, interessiert sich nur noch für America first, und Abschottung, und gibt damit seine Position in der Weltpolitik ab. Das amerikanische Zeitalter ist vorbei und der Weg ist vorgezeichnet, zum Bedauern vieler Mitstreiter und Verbündeten. Europa muß sich neu orientierend.h. muß selbständig werden und die eigenen Interessen bevorzugt vertreten.
Andi P 07.11.2019
2. Inhalt
Der bayerische Ort zum Frühstück heißt Grafenwöhr!!! "Am Donnerstagmorgen hat er, der frühere Offizier, sich im bayerischen Grafenöhr mit US-Soldaten zum Frühstück getroffen."
stelzerdd 07.11.2019
3. Die Botschaft hör ich wohl
allein mir fehlt der Glaube. Die USA haben sich als Führungsmacht zurückgezogen, Präs. Trump wurde in der UNO-Vollversammlung ausgelacht. Er erklärte die NATO für überflüssig und agiert offen gegen die EU. Solange dieser Präsident regiert wird sich daran nichts ändern und er könnte ja durchaus für weitere 4 Jahre gewählt werden. Dann werden die von ihm bewirkten Veränderungen kaum reparierbar sein.
doktorplagiatsverdacht 07.11.2019
4. Minister Pompeo
auch schon wieder einer der in den Knast gehört!
wasistlosnix 07.11.2019
5. Haben Amerikaner Freunde?
Die USA machen m. E. nichts aus Freundschaft. Den Niedergang des Kommunismus heften sie sich gern an Ihre Fahnen, wenn es auch nur ein gewonnerner kalter Krieg war aber wenigstens gewonnen. Um es etwas abzumildern; Amerikaner definieren Freundschaft anders als Deutsche.
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