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Helmut Kohl: Kanzler der Einheit

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Kohl-Feierstunde in Berlin Er ist wieder wer

Da ist er wieder: Vor 30 Jahren übernahm Helmut Kohl die Regierungsgeschäfte, die CDU wird das Jubiläum in dieser Woche groß feiern - zusammen mit dem Altkanzler. Angela Merkel will nicht zulassen, dass allein SPD-Mann Helmut Schmidt als "Elder Statesman" auftritt.
Von Gerd Langguth

Am 1. Oktober 1982 wurde Helmut Kohl im alten Bundestag in Bonn zum sechsten deutschen Bundeskanzler gewählt. In dieser Woche, genauer gesagt am 27. September, will die Union dieses Ereignis vor 30 Jahren mit großem Brimborium in Berlin feiern. Viele alte Weggefährten werden zu einem Festakt erwartet, bei dem Kohl im Mittelpunkt stehen soll. Zuvor wird der Altkanzler an diesem Dienstag zu einem Besuch in der CDU/CSU-Bundestagsfraktion erwartet, ein umjubelter Empfang ist ihm sicher.

Der Adenauer-Biograf Hans-Peter Schwarz hat in seiner kürzlich erschienenen 1000-Seiten-Biografie den Paukenschlag zu diesem Datum geliefert. Das Schwarz-Buch ist lesenswert, weil es nicht nur die politischen Phasen Helmut Kohls vom machtgetriebenen Provinzpolitiker zum Kanzler der deutschen Einheit beschreibt, sondern auch die menschlichen Seiten Kohls und seine Fehler etwa in der Spendenaffäre gut herausarbeitet.

Als eine Triebkraft steht eine Frau hinter den Kohl-Feierlichkeiten, die wohl zu den eigentümlichsten Persönlichkeiten im Umfeld der deutschen Politik zu zählen ist: Maike Kohl-Richter. Schon als junge Referentin im Kanzleramt verehrte sie den damaligen Kanzler der Einheit glühend. Kohl wollte sie schon frühzeitig um sich wissen. Sie hatte sich um Mitarbeit in seinem Redeschreiber-Stab beworben. Da wäre sie näher an ihm dran gewesen. Die zuständige Leitung dieser Gruppe hatte dieses Angebot aus fachlichen Gründen dankend abgelehnt - und Kohl, der Tuschelei vermeiden wollte, hatte dies auch nicht kraft seiner Amtsgewalt durchsetzen wollen.

Die Verehrung von Maike Richter führte schließlich zur zweiten Ehe Kohls, wobei die junge Frau sich als Denkmalpflegerin, Erblasserin, aber auch als Herrscherin über den Kohlschen Nachruhm inszeniert.

Überschattet werden die Kohl-Festspiele von der Tatsache, dass dieser große deutsche Politiker, der die Geschichte Deutschlands und Europas in der Nachkriegszeit maßgeblich beeinflusst hat, als Privatmensch und Familienvater völlig gescheitert ist. Aufschlussreich ist das Buch seines Sohnes Walter, der dargelegt hat, wie die Familie unter dem Machtstreben des Vaters litt.

Besonders tragisch erscheint seine Lebenssituation in der jüngsten Zeit, in der er die Söhne mehr und mehr aus seinem Leben aussperrte. Die genauen Umstände sind unklar, doch als die beiden Söhne aus Anlass des zehnten Todestags ihrer Mutter mit dem Vater zum Grab wollten, wurden sie von der Polizei aufgefordert, das Gelände am Wohnhaus in Ludwigshafen zu verlassen. Über seine zweite Hochzeit hat er sie nur schriftlich unterrichtet.

Maike Kohl-Richter erweist sich für Helmut Kohl als Segen und Fluch zugleich. Ein Segen, weil sie diesem alten und von Krankheit schwer gezeichneten Mann beisteht und zu leben hilft; ein Fluch, weil sie ihn scheinbar abschottet, auch gegen alte Vertraute. Womöglich sogar gegenüber der eigenen Familie?

Ehrung für das Lebenswerk

Der Zweck der Feierlichkeiten ist nun ein dreifacher: Zum einen wird das Lebenswerk eines großen Mannes gewürdigt. Das sehen auch die CDU und Angela Merkel inzwischen als ihre Aufgabe an. Sie will außerdem nicht länger zulassen, dass nur Helmut Schmidt als "Elder Statesman" auftritt. Zum zweiten soll nach Jahren der Demütigung durch alles, was mit der Spendenaffäre im Zusammenhang steht, endlich wieder das politische Lebenswerk Kohls hervortreten. Und zum dritten soll der Bruch, der zwischen der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und dem Kanzler der Deutschen Einheit durch den "Scheidebrief" der damaligen CDU-Generalsekretärin Merkel in der "FAZ" am 22. Dezember 1999 entstand, wieder geheilt werden.

Zwar wird Kohl die bitteren Gefühle seiner Nachfolgerin gegenüber nie wieder los, aber wenigstens nach außen soll eine Kontinuität der großen deutschen Kanzler von Adenauer über Kohl bis hin zu Angela Merkel hergestellt werden. Kohls Interesse daran: Er bekommt seinen Platz in der Geschichte und der CDU zurück. Und Merkel möchte die große Leitfigur der CDU, Helmut Kohl, wieder in die Unionsfamilie aufnehmen und damit den Zusammenhalt der Generationen sichern. Wobei es auffällt, dass sich gerade die junge Generation unter ihrem Junge-Unions-Vorsitzenden Philipp Mißfelder massiv für Kohl einsetzt.

So hat die Junge Union auf dem Parteitag der CDU durchgesetzt, dass Helmut Kohl noch zu Lebzeiten eine Briefmarke bekommt, die seine Verdienste würdigt, was eigentlich unüblich ist. Zu Lebzeiten wurden bislang nur Bundespräsidenten und Papst Benedikt XVI. mit einer Briefmarke bedacht. Ab dem 11. Oktober soll die 55-Cent-Sonderbriefmarke mit dem Abbild des langjährigen Kanzlers ausgegeben werden.

Zerwürfnis mit Wolfgang Schäuble beenden

Der Bundesfinanzminister ist normalerweise für die Vorstellung neuer Briefmarken zuständig, also Wolfgang Schäuble. Im Falle Kohl wird dies jedoch Angela Merkel übernehmen. Ironie der Geschichte: Die Feiern zum 30. Jahrestag des Regierungsantritts von Helmut Kohl fallen in denselben Zeitraum wie der 70. Geburtstag seines früheren Vertrauten und heutigen Feindes Wolfgang Schäuble. Kohl hätte Schäuble in der Spendenaffäre um ein Haar mit in den Abgrund gerissen, erst im letzten Moment war es Schäuble gelungen, sich von Kohl freizumachen.

Schäuble überstand selbst den Umstand, dass er in die Spendenaffäre verwickelt war und das Parlament in einer zentralen Frage der Spendenaffäre belogen hatte. Und als Finanzminister unter Angela Merkel - und nicht zuletzt in der Euro-Krise - gewann er neue Bedeutung und neues Gewicht. In der Bevölkerung ist er beliebt, in Umfragen belegt er regelmäßig einen der vorderen Plätze. Sein schweres Schicksal im Rollstuhl bewegt die Bürger - und ihr Vertrauen hilft ihm umgekehrt in seinem wichtigen Amt.

Kohl hat immer wieder versucht, Kontakt zu Schäuble aufzunehmen. Der Suizid seiner Frau hat ihn sehr belastet, möglicherweise wollte er das schwere Zerwürfnis mit Wolfgang Schäuble noch ausräumen, so lange er sich dazu noch in der Lage sieht. Dieser aber hat sich bisher einem Verständigungsversuch verweigert - vielleicht, weil er Kohl bis heute misstraut. Aber auch Kohl hat nun eine wichtige Geste verweigert: Eine Einladung zur offiziellen Feier für Wolfgang Schäuble ließ er ohne Angabe von Gründen absagen.

Die Kohl-Festspiele werden ihr Ziel wohl dennoch erreichen: Das Bild Helmut Kohls in den Geschichtsbüchern wirkt schon harmonischer, die Spendenaffäre tritt weiter in den Hintergrund, und die Traditionslinie der CDU dürfte wieder geschlossen sein nach diesen Tagen des Jubels über einen großen Europäer. Das ist er ohne jeden Zweifel.

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