Heiratsmigration Türkisch, ledig, sucht...

Auf der Suche nach einem Ehepartner heiraten viele in Deutschland lebende Türken Frauen aus der Türkei. Aber die importierten Lebenspartner erwartet oft ein Martyrium.

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Nürnberg - Lale A.* arbeitet als Journalistin, hat einen eigenen Chauffeur und eine Sekretärin, als sie ihren zukünftigen Mann in der Türkei kennen lernt. Er ist ein einfacher Postangestellter aus Deutschland - doch er umwirbt sie "wie ein Gentleman".

Sie weiß nicht, was sie schließlich überzeugt hat: die blumigen Schilderungen eines wohlhabenden Lebens in Deutschland oder der gesellschaftliche Druck in der Türkei, mit 35 Jahren endlich unter die Haube zu kommen. Jedenfalls heiratet sie ihn. Doch in Nürnberg erlebt Lale A. eine böse Überraschung nach der anderen. Sie zieht in eine heruntergekommene 40-Quadratmeter-Wohnung. Und ihr Mann - der einstige Gentleman - verwandelt sich in einen Tyrannen.

Sozialarbeiterin Hülya Erdogan: "95 Prozent der Ehen scheitern"
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Sozialarbeiterin Hülya Erdogan: "95 Prozent der Ehen scheitern"

Wie Lale heiraten jedes Jahr zahlreiche Türken einen Ehepartner aus Deutschland. Allein 2004 wanderten laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge über 22.000 volljährige Männer und Frauen aus der Türkei ein - ein Großteil davon durch Ehegattennachzug.

Hülya Erdogan ist Sozialarbeiterin in Nürnberg, arbeitet an der Evangelischen Familien-Bildungsstätte. Erdogan ist seit 30 Jahren berufstätig. Sie hat viele solcher Schicksale aus der Nähe erlebt. Sie glaubt nicht an das schlichte Bild von den Zwangsehen, das meistens im Zusammenhang mit der Heiratsmigration in Deutschland bemüht wird. Vielmehr suchten traditionelle Deutschtürken - Männer wie Frauen gleichermaßen - einen gut erzogenen und gebildeten Partner aus der Türkei, so ihre Einschätzung.

Eine Einschätzung, die auch Martina Sauer vom Essener "Zentrum für Türkeistudien" teilt. In Umfragen mit Türken sei häufig zu hören: "Die türkischen Jugendlichen in Deutschland taugen zum Heiraten nicht."

Die Heiratsmigranten wiederum erhofften sich ein leichteres Leben und materielle Sicherheit durch ihre Ehe mit einem Partner aus Deutschland. Dies belege eine Untersuchung des Zentrums für Türkeistudien über nachreisende Ehepartner aus der Türkei von 2003, so Sauer.

"Eine kostenlose Putzfrau und Geliebte"

Es sind Menschen wie Lale, die hierzulande mit großen Erwartungen ankommen. Doch auch ihre Hoffnungen wurden enttäuscht. Dass ihr Mann einen fünfjährigen Sohn aus seiner ersten Ehe hat, wusste Lale zwar. Was sie aber nicht ahnte: Sie soll fortan für ihn sorgen, denn die Mutter arbeitet jeden Tag.

Sie wird schnell zu einer Art Hausdienerin. Putzen, Kochen, den Stiefsohn in den Kindergarten bringen und abholen - das ist ihr Alltag. Als Lale sich weigert, schlägt ihr Mann sie. Einmal verletzt er sie derart, dass sie ins Krankenhaus will. Doch er weigert sich, sie dort hinzufahren. Lale glaubt, von ihm abhängig zu sein, weil sie kein Deutsch spricht. Tagelang fleht sie ihn an, bis er sie endlich zur ärztlichen Untersuchung begleitet. Lale hat Pech, ihr Mann murmelt etwas von "im Bad ausgerutscht" und das Krankenhauspersonal fragt nicht weiter.

Einen Hoffnungsschimmer bietet ihr der Deutschkurs in der Evangelischen Familien-Bildungsstätte, in den ihr Mann sie schicken muss. Seit Januar 2005 wird Neuzuwanderern die Aufenthaltsgenehmigung nicht verlängert, wenn sie den Orientierungs- und Sprachkurs nicht besuchen. Hier begegnet Lale Türken mit ähnlichen Sorgen, wie zum Beispiel Aykut*. Er bezeichnet sich selbst als einen "Import-Ehemann". "Wir sind hier nichts wert und werden auch so behandelt", meint er.

Aykut verliert seine erste Frau 1999 bei einem großen Erdbeben in Istanbul. Später führt er eine Fernbeziehung mit seiner Jugendfreundin Selma, die in Deutschland lebt. Da er einen kleinen Sohn aus der ersten Ehe hat, will er Selma heiraten. Zwar hat er einen guten Job bei einer Firma in Istanbul, doch sie überzeugt ihn, gemeinsam nach Deutschland zu ziehen. Sie erzählt ihm, wie einfach das Leben in Deutschland ist. "Ich wollte, dass mein Sohn eines Tages in Europa studieren kann," erklärt Aykut.

Doch in Deutschland verändert Selma sich - verhält sich herrisch und hysterisch. Sie hilft ihm nicht, einen Arbeitsplatz zu finden - also wird er finanziell abhängig. Nur ungern akzeptiert sie, dass Aykut Deutsch lernt. Sie lässt ihn kochen, putzen und sich in die Arbeit chauffieren. Schließlich erfährt Aykut, dass sie 75.000 Euro Schulden hat. Als er seine Aufenthaltsgenehmigung von der Ausländerbehörde erhält, macht sie eine Insolvenzerklärung - das geht nur, wenn man einen Ehepartner versorgen muss. Aykut begreift allmählich, dass er ausgenutzt wird.

Gewalt, aus Angst den Partner zu verlieren

Im Gegensatz zu den Ehefrauen werden die Ehemänner in der Regel nicht durch körperliche Gewalt unterdrückt. "Das schlimmste Druckmittel gegen uns Import-Männer ist die Drohung, uns bei der Polizei als prügelnden Ehemann anzuzeigen", meint Aykut. Vielen sei das schon passiert, auch ihm. Die Polizisten hätten türkischen Männern gegenüber starke Vorurteile - weshalb sie selbst mit Sprachkenntnissen kaum eine Chance haben. Aykut wird mehrmals behandelt wie ein Krimineller. "Ich verstehe das ja", mein Aykut, "wer glaubt einem Mann schon so eine Geschichte?"

Als Aykut sich aus dem unerträglichen Zustand befreien will, findet er keinen Zufluchtsort. "Für Männer gibt es nichts", klagt er. Die meisten Institutionen seien nur für allein stehende Frauen. Dabei ist Aykut keine Ausnahme. Er weiß von anderen Import-Männern aus der Türkei, die von der Familie ihrer Frau sogar verprügelt oder in den Keller gesperrt werden.

Doch was hat es mit der Gewalt in den zusammengeführten Familien auf sich? Ein psychologischer Aspekt sei die Erklärung, so die Sozialarbeiterin Erdogan: Die Deutschtürken seien ihren eingeheirateten Ehepartnern häufig intellektuell unterlegen und hätten daher Angst, sie zu verlieren. Um sie mit aller Gewalt an die Familie zu binden, würden sie sie einsperren oder verhindern, dass sie selbstständig werden.

Martina Sauer vom Zentrum für Türkeistudien sagt, "das türkische Leben in Deutschland ist anders, als das in der Türkei". Viele Einwandererfamilien hielten an Traditionen fest, die in der Türkei längst überkommen seien. "Da prallen zwei Welten in einer Ehe aufeinander", sagt Erdogan. "95 Prozent der Ehen scheitern kläglich."

Hilfe finden Aykut und Lale schließlich bei Hülya Erdogan, die sie über die Integrationskurse in der Evangelischen Familien-Bildungsstätte Nürnberg kennen lernen. Da hier viele Heiratsmigranten eintreffen, kennt Erdogan ihre Probleme. Die Sozialarbeiterin vermittelt Aykut an die AWO, als er mit seinem Sohn von zu Hause flieht.

Erdogan hilft auch Lale - die weiter von ihrem Mann geschlagen wird -, indem sie ihr einen türkischen Anwalt vermittelt. Als Lale beschließt, sich scheiden zu lassen, erhält Erdogan drohende Anrufe von ihrem wütendem Ehemann. Doch die 55-Jährige hat derartiges schon oft erlebt und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.

Aykut und Lale, erzählen in der Türkei niemandem von ihren Leid. Sie schämen sich. "Ich war seine kostenlose Putzfrau und Geliebte", sagt Lale. "Dabei denken in der Türkei alle, wer nach Deutschland heiratet, zieht das große Los." Mit ihrem Schweigen tragen sie jedoch dazu bei, dass in der Türkei weiterhin die Vorstellung existiert, jemanden aus Deutschland zu heiraten sei wie ein Sechser im Lotto.

Eigentlich fange alles damit an, dass die meisten Gastarbeiterfamilien in Deutschland kaputt sind, sinniert Aykut. Seit er sich von seiner Frau getrennt hat, sucht er nach Erklärungen. "Weil die hier Probleme haben, holen sie sich jemanden zum Heiraten aus der Türkei."

Aykut zeigt ein Foto von seiner zweijährigen Tochter aus der Ehe mit Selma. Seit Monaten kämpft er vor Gericht um sie. Nun ist er selber Teil einer kaputten Familie geworden.

*Die Namen von Lale und Aykut wurden geändert - die Red.



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