PR zu Heinsberg-Studie Widersprüchliche Aussagen bringen NRW-Regierung unter Druck

Die Agentur Storymachine machte PR für die Forscher der Heinsberg-Studie - daran gab es Kritik. Hat NRW-Ministerpräsident Laschet früher als behauptet von dem Engagement gewusst?
Ministerpräsident Laschet bei der Präsentation erster Studienergebnisse am 9. April

Ministerpräsident Laschet bei der Präsentation erster Studienergebnisse am 9. April

Foto: Jens Krick/ Future Image/ imago images

Die Regierung von NRW-Ministerpräsident Armin Laschet steht in der Kritik, sich im Zusammenhang mit der Öffentlichkeitsarbeit für die Heinsberg-Studie widersprüchlich geäußert zu haben. Hintergrund ist eine Antwort des NRW-Arbeitsministeriums auf eine Kleine Anfrage der SPD-Abgeordneten Sarah Philipp, die dem SPIEGEL vorliegt. Zuvor hatte bereits das ARD-Magazin "Kontraste" darüber berichtet .

Die Corona-Forschergruppe um den Bonner Virologen Hendrik Streeck wurde von der PR-Agentur Storymachine beraten. In der Antwort auf die Kleine Anfrage heißt es, dass die Zusammenarbeit der Forscher mit Storymachine der Landesregierung bekannt geworden sei, als die entsprechende Facebook-Seite online ging. Der erste Eintrag auf der Seite datiert auf den 6. April, erstellt worden war die Seite laut "Kontraste" drei Tage zuvor.

Die Antwort bringt die Landesregierung in Erklärungsnöte. Denn Laschet hatte im April mehrmals gesagt, er wisse nichts darüber, wer wen bei der Öffentlichkeitsarbeit berate oder welche PR-Agentur Streeck helfe.

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"Es steht der Verdacht im Raum, dass die Landesregierung hier nicht die ganze Wahrheit gesagt hat", sagt Sarah Philipp. Der Ministerpräsident habe in den vergangenen Wochen jede Kenntnis von einer Beteiligung durch die Agentur von sich gewiesen. "Ich konnte mir von Anfang an nicht vorstellen, dass die Landesregierung davon nichts gewusst haben will", sagt die SPD-Politikerin.

Auf Anfrage teilt die NRW-Staatskanzlei mit, dass zwischen den Aussagen des Ministerpräsidenten und der Antwort auf die SPD-Anfrage "kein Widerspruch" bestehe. Laschets Äußerungen hätten zum Ausdruck gebracht, dass die Landesregierung "keinen Einfluss auf die konkrete Ausgestaltung der Öffentlichkeitsarbeit zur Studie" hatte.

Die Einlassungen des Ministerpräsidenten "enthalten keine Aussagen über den Zeitpunkt der Kenntnisnahme", heißt es aus der Staatskanzlei weiter. Mit der Beantwortung der Kleinen Anfrage habe die Landesregierung deutlich gemacht, dass die Mitwirkung der PR-Firma "bereits dadurch bekannt wurde, dass diese Tätigkeit öffentlich transparent angegeben" wurde.

Der Virologe Hendrik Streeck hatte als Studienleiter mit einem Team das Corona-Infektionsgeschehen in der Region Heinsberg untersucht. Diese gilt als Corona-Testbatterie, denn dort hatte sich das Virus nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar rasant ausgebreitet.

Die Mitarbeiter der Studie bestimmten bei Probanden in der nordrhein-westfälischen Gemeinde Gangelt zunächst, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Coronavirus infiziert hatten. Aus der Zahl der offiziell dokumentierten Corona-Toten errechneten sie die Todesrate für den Ort. Demnach sind in Gangelt 0,36 Prozent der Infizierten gestorben.

Erste Zwischenergebnisse der Studie waren Anfang April veröffentlicht worden, kurz bevor über mögliche Lockerungen der Corona-Kontaktbeschränkungen entschieden werden sollte. Studienleiter Streeck hielt Lockerungen damals für möglich. Andere Forscher monierten jedoch, die Studienergebnisse gäben eine solche Einschätzung nicht her.

Schon damals kam Kritik an der Tatsache auf, dass die Heinsberg-Forscher mit der PR-Agentur Storymachine zusammenarbeiten, die von Ex-"Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann und dem Eventmanager Michael Mronz mitgegründet wurde. Unter der Überschrift "Heinsberg-Protokoll" dokumentieren zehn Mitarbeiter der PR-Firma die Arbeit der Wissenschaftler.

Laschet hatte erste Zwischenergebnisse gemeinsam mit Streeck präsentiert. Ziel war offenbar, Argumente für eine Lockerung der Anti-Corona-Maßnahmen abzuleiten. Schnell kam der Vorwurf auf, Laschet habe die Forscher für schnelle Ergebnisse unter Druck gesetzt. Der Ministerpräsident wies das zurück. Die umstrittene Begleitung des Projektes durch Storymachine verstärkte diesen Eindruck jedoch.

Auch der Zeitpunkt der Präsentation warf die Frage auf, ob Ergebnisse womöglich übereilt mitgeteilt werden sollten, um politische Argumente für eine Lockerung zu haben. In der Antwort auf die Kleine Anfrage heißt es dazu, Streeck habe bereits am 27. März gesagt, er gehe davon aus, innerhalb der ersten beiden Wochen erste Zwischenergebnisse übergeben zu können. Vor diesem Hintergrund sei die Planung für die Präsentation erfolgt. Die endgültige Entscheidung habe die Staatskanzlei am 8. April getroffen - einen Tag später traten Laschet und Streeck vor die Presse .

Normalerweise schweigt sich Storymachine über ihre Kunden aus, im Fall Heinsberg machen sie nun eine Ausnahme. "Es handelt sich um eine Eigeninitiative von Storymachine - ein Teil der Kosten wird von Partnern dankenswerterweise übernommen", sagte Agenturchef Philipp Jessen dem Medienportal "Meedia".

Nach eigenen Angaben unterstützte die Landesregierung die Studie mit 65.315 Euro. Mit dem Geld würden Tests und die studentischen Hilfskräfte bezahlt. Wer Storymachine den Auftrag für die Dokumentation gegeben habe, könne die Landesregierung nicht sagen.

le/ulz/vks