Trauerakt für Helmut Kohl Der letzte Handschlag

Bill Clinton wurde persönlich, Emmanuel Macron politisch. Die Trauerfeier für Helmut Kohl hatte eine Würde, die wohl kein deutscher Staatsakt erreicht hätte. Angela Merkel gedachte zum Schluss noch einer weiteren Person.
Angela Merkel beim europäischen Trauerakt in Straßburg

Angela Merkel beim europäischen Trauerakt in Straßburg

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Bis zuletzt war dieser Staatsakt heikel. "Auf Wunsch von Dr. Kohls Witwe", teilte die Pressestelle des EU-Parlaments mit, sprächen Bill Clinton, Spaniens Ex-Regierungschef Felipe González und Russlands Premier Dmitrij Medwedjew.

Als "Schlussredner" folgten dann Macron und Merkel, hieß es weiter - der französische Präsident und die Kanzlerin sprachen also ganz offensichtlich nicht auf Wunsch von Maike Kohl-Richter. Hinter den Kulissen wurde teils hart um die Rednerliste in Straßburg gerungen - zeitweise war sogar Merkels größter Antagonist in der Flüchtlingspolitik, Ungarns Regierungschef Viktor Orbán, als Redner eingeplant.

Doch wie EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker betonte, war die Trauerfeier in Straßburg Kohls ausdrücklicher Wunsch gewesen. "Diesem Wunsch musste entsprochen werden. Diese Trauerfeier ist nicht nicht-deutsch." Auch Angela Merkel bemühte sich, die Zeremonie in ein deutsch-europäisches Gesamtkonzept einzuordnen: "Wir werden nachher Helmut Kohl nach Deutschland zurückbegleiten." So werde ein Bogen geschlagen, "vom Ehrenbürger Europas zum Kanzler der Einheit".

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Europäischer Trauerakt für Helmut Kohl: "Ein großer Staatsmann, ein politischer Gigant"

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Letztlich gelang in Straßburg eine würdevolle, versöhnliche Feier, die alle kleinlichen Reibereien seit Kohls Tod in den Schatten stellte. Als Maike Kohl-Richter mit schwarzem Hut, schwarzem Schleier und schwarzen Handschuhen an der Seite von Jean-Claude Juncker das Plenum betrat, zu den Klängen von Händels Trauermarsch "Saul", saßen im Publikum die wichtigsten europäischen Regierungschefs, zahlreiche politische Weggefährten Helmut Kohls aus Deutschland, und, wie Kanzlerin Merkel hervorhob, auch mancher einstige politische Gegner des Altkanzlers.

Durch alle Reden zog sich die Hochachtung für Helmut Kohls Fähigkeit, aus politischen Verhandlungspartnern Vertraute und Freunde zu machen. Oder wie es Frankreichs Präsident Emmanuel Macron formulierte: "Manchmal entscheidet sich das Schicksal der Welt auf menschlicher Ebene." Mehrmals kam Kohls Handschlag mit François Mitterand in Verdun zur Sprache, sein Bemühen um die Aussöhnung mit Israel und sein Verständnis für die Ängste vor einem überstarken wiedervereinigten Deutschland in Nachbarländern wie Polen.

Video: Wie Angela Merkel an Helmut Kohl erinnerte

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Juncker hob auch Kohls zutiefst emotionale Bindung an die europäische Idee hervor: "Minutenlang" habe Kohl geweint, als der Europäische Rat die Osterweiterung der EU beschlossen habe. "Europe at its best", schwärmte Juncker. Er hielt eine höchst emotionale Rede auf seinen "treuen Freund" und Förderer Helmut Kohl, deren Schlusspunkt allerdings etwas missglückt war: "Lieber Helmut, versprich mir, dass du im Himmel nicht gleich einen neuen CDU-Ortsverein gründest." Ein übereifriger Polit-Vereinsmeier, der überall zuerst seine Partei etablieren will, war der Altkanzler zuletzt gerade nicht gewesen.

Besser gelang es US-Präsident Bill Clinton, dem stärksten Redner in Straßburg, rührende und launige Elemente zu verbinden. Clinton scherzte über Kohls unermesslichen Appetit - "Er hat mich dazu gebracht, Dinge zu essen, die ich lieber nicht essen wollte" -, aber erinnerte die Zuhörer auch voller Ernst daran, dass "wir alle irgendwann in so einem Sarg liegen werden". Kohl habe vor schweren Gewissensfragen gestanden, die sich Politikern heute so nicht mehr stellten. Vor allem habe der Altkanzler seine Weggefährten einbezogen in etwas, "das größer ist als wir selbst und unsere vergänglichen Karrieren", lobte Clinton. "You've done a good job with your life."

Dank solcher Gesten hatte der europäische Staatsakt für den Staatsmann Kohl eine Größe, die vielleicht keine deutsche Zeremonie erreicht hätte. Es macht eben einen Unterschied, ob die Redner einer Trauerfeier nur das vereinte Europa beschwören, oder ob diese Trauerfeier im Herzen der Europäischen Union stattfindet, reibungslos organisiert von Saaldienern aus allen Mitgliedstaaten, begleitet von Musikern der Universität Straßburg, mit einem Sarg unter europäischer Flagge, getragen von Soldaten in deutscher und französischer Uniform - und alles in einem Gebäude, in dem die demokratisch gewählten Vertreter aller EU-Mitgliedstaaten um den Kurs der Europäischen Union ringen.

Im Plenarsaal von Straßburg wurde nicht nur Europas Ehrenbürger Kohl gefeiert, sondern auch Kohls Idee der EU als Herzensprojekt für den Frieden, betrieben von idealistischen Freunden. Wie weit die Realität von diesem Ideal entfernt ist, durch Eurokrise, Flüchtlingskrise und Brexit, sprach kaum ein Redner an. Auch Russlands Premier Medwedjew, gegen dessen Land die EU-Parlamentarier immerhin in diesem Straßburger Plenarsaal scharfe Sanktionen verhängt hatten, hielt eine versöhnliche Rede über Kohls "Traum einer gemeinsamen Heimstätte", den es zu verwirklichen gelte.

Sichtbar waren Europas Risse aber schon in der Sitzordnung: Die britische Premierministerin Theresa May landete in der protokollarisch bedeutungslosen dritten Reihe. Ein Sitz neben ihr blieb frei, wie als Symbol der selbstgewählten britischen Isolation. Weiter vorne saßen der spanische König, Israels Regierungschef Benjamin Netanyahu und Maike Kohl-Richters Vertrauter Kai Diekmann, langjähriger Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, dessen Blatt in der Eurokrise auch mal wenig idealistisch getitelt hatte: "Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen!"

Nur Emmanuel Macron thematisierte die Sinnkrise der EU in der wohl politischsten Rede des Tages. Die "Aufbauarbeit" Kohls "darf nicht ihren Sinn verlieren", forderte der Franzose. "Der europäische Geist muss erhalten bleiben." Er werde gemeinsam mit Merkel unermüdlich arbeiten, um Kohls "Werk wieder Sinn zu geben". Denn: "Die Geschichte wird streng richten über diejenigen, die nur nationale Egoismen bedienen."

Mit der größten Spannung war die Rede Angela Merkels erwartet worden. Sie begann spröde, mit Phrasen über die "Umbrüche", die Kohl "mitgestaltet" habe, die "wirtschaftliche Prosperität", die Deutschland ihm verdanke, oder das "große Ganze", das er stets im Blick gehabt habe. Das erste Drittel der Kanzlerinnenrede hätte auch ein Politiker halten können, der Kohl nie begegnet war. Doch dann streute Merkel zunehmend persönliche Erinnerungen in die Würdigung von Kohls Lebenswerk: Er habe ihr große Unterstützung gezeigt, als sie einen "schweren Beinbruch" erlitt. Und seine Rede bei einem Staatsbesuch von Honecker hätte ihr als DDR-Bürgerin Mut gegeben.

Als Einzige würdigte Merkel Kohls Heimatverbundenheit zur Pfalz, und als Einzige erinnerte sie an Kohls erste Frau Hannelore. Zwar dankte Merkel Maike Kohl-Richter für die "Hingebung und Liebe", die sie ihrem Mann gezeigt habe. Aber ihr Mitgefühl für seinen Tod galt "allen, die in Helmut Kohls Familie um ihn trauern".

Am Ende von Merkels Rede stand ihr Dank an den Mann, ohne den sie wohl nicht Kanzlerin geworden wäre: "Dass ich hier stehe, daran haben Sie großen Anteil." Am Ende verbeugte sich Merkel vor Kohls Sarg. Als zum Abschluss der Trauerfeier die deutsche und europäische Hymne erklangen, stand sogar der Satiriker Martin Sonneborn im Publikum auf.

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