Helmut Kohl wird 75 Letzte Arbeiten am lebenden Denkmal

Durch die Spendenaffäre hat Helmut Kohl die Union in die tiefste Krise der Parteigeschichte gestoßen. Nun scheint dieses Kapitel endgültig vergessen. Pünktlich zum 75. Geburtstag ehren Angela Merkel und Co. den ehemaligen Bundeskanzler als großen Staatsmann.

Berlin - Helmut Kohl wird an diesem Sonntag seinen 75. Geburtstag zuhause feiern. Privat, mit der Familie und Freunden in Oggersheim. Die Partei bleibt außen vor. Doch eine Woche später beginnen in Berlin wahre Kohl-Jubiläumstage. Am 11. April wird der Reigen der Ehrungen im Deutschen Historischen Museum, einem von Historiker Kohl maßgeblich geförderten Projekt, eröffnet. Ex-Bundespräsident Roman Herzog wird auf der Geburtstagsgala sprechen, der Dresdner Trompeter Ludwig Güttler aufspielen. Am Tag darauf dann folgt die CDU-nahe Adenauer-Stiftung mit einem politischen Marathon: Sechs Stunden wird das Kohl-Symposium dauern. Titel: "Helmut Kohl - ein Leben für Deutschland und Europa - Stationen eines Lebens".

Auch die CDU-Vorsitzende Angela Merkel wird dort vortragen. Unter dem Titel "Was bleiben wird" hat sie in einem Aufsatz dieser Tage den Jubilar schon einmal die Weihen ausgesprochen.

Es gab eine Zeit, da hat die Partei Kohl versteckt. Zu den Deutschlandtagen der Jungen Union wurde er nach der Spendenaffäre nicht mehr eingeladen. Vorbei, verweht. Die CDU hat Kohl wieder in ihre Mitte aufgenommen, zeigt ihn und sie sich mit ihm, zuletzt im Europawahlkampf, auf Parteitagen sowieso. Wo er auftritt, wie etwa im vergangenen Herbst beim Nachwuchs von CDU und CSU, ist ihm der Jubel sicher.

Merkel profitiert von der wiedererwachten Zuneigung der Partei. In der Spendenaffäre war sie zunächst auf Distanz zum Ex-Kanzler gegangen, löste die Partei aus seinem Schatten und führte sie aus der schwersten Krise ihrer Geschichte. Das Verhältnis zu Kohl war angespannt, den Kontakt zum Übervater aber hat Merkel nie abreißen lassen. Die Ostdeutsche spürte, dass der Mann der westdeutschen CDU für viele an der Basis identitätsstiftend ist. Heute reden sie gelegentlich miteinander. Die Spendenaffäre, in ihrer Würdigung ist sie eine Randnotiz, fast versteckt am Ende ihres Aufsatzes. "Die Ereignisse waren damals eine für ihn wie für die ganze CDU bittere Zeit. Aber wir haben sie überwunden und unsere Lehren daraus gezogen", schreibt Merkel. Die CDU-Vorsitzende hat ihm viel zu verdanken. Es war Kohl, der die damals politisch weitestgehend unerfahrene Ostdeutsche als Umweltministerin in sein Kabinett holte; nun ist sie auf dem besten Wege, die erste Kanzlerkandidatin der Union zu werden.

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Kanzler der Einheit wird 75: Die CDU bastelt am Mythos Kohl

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Kohl und Merkel sind ohnehin biographisch nicht von einander zu trennen - ohne den Ex-Kanzler der Einheit gäbe es eben auch keine ostdeutsche Vorsitzende an der Spitze einer gesamtdeutschen CDU. Das weiß Merkel - und das betonte sie zuletzt immer wieder, wenn sie gemeinsam mit Kohl auftrat.

Kanzler der deutschen und der europäischen Einheit ist er für die CDU, doch in der Festschrift würdigt ihn Merkel ebenso als "bedeutenden Parteiführer" - für das Binnenverhältnis der Union ein bedeutsames Zeichen. Ausdrücklich lobt sie sein Streiten für eine moderne Union. Das "Frauenquorum", keinesfalls unumstritten in den eigenen Reihen, nennt sie eine der "wichtigsten Reformen, die Helmut Kohl in der CDU durchgesetzt hat".

Wer Kohl in den letzten Monaten beobachtet, ob im Europawahlkampf, auf Parteitagen oder dem Deutschlandtag der Jungen Union, der erlebte einen Mann, dem die Partei die Turbulenzen der Jahre 1999/2000 verziehen hat. Längst ist der Pfälzer, der von vielen Intellektuellen nach gewonnener Wahl 1983 als tumbe Erscheinung deutscher Mittelmäßigkeit verspottet und deshalb so gnadenlos unterschätzt wurde, für die CDU in der Ahnengalerie der großen Deutschen angekommen. "Die historische Leistung des Politikers Helmut Kohl", schreibt Merkel mit Bezug auf die Spendenaffäre, "kann sie ohnehin nicht angreifen". Die Lebensleistung des Mannes könne man nur "im Gesamtzusammenhang erkennen und beurteilen".

Konrad Adenauer und Ludwig Erhard sind zwei der großen Gestalten, die zum historischen Inventar der CDU gehören. Kohl wird, nur so lassen sich die Feierlichkeiten lesen, zur dritten Ikone.

Kohl war der jüngste Kanzler der Bundesrepublik - und er war derjenige, der am längsten im Amt war, noch länger als sein Vorbild Adenauer - 16 Jahre. In seine Zeit fielen entscheidende Wegmarken der deutschen Politik, vor allem in der Außenpolitik. Am Nato-Doppelbeschluss, den sein Vorgänger Helmut Schmidt in der Allianz durchgesetzt hatte, hielt er trotz Massenprotesten fest. An der Deutschlandpolitik der Ära Willy Brandt rüttelte er nicht, 1987 empfing er SED-Chef Erich Honecker in Bonn. Seine größte Lebensleistung bleibt die Einheit, die er, gegen Widerstand auch aus dem westlichen Lager, betrieb.

Was für die SPD Willy Brandt war und bleibt, ist für die CDU ihr Helmut Kohl - eine fast schon in den Olymp der Geschichte entrückte Gestalt. CDU-Chefin Merkel, rhetorisch geschickt, zitiert Lord George Weidenfeld: Der habe Kohl einmal als einen der größten Staatsmänner des letzten halben Jahrhunderts bezeichnet und ihn auf eine Stufe mit Adenauer, de Gaulle und Churchill gestellt.

Kräftig wird am lebenden Mahnmal in diesen Wochen gebaut, wie in der Festschrift der Adenauer-Stiftung nachzulesen ist. Felipe Gonzalez, der frühere spanische Ministerpräsident, Brandt-Intimus und Sozialist, lobt den Konservativen darin als "engagierten Bürger", der Deutschlands Einheit mit der Einheit Europas zusammengebracht habe. Gonzales, der selbst am Ende seiner Regierungszeit Demütigungen erleben musste, spricht mitfühlend von einer "Hetzjagd", die gegen den Altkanzler in der Spendenaffäre eröffnet worden sei.

Auch Michael Gorbatschow ist im Rückblick milde gestimmt. Den Vergleich mit Nazi-Propagandaminister Joseph Goebbels, den Kohl in einem Interview in den 80ern im Zusammenhang mit dem Perestroika-Reformer aufbrachte, erwähnt Gorbatschow nur noch verdeckt. Kohl habe sich später dafür entschuldigt, dass "ein paar Mal über die Stränge geschlagen worden sei, wobei er allerdings die Verantwortung überwiegend den Massenmedien zuwies".

Der kleine Schlenker Gorbatschows hin zu den Medien ist in diesem Zusammenhang erhellend - Kohl und sein Verhältnis zu den Journalisten, das war und bleibt Stoff für eigene Bücher. Dem SPIEGEL etwa, von dem er sich schon vor seiner Kanzlerschaft ungerecht behandelt fühlte, gibt er schon lange keine Interviews mehr.

Dem Altkanzler ging es in den letzten Jahren vor allem um eines - sein Bild in der Geschichte. Der Historiker Kohl hat den ersten Teil der Memoiren geschrieben, der zweite Band soll folgen. "Sie wollen die Geschichte abändern, sie wollen sie wieder neu schreiben", schildert Gonzalez ein Abendessen mit Kohl im Jahr 2000. Er, Kohl, werde das aber "nicht zulassen." Fünf Jahre später kann sich Kohl entspannt zurücklehnen - nicht nur die CDU, auch ein großer Teil der Deutschen scheint seine Ära in mildes Licht tauchen zu wollen. Die Menschen in Deutschland, so Altbundespräsident Herzog, seien zu Recht über die Spendenaffäre entsetzt gewesen. Doch heute seien sie "längst bereit, darüber hinwegzusehen". Er habe da vor einigen Wochen "ein merkwürdiges Erlebnis gehabt", erinnert sich der Präsident der Erfurter Universität, Wolfgang Bergsdorf. Zwei Drittel der Studenten seien bei einer Ehrung des Altkanzlers im Audimax aufgestanden. Dieses Erlebnis brachte den Professor dazu, die "historische Wertschätzung eines charismatischen Staatsmannes" zu untersuchen.

Das Ergebnis der Kurzexpertise, in der Festschrift der Adenauer-Stiftung veröffentlicht, dürfte dem Jubilar gefallen. Kohl, so Bergsdorf, sei "rehabilitiert" und dürfte "bald zum Mythos werden".

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