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22. Juni 2017, 14:38 Uhr

Europäischer Staatsakt

Der gestohlene Kanzler

Eine Kolumne von

Maike Kohl-Richter hat durchgesetzt, dass es für den Kanzler der Einheit keinen Staatsakt in Deutschland geben wird - ein gezielter Affront gegen das Land, das Helmut Kohl 16 Jahre regierte. Wofür will sie sich rächen?

Das historische Urteil über Helmut Kohl fällt nahezu einhellig aus: Ein Ausnahmepolitiker sei er gewesen, ein zweiter Bismarck, eine Jahrhundertgestalt. Wie also nimmt Deutschland Abschied von dem Kanzler, dem es so viel verdankt?

Ein europäischer Staatsakt am 1. Juli ist vorgesehen, so erfahren wir. Im Europaparlament in Straßburg soll der Leichnam aufgebahrt werden, damit sich die Trauergäste aus aller Welt ein letztes Mal vor Kohl verneigen können. Dann kommt der Sarg per Hubschrauber und Schiff nach Speyer, wo er nach einem kurzen Requiem im Dom auf dem nahe gelegenen Friedhof beigesetzt wird.

Die Ehrung in Straßburg sei eine besondere Ehre, heißt es. Die Deutschen sollten sich glücklich schätzen, dass der große Europäer Kohl in dieser Form gewürdigt werde. So kann nur reden, wer keine Vorstellung von Begriffen wie Nation und Heimat hat oder sein Leben lang damit beschäftigt war, Schlangenöl zu verkaufen.

Der Betrug fängt schon mit dem Wort "Staatsakt" an. Die Veranstaltung in Straßburg ist alles Mögliche: eine Trauerfeier, eine Gedenkveranstaltung, eine Totenehrung. Ein Staatsbegräbnis ist diese Zeremonie nicht. Europa ist kein Staat, allenfalls ein Bündnis von Staaten. Daran kann auch keine gegenteilige Behauptung etwas ändern und auch nicht die penetrante Wiederholung, mit der Leute wie Jean-Claude Juncker das Wort benutzen.

Juncker als Maike Kohl-Richters williger Helfer

Die Entscheidung gegen einen Staatsakt auf deutschem Boden ist ein gezielter Affront. Maike Kohl-Richter hat entschieden, den Deutschen das letzte Geleit und damit die öffentliche Trauer zu verweigern. Sie hat sich dezidiert gegen eine Totenfeier in Berlin ausgesprochen und in Juncker einen willigen Helfer für dieses Manöver gefunden.

Kein deutscher Redner, das war nach SPIEGEL-Recherchen die ursprüngliche Vorstellung der Witwe, nur ausländische Staatsmänner sollten zu Wort kommen. Auf so eine Idee würden nicht mal Leuten verfallen, die jede Deutschlandflagge am liebsten durch die blaue Fahne mit den vielen Sternen ersetzen ließen. Wie man hört, konnte sie nur mit Mühe zu dem Einverständnis bewegt werden, dass wenigstens die Bundeskanzlerin spricht. Durch ihren Anwalt lässt sie inzwischen erklären, sie habe nie etwas gegen Merkel als Rednerin gehabt.

Dass eine Frau die Erinnerungshoheit über den Mann reklamiert, für den sie sich aufgeopfert hat, das kennen wir. Dass eine Witwe einen deutschen Kanzler nach seinem Tod außer Landes schaffen lässt, um Kontrolle über die Gästeliste zu erhalten, das ist neu.

Wo ein Kanzler beerdigt wird, wer die Trauerreden hält und in welcher Reihenfolge, das sind keine Petitessen. Ein Kanzler gehört nie nur sich selber, nicht einmal im Tod. Wäre es anders, gäbe es kein Protokoll, wie die letzten Dinge zu regeln sind. Die Institution lebt immer auch im Körper des Repräsentanten, das hat sich seit den Tagen der Monarchie nicht geändert.

Am Ende hat FJS seinen Rivalen doch noch ausgestochen

Wenn es jemanden gab, der ein Verständnis für die Bürde und Würde des Amtes hatte, dann Kohl. Sobald ihn Journalisten als "Herr Kohl" ansprachen, schaute er demonstrativ hinter sich, so als wolle er nachsehen, ob da noch jemand stehe.

Maike Kohl-Richter sagt, es sei der letzte Wille ihres Mannes gewesen, auf einen Staatsakt in Deutschland zu verzichten. Wenn das wahr ist, dann hat Kohl mit dem Volk gebrochen, das er 16 Jahre regierte. Sollen wir das glauben? Es ist bekannt, dass der greise Kanzler seit Langem nicht mehr sprechen konnte. Ein-Wort-Sätze, ein Nicken, wenn ihm eine Frage vorgelegt wurde: Viel mehr ging nicht. Nachdem ein Luftröhrenschnitt im Hals hinzukam, waren nicht einmal mehr Ein-Wort-Sätze möglich.

Weil auch denjenigen, die den Plan ausgeheckt haben, den toten Kanzler über die Grenze zu schicken, die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs bewusst ist, werden nun Erklärungen nachgeschoben, die den Affront mildern sollen. In Straßburg soll das europäische Vermächtnis gewürdigt werden, die Schaffung des Euro.

Das klingt honorig. Dabei ist es gerade dieser Teil seines Lebenswerkes, der besonders fragwürdig ist. Es ist noch zu früh für das letzte Wort, aber es spricht viel dafür, dass der Weg in die Gemeinschaftswährung dereinst nicht als bewundernswertes Friedenswerk gelten wird, sondern als große Torheit, die den Kontinent spaltete, statt ihn zu einen. Was immer bleibt, ist der Kanzler der Einheit, für den wäre der Ort der Erinnerung aber Berlin gewesen. So wird ausgerechnet der Teil des Erbes durch die Wahl des Gedenkortes entwertet, der auch noch in hundert Jahren Bestand haben wird.

Wenn man auf das Ende sehe, habe Franz Josef Strauß seinen Erzrivalen Kohl doch noch ausgestochen, hat Peter Gauweiler einmal angemerkt. Das Schicksal, die letzten Tage hilflos im Rollstuhl zu verbringen, blieb dem Mann aus Bayern erspart. Strauß war auf dem Weg zur Jagd, von einem Besuch beim Oktoberfest kommend, als ihn eine Herzattacke niederstreckte.

Nun wissen wir, dass Gauweilers Satz über den Tod hinaus Gültigkeit hat. Tausende säumten die Straßen, als der auf einer sechsspännigen Lafette ruhende Sarg des bayerischen Ministerpräsidenten durch die Ludwigstraße zum Siegestor geführt wurde. Wer dem Schauspiel beiwohnte, erinnert den Abschied bis heute.

Von Kohls Beerdigung werden ein paar Reden in einer französischen Grenzstadt bleiben, die schon ein halbes Jahr später verweht sind.

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