Helmut Kohl wird 80 Der Machtmenschler

Altkanzler Helmut Kohl: "Es kommt nicht so schlimm, wie man anfangs denkt"
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Altkanzler Helmut Kohl: "Es kommt nicht so schlimm, wie man anfangs denkt"

Eine Analyse von Franz Walter

2. Teil: Politik als Geduldsprobe - Aussitzen als Prinzip


Gewiss, Helmut Kohl war längst nicht so klug, auch nicht so gebildet wie Strauß. Aber Kohl verfügte über bessere Menschenkenntnisse, konnte zumindest in den Jahren seines Aufstiegs auch ihm geistig überlegene Figuren im eigenen engeren Umfeld aushalten, was Strauß für sich nie erduldete. Und Kohl war ein wirklicher Mensch der Macht, was Strauß auf barocke Weise gern gewesen wäre und ausgekostet hätte, aber eben nie in letzter Entschlossenheit und praktischer Raffinesse war.

Kohl war ihm da gründlich überlegen. Er durchschaute seinen Kontrahenten, er kannte dessen Schwächen, nutzte sie virtuos.

Kohl war im Spiel geblieben, weil er über einige Eigenschaften verfügte, die vielen oft weitaus begabteren Rivalen um die Macht abgingen.

  • Kohl konnte warten. Er war geduldig, zäh, resignierte nicht vorschnell, saß schwierige Zeiten mit langem Atem aus, steckte Rückschläge weg, ohne in Depressionen zu verfallen.
  • Kohl war ein robuster Politiker, weit robuster, als seine vier Vorgänger, Erhard, Kiesinger, Brandt, aber auch Helmut Schmidt.
  • In Kohls Vorstellungswelt existierten keine großen Ziele oder gar Utopien; er konnte daher nicht schnell enttäuscht oder frustriert werden.
  • Kohl war kein Intellektueller, der in sich versunken und vergrübelt über Paradoxien nachdachte, dialektisch in Komplexitäten reflektierte.

Kohl hielt sich eben für "normal", im Einklang mit dem ganz alltäglichen Denken einfacher Menschen, die fleißig arbeiteten, aber auch fröhlich feierten, die in ihrer Heimat wurzelten, in ihren Familien geborgen waren, im Glauben Halt fanden. So lebte - dies die unerschütterliche Überzeugung Kohls - das Gros der Menschen in der Mitte der Gesellschaft; so war er selbst auch groß geworden; und so wollte er Politik machen: für die Mehrheit der Menschen in der Mitte - und nicht für Ideologien, Bürokratien oder Strukturen.

Das Staatsgeschäft - von Mensch zu Mensch

Dass Kohl etliche Krisen politisch überlebte, dass er länger Kanzler blieb als jeder andere in den deutschen Demokratien, dies führte Kohl auf seine Erdung zurück. Und die ungewöhnliche Dauer seiner Laufbahn reproduzierte seine Selbstsicherheit, politisch mit dieser Wahrnehmung richtig zu liegen. Auch das Staatsgeschäft, die auswärtigen Angelegenheiten betrieb er so, von Mensch zu Mensch, wenn er mit Mitterand, mit Gorbatschow oder Bush zusammentraf. Nur Maggie Thatcher mochte das partout nicht leiden; und deshalb mochte Kohl sie nicht.

Kohl ging an Politik nicht analytisch heran, wie Helmut Schmidt. Er sah sich nicht als kühler Manager des politischen Prozedere, folgte nicht der Reihe: Problemdiagnose - Lösungsoptionen - Handlungsstrategie. Kohl urteilte nach praktischen Erfahrungsmaßstäben, auch nach Instinkt und Intuition, wie später Gerhard Schröder ebenfalls. Gern versuchte Kohl auch Krisen ganz zu leugnen, gar nicht erst darüber zu sprechen, jedenfalls den verstörenden Begriff zu vermeiden.

Seine häufig kitschige Sprache, seine Sentimentalität, seine menschelnde Kleinbürgerlichkeit sollten den Alarmismus schriller Reaktionen dämpfen, die Erregung mildern. "Es kommt nicht so schlimm, wie man Anfangs denkt" - diese Attitüde war eine mentalitätskonservierende Führungstechnik von Kohl, die gerade in den wahldominierenden älteren Jahrgängen der 1980er Jahre gut ankam, welche in ihrer Kindheit und Jugend genug erschreckende Dramen erlebt hatten und das beruhigende Sicherheitsversprechen Kohls gerne goutierten.

Hass, Ächtung - auch das Bestandteile des Systems Kohl

Das war gewissermaßen die plebiszitäre Seite der Kohl-Herrschaft. Aber allein damit hätte er wohl keine dritte Legislaturperiode als Kanzler der 1990er Jahre erlebt. Denn in der neuen Generation der bundesdeutschen Wahlbürgerschaft kam die nuschelnde Bodenständigkeit des Pfälzers nicht gleichermaßen positiv an. Insgesamt war Kohl bis 1989 der unbeliebteste Kanzler in der bundesdeutschen Geschichte. Seine Popularitätswerte lagen durchweg unter denen seiner eigenen Partei; über einen Kanzlerbonus verfügte Kohl in den ersten sieben Jahren seiner Regierungszeit nicht.

Aber es war gleich, dass er kein brillanter Redner war, kein großer Denker, kein glamouröser Schauspieler der Macht. Kohl hatte seine Partei. Was vielen, wohl klügeren Konkurrenten fehlte, das hatte er sich zielstrebig geschaffen: eine treue Prätorianergarde von Parteileuten, die ihm die Stange hielten, wenn die Gewitter der Medienkritik sich wieder einmal über das Kanzleramt entluden. Auch hier menschelte es, wenngleich es weniger harmlos zuging, als es die gemütliche Pose der Kanzlerrunden mit Riesling aus Wachenheim, Schweinebraten auf Toast und Bergen von Bratkartoffeln nahelegten.

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Kohl und Merkel: Meister der Macht
Es ist oft beschrieben worden: Kohl pflegte Männerfreundschaften seit den Tagen der Jungen Union. Er half und ihm wurde geholfen; er machte Karriere und zog die Getreuen nach. Er bewies Loyalität denen, die ihm treu ergeben waren. Wer irgendwann ausscherte oder sich gar widersetzte, den allerdings trafen Bann und Fluch. Hass, Ächtung, Feindschaft - auch das war Bestandteil des "Menschelns" im System Kohl.

Am Ende, schon nach Ablauf der Kanzlerschaft, wurden während des Parteispendenskandals 1999/2000 all die problematischen Züge grell offenbar, als Kohl unversöhnlich das Band zerschnitt, was ihn lange mit Wolfgang Schäuble und noch länger mit Norbert Blüm verknüpft hatte. Sie waren nun Verräter. Da blieb der Kanzler der Einheit unversöhnlich.

Bis heute, noch im Alter von 80 Jahren.

insgesamt 19 Beiträge
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Seite 1
namachschon, 31.03.2010
1. Wann....?
Zitat von sysopRobust wie er war, überstand er als Kanzler praktisch jede Krise: Helmut Kohl pflegte die Beziehungen zu loyalen Mitstreitern. Seine Gegner aber bekämpfte er mit großer Entschlossenheit. Er liebte die Macht - und nutzte sie. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,686191,00.html
[QUOTE=sysop;5273927]Robust wie er war, überstand er als Kanzler praktisch jede Krise: Helmut Kohl pflegte die Beziehungen zu loyalen Mitstreitern. Seine Gegner aber bekämpfte er mit großer Entschlossenheit. Er liebte die Macht - und nutzte sie. Hallo, ich freue mich auf den Tag, wo ich von diesen alten Politikern nix mehr hören und lesen muß. Es gibt genug aktuelle Probleme. Warum dauernd nach hinten schielen? Kohl, Genscher, Blüm, uns wie sie alle heißen - hatten ihre Chance, die Welt und die Gesellschaft zu ändern. Was haben sie daraus gemacht? Was ist in Erinnerung? Bimbes, Bimbes Bimbes, die Renten sind sicher, und der Umfaller von Genscher 1984. Ich würde mir wünschen, die lassen uns mit Ihrem Geschwafel in Ruhe. Eine verlogene Generation. Grüße...
freiheitodertod 31.03.2010
2. Ähm...
war ihnen das andere Thema zu negativ? Einfach mal neues erstellen, vielleicht ist ja die Stimmung für den Verbercher am Wohlstand und der Zukunft Deutschlands besser? Oder werden hier gleich die Beiträge aussortiert, die dem neuerdings rechtskonservativen und neoliberalen Spiegel nicht gefallen?
Caroline 31.03.2010
3. "Analyse" von Franz Walter
Nachdem ich den Anfang gelesen habe: s c h l i c h t k i t s c h i g a n d e r e k l ü g e r ist mir das Frühstück im Halse steckengeblieben, und ich habe mir das Weiterlesen erspart. Schon aufgrund der ersten boshaften Worte zum 80. Geburtstag eines Politikers wäre eine Analyse über das Herz des Autors angebracht!
GM64 31.03.2010
4. Immer noch der gleiche Neid
>>Er liebte die Macht - und nutzte sie.
sgift 31.03.2010
5. Titelboykott.
Zitat von CarolineNachdem ich den Anfang gelesen habe: s c h l i c h t k i t s c h i g a n d e r e k l ü g e r ist mir das Frühstück im Halse steckengeblieben, und ich habe mir das Weiterlesen erspart. Schon aufgrund der ersten boshaften Worte zum 80. Geburtstag eines Politikers wäre eine Analyse über das Herz des Autors angebracht!
Und wieso "begluecken" Sie uns dann mit ihren Kommentaren, wenn sie den Artikel eh nicht gelesen haben? Denn haetten Sie ihn gelesen waere Ihnen aufgefallen, dass Franz Walter das keineswegs boese meint, sondern nuechtern analysiert und vorallem auch die Vorzuege rausstellt, die diese Art fuer Kohl hatte. Denn obwohl Andere eben oft klueger waren war Kohl am Ende erfolgreich und viele Andere nicht.
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