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14. Juni 2017, 16:41 Uhr

Ex-Kanzler in Wehrmachtsuniform

Helmut Schmidt darf wieder an die Wand

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Ursula von der Leyen geht hart gegen Extremismus bei der Bundeswehr vor, doch einer Razzia fiel auch ein Bild von Ex-Kanzler Schmidt zum Opfer. Nun darf es wieder hängen - unter Auflagen.

Die Hamburger Helmut-Schmidt-Universität der Bundeswehr hat nach Auskunft eines Sprechers das Foto des Namensgebers und Ex-Kanzlers wieder aufgehängt. Das Foto von Helmut Schmidt (1918 bis 2015) stammt aus dem Jahre 1940 und zeigt Schmidt als Leutnant der Luftwaffe.

Anfang Mai hatte ein leitender Militär die Aufnahme von einer Pinnwand in einem Wohnheim der Uni abgenommen; Studenten hatten es vor Jahren dort angebracht. Der Offizier reagierte damit auf eine Anordnung von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU), sämtliche Standorte der Bundeswehr nach Relikten der Wehrmacht zu durchsuchen und diese zu entfernen.

Die Ministerin hatte damit auf die Affäre um den rechtsextremen Soldaten Franco A. reagiert.

Die Abnahme des Schmidt-Bilds rief scharfe Kritik in der Öffentlichkeit und insbesondere bei führenden Sozialdemokraten hervor, darunter Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz. Der Hamburger Schmidt hatte im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront in einer Panzerdivision gekämpft, war als Referent für Ausbildungsvorschriften dem Oberkommando der Luftwaffe zugeteilt und zuletzt an der Westfront als Oberleutnant und Batteriechef eingesetzt.

Nun soll das Schmidt-Bild kontextualisiert werden. Das Verteidigungsministerium schlug der Hochschule vor, ein weiteres Konterfei Schmidts anzubringen, das ihn als Verteidigungsminister (1969 bis 1972) oder als Kanzler (1974 bis 1982) zeigt. Zudem soll die Uni eine ausführliche Texttafel erarbeiten, die Schmidts Karriere in der Wehrmacht einordnet. Als Leitüberschrift hat das Ministerium die Formulierung vorgeschlagen: "Helmut Schmidt, ehemaliger Verteidigungsminister, fiel bereits als junger Reserveoffizier durch kritische Bemerkungen zur NS-Führung auf."

Verteidigungsministerin von der Leyen korrigiert sich mit diesem neuen Schritt ein weiteres Mal. Als die Abnahme des Bildes vor gut einem Monat einen Shitstorm hervorgerufen hatte, distanziert sie sich zunächst von der Universität. Einige Tage später erklärte sie jedoch, Ex-Kanzler und Ex-Verteidigungsminister Schmidt sei zwar für den "Aufbau der Bundeswehr als eine Armee der Demokratie" prägend gewesen, aber nicht wegen seiner "Zeit in der Wehrmacht". Damit legte sie nahe, die Entfernung des Konterfeis sei richtig gewesen. Nun also ein neuer Schwenk in der Causa Schmidt.

Die Uni hat sich die Anregungen aus Berlin allerdings nur teilweise zu eigen gemacht. Das Schmidt-Bild hängt nicht mehr an der Pinnwand, sondern an einer Wand gegenüber - mit der vorgeschlagenen Leitüberschrift als Bildunterschrift. Daneben ist jetzt ein Porträt des Pensionärs Schmidt aus den 2000er Jahren zu sehen. Und dazwischen ein Auszug einer Rede, die Schmidt 2008 anlässlich des öffentlichen Gelöbnisses von Bundeswehrrekruten vor dem Reichstag gehalten hatte. Die endgültige Texttafel soll später erstellt werden. Damit würde die Universität dann auch dem gültigen Traditionserlass entsprechen.

Die Debatte um Schmidts Zeit in der Wehrmacht wird damit allerdings nicht enden. Es ist umstritten, wann Schmidt sich vom Nationalsozialismus abgewandt hat. In dem nun gezeigten Rede-Auszug erklärt er, er habe 1944 angefangen, "den verbrecherischen Charakter des 'Dritten Reiches' zu begreifen". Unmittelbar nach Kriegsende hatte er seine "endgültige Abkehr von Idee und Praxis des Nationalsozialismus" noch auf 1942 datiert.

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