S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal Verräter, überall nur Verräter

Sie wettern gegen "journalistische Grabräuberei": Die Allianz der Helmut-Kohl-Verteidiger ist so breit wie bunt. Klar springt die "Bild" dem Altkanzler bei. Aber auch die "Süddeutsche" und gar die "taz"... Was ist denn da los?

Kohl auf Frankfurter Buchmesse: Verrat war immer eine zentrale Kategorie seines Denkens
AP/dpa

Kohl auf Frankfurter Buchmesse: Verrat war immer eine zentrale Kategorie seines Denkens

Eine Kolumne von


Wer hätte gedacht, dass Helmut Kohl unter deutschen Journalisten einmal so viel Sympathie genießen würde. Seit man lesen kann, was sein ehemaliger Ghostwriter an Boshaftigkeiten auf Band aufgenommen hat, reißt die Kette derjenigen nicht ab, die finden, dass dem Altkanzler großes Unrecht geschieht, wenn nun alle Welt erfährt, wie er über andere Politiker denkt und dachte. Von "journalistischer Grabräuberei" ist die Rede und davon, dass der Presse durch solche Indiskretionen insgesamt Schaden entstehe, weil sich niemand mehr auf den Schutz des vertraulichen Wortes verlassen könne.

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Heft 41/2014
Helmut Kohl - Die geheimen Gesprächsprotokolle

Es ist zweifellos ein Geheimnisverrat ersten Ranges, wenn man das, was einem im guten Glauben gesagt wurde, später unter die Leute bringt, um einen Bestseller zu landen. Aber dass ausgerechnet Journalisten diesen Umstand beklagen, ist doch einigermaßen verblüffend. Wenn es eine Branche gibt, die davon lebt, dass Leute Dinge ausplaudern, die sie eigentlich für sich behalten sollten, dann das Mediengewerbe.

Wer in solchen historischen Dimensionen angekommen ist wie Kohl, kann nur noch bedingt darauf vertrauen, dass das, was er privat äußert, auch privat bleibt. Die Äußerungen eines Staatsmanns seiner Größe sind immer von Belang, selbst wenn es sich um abfällige Bemerkungen handelt. Aus gutem Grund ist schon Richard Nixon mit dem Versuch gescheitert, die Mitschnitte von seinen Gesprächen im Weißen Haus sperren zu lassen. Von den "Nixon-Tapes" und den auf ihnen überlieferten Ausfällen zehren die Historiker noch heute.

Eine Machtmaschine, die alles niederwalzte

Noch überraschender als die Argumente, die bemüht werden, um den Vertrauensbruch zu geißeln, ist die Allianz, die sich zum Schutze des Altkanzlers zusammengefunden hat. Dass Kai Diekmann von der "Bild" sich für den greisen Kanzler in die Bresche wirft, verstehe ich. Das Verhältnis der beiden ging immer über das Journalistische hinaus. Kohl hat in Diekmann eine Art Ziehsohn gesehen, der "Bild"-Chefredakteur war einer der beiden Trauzeugen bei seiner zweiten Heirat.

Aber ich hätte nie erwartet, auch aufrechte Kohl-Verächter wie Heribert Prantl oder die strenge "taz"-Vorsteherin Ines Pohl unter den Verteidigern zu finden. Keine Ahnung, was die Kollegen zu ihrem Einsatz treibt. Vielleicht hoffen sie bei der Gelegenheit, in einer Art Last-Minute-Bekehrung doch noch auf die richtige Seite der Geschichte zu kommen.

Bei keinem Bundeskanzler lagen große Teile der Presse so daneben wie in der Beurteilung des Mannes, der Deutschland so lange regiert hat wie niemand sonst. Für die Linke und damit die tonangebende Meinungsmacht war er der Dicke, die Birne, der Trampel, ein in jeder Hinsicht unfähiger und überforderter Mensch, die Geschicke des Landes in den Händen zu halten. Als er 1982 an die Regierung kam, hielt man das für einen Unfall der Geschichte, den schon die nächste Wahl korrigieren würde. Als er ein ums andere Mal im Amt bestätigt wurde, war er die Machtmaschine, die alles niederwalzte, was sich ihm in den Weg stellte.

Wenn es gegen Kohl ging, stand in vorderster Front natürlich auch immer der SPIEGEL. Was die Kohlverachtung angeht, konnte es keiner mit den Kollegen aufnehmen, die dort in den Achtziger- und Neunzigerjahren für die politische Berichterstattung verantwortlich waren. Kohl selbst hat sich ebenfalls nicht lumpen lassen, muss man sagen. Legendär, wie er SPIEGEL-TV-Redakteure abfertigte, die ihn auf dem Weg zu seinem Wagen um einen Kommentar baten. Bei SPIEGEL TV haben sie aus den kurzen Auftritten zu seinem 80. Geburtstag einen eigenen Film geschnitten, den man sich immer wieder mit großem Genuss anschaut.

SPIEGEL TV

In der Politik resultieren die größten Fehler aus Eitelkeit

Was viele Kritiker übersahen, wenn sie sich über Kohl lustig machten, war die Tatsache, dass er das Land viel eher verkörperte als sie in ihren Redaktionsetagen. Deshalb gewann er ja auch wider Erwarten eine Wahl nach der anderen. Was seine Beobachter als Bräsigkeit herabwürdigten, erschien dem Wahlvolk als Ausweis von Bodenständigkeit. Wo sie entsetzt den Kopf schüttelten, wenn er irgendwelchen Protestlern, die wild gegen ihn herumtobten, zurief, sie würden wohl alles bestreiten, nur nicht ihren Lebensunterhalt, lachten die meisten Deutschen zustimmend. Die Achillesferse der linken Intelligenz war schon immer ihre Volksferne, weshalb auch nur dort Populismus ein Schimpfwort ist - das hat niemand besser erkannt gehabt als Kohl.

Wenn man ihm einen Vorwurf machen kann, dann den, dass er sich den WDR-Redakteur Heribert Schwan ins Haus geholt hatte, um sich bei seinen Memoiren helfen zu lassen. Dass man einem Mann vom Rotfunk nicht trauen kann, hätte der alte Fuchs eigentlich wissen müssen; Verrat war schließlich immer eine zentrale Kategorie seines Denkens. Schwan hatte sich durch ein freundliches Filmporträt für den Job empfohlen. Die größten Fehler resultieren in der Politik nicht aus Nachlässigkeit oder Ignoranz, wie man sieht, sondern aus Eitelkeit.



insgesamt 75 Beiträge
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Seite 1
biggoldensun 14.10.2014
1. Gar nicht so übel
Ich weiß nicht, was die Leute haben - das Buch ist echt prima, und die Kommentare von Kohl ziemlich passend. Man merkt so richtig, was für eine Denke der Mann hat(te).
Mowgli09 14.10.2014
2. Nicht überbewerten
Die Aufzeichnungen aus Interviews zu veröffentlichen ist wohl kein Vertrauensbruch sondern war wohl von einem Journalisten zu erwarten (noch dazu, wenn man ihn sich zu diesem Behufe ins Haus lädt). Allerdings sollte man die Aussagen eines "abservierten" Altbundeskanzlers, der verletzt und gekränkt auf der heimischen Breitcordcouch sitzt, nicht historisch überhöhen. Kohls despektierliche Schmähungen erlangen erst durch das von seiner Gralshüterin M. Kohl-Richter angezettelte Gerangel ein Gewicht, das ihnen eigentlich nicht zukommt. Das Buch (wohl gemerkt, nicht das von Kohl sondern das von Schwan) wird - vor dem Hintergrund, dass Passagen verboten werden könnten - bald vergriffen sein.
Daedalus 14.10.2014
3.
Auch wenn ich den SPIEGEL aktuell nicht wirklich in die linke Ecke stecken wollen würde, mit der Berichterstattung zu Kohl (auch zu Kanzlerzeiten) hat sich das Magazin nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Schon an diesem lustigen kleinen Video erkennt man an wenigen Szenen, wie schlagfertig und den fragenden Journalisten überlegen der Mann doch war. Das muss ich einfach anerkennen, und ich bin oder war durchaus kein Kohl-Fan. Das größte Problem der Linken mit Kohl ist wirklich, was Sie schreiben: Kohl war als Politiker sehr lange Zeit sehr erfolgreich. Und das übliche Mittel von Linken, wenn sie argumentativ nicht mehr weiterkommen ist nunmal das Lächerlichmachen. Und das kommt recht häufig vor.
troubador 14.10.2014
4. Seine Dickfelligkeit war manchmal sogar vorteilhaft
Na ja: eine intellektuelle Geisteskraft war Kohl sicher nicht. Aber ohne seine sprichwörtliche Dickfelligkeit und teilweise Bauernschläue hätte er den ehemaligen Allierten die Wiedervereinigung mit Sicherheit nicht abgetrotzt! Das ist ohne Zweifel sein Verdienst! In der damaligen Parteienspendenaffäre der CDU gab er eine jämmerliche Figur ab!
klaxklix 14.10.2014
5. Wie wahr
Auch die Medienvertreter sind Teile eines Systems, wo die Politikerschelte oder auch das Lob Teil ihrer gewohnheitsmäßigen Arbeit sind. Interessant wird die Überlegung, wenn man sie auf die aktuellen Politiker anwendet. Wie wird über Angela Merkel berichtet. Verstehen auch hier Medien nicht die Wahrnehmung von Angela Merkel in der Bevölkerung? Ist die vielkritisierte Untätigkeit das, was sie für das Wählervolk so attraktiv macht, da man als Regierungschef keinen hektischen Aktionisten haben will?
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